Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 169

Ursachen und Zulassungsgrund von Besessenheit. Rechter Befreiungszeitpunkt.

01] Nach einer Weile der genossenen Ruhe sagte Petrus: »Herr, ich begreife nun schon so manches, aber das Besessensein - besonders unschuldiger Kinder - vom Teufel, und daß sie von solch einem argen Bewohner ihres Leibes oft auf die erbärmlichste Weise geplagt werden, das begreife ich nicht! Wie solch einen Unfug Deine Weisheit und Deine Ordnung zulassen kann! Das Töchterchen des Weibes, das uns heute nachlief, dürfte kaum dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein, und nach der Aussage der Mutter ist es bereits sieben volle Jahre hindurch von einem Teufelsgeiste auf eine kaum glaublich böse und schmerzlichste Weise täglich bei sieben Stunden lang gepeinigt worden. Warum mußte denn so etwas zugelassen werden?«
02] Sage Ich: »Das sind Dinge, die euer Verstand jetzt noch nicht vom Grunde aus fassen kann! Aber da wir hier ganz ungestört beisammen sind, so will Ich euch gleichwohl einige Winke davon geben; und so vernehmet Mich!
03] Die Erde ist die Trägerin von zweierlei Arten von Menschen. Die eine und bessere Art stammt von oben, ursprünglich schon, darunter zu begreifen sind die Kinder Gottes. Die andere und eigentlich schlimme Art aber stammt pur von dieser Erde ab; ihre Seele ist gewisserart eine Zusammensetzung von einzelnen Lebensteilchen, die, vom Satan genommen, in der Masse des Erdkörpers als Materie gefangengehalten werden, von dieser dann durch die Pflanzenwelt in die Tierwelt übergehen, sich durch die vielen Stufen der Tierwelt endlich dann als eine Potenz, bestehend aus zahllosen Urseelenteilchen, zu einer Weltmenschenseele ausbilden und bei den besonders ungesegneten Zeugungen in den Leibern der Weiber Fleisch annehmen und weiter, gleich wie die Kinder des Lichtes aus der geistigen Sphäre der Himmel, in diese Welt geboren werden.
04] Nun, solche Kinder, da ihr ganzes Wesen aus dem Satan genommen ist, sind dann auch stets mehr oder weniger der Gefahr ausgesetzt, von irgendeinem bösen Geiste, das heißt von der schwarzen Seele eines einst auf dieser Erde schon im Fleische gelebt habenden Teufels von einem Menschen, besessen zu werden, was aber besonders da am ehesten geschehen kann, wo eine solch junge, aus dem Satansteile der Erde genommene Seele eine gute und himmlische Richtung zu nehmen beginnt. Weil dadurch ein Lebensteil sich aus der Sphäre der Hölle entreißt, so verursacht solches der gesamten Hölle einen unerträglichen Schmerz, darum sie dann auch alles aufbietet, um solch eine Verwundung zu verhüten.
05] Du fragst nun freilich, wie solches der Hölle denn doch einen Schmerz verursachen könne; denn eine solche Seele müsse der Hölle gegenüber ja doch noch ums Unnennbare kleiner und geringfügiger sein, als da ist ein Härchen am Menschen dem ganzen Menschen gegenüber. Und Ich sage dir, daß dies allerdings richtig geurteilt ist; aber ergreife du an deinem Leibe das kleinste Härchen und raufe es aus, und du wirst dabei gewahr werden, daß du beim Akte des Haarausraufens nicht bloß an der Stelle des Härchens, sondern wohl im ganzen Leibe einen unausstehlichen Stechschmerz verspüren wirst, der dich zur Verzweiflung brächte, so er nur eine Stunde gleichfort währte.
06] Aus dieser dir nun gegebenen Erklärung kannst du nun schon ein wenig tiefer einsehen, warum auf der Erde das Besessensein vorkommt und bis ans Ende dieser Erde vorkommen wird.
07] Dieses Besessensein aber hat für den Besessenen auch sein entschieden Gutes; denn eine solche Seele, deren Leib von irgendeinem Teufel in Besitz genommen wird, wird durch die Qualen ihres Fleisches offenbarst geläutert und vor dem bösen Eingehen in ihren Leib bewahrt. Zur rechten Zeit aber kommt dann schon die Hilfe von oben, und eine Weltseele ist dann total gewonnen für den Himmel. - Sage, ob du die Sache nun etwas begriffen hast!«
08] Sagt Petrus: »Ja Herr, das ist mir nun ganz klar geworden; aber dann wäre es ja beinahe besser, einem noch so schwer Besessenen gar nicht zu helfen!?
09] Sage Ich: Wenn jemand kommt und dich um Hilfe angeht, so sollst du sie ihm nicht vorenthalten; denn da sorgt schon Meine Vorsicht dafür, daß irgendein Beteiligter nicht eher in diesen Fällen zum Hilfesuchen gelangt, bis es beim Besessenen gerade an der Zeit ist, daß ihm eine rechte Hilfe werde. Darum ist sie denn auch keinem Suchenden vorzuenthalten! - Verstehest du denn nun auch diese gleich vollwichtige Erklärung?«
10] Sagt Petrus: »Ja Herr, Dir allein allen Dank, alle Liebe und alle Ehre darum! So gibt es in der Welt denn doch nichts, woraus für den in göttlichen Dingen Verständigen nicht gleichweg die höchste Liebe und Weisheit Gottes vollauf ersichtlich wäre!«
11] Sage Ich: »Ja, also ist es, darum sollt ihr denn auch bei allen noch so widerwärtigen Erscheinungen auf dieser Erde nicht verzagen; denn der Vater im Himmel weiß darum und weiß es am besten, aus welchem Grunde Er sie zuläßt!
12] Also sind die meisten Krankheiten, die die Menschen zu durchleiden haben, nichts als Verhütungen, daß die Seele nicht eins werde mit dem Fleische, das sogar bei den Kindern des Lichtes aus dem gebannten Satan genommen ist; nur ist bei den Kindern des Lichtes ein Unterschied darin, daß ihre Leiden, wenn die Seele fleischlich werden will, vom Himmel aus verfügt werden. Aber auch die Schmerzen der Kinder der Welt werden dahin aus den Himmeln verordnet und zugelassen, sind aber im Grunde doch Schmerzen der Hölle, die der Leib des Weltkindes als ein voller Teil der Hölle gleichsam mitfühlt, wenn die Hölle dadurch in einen großen Stechschmerz versetzt wird, so ihr durch den gewaltigen Einfluß der Himmel ein Teil ihres Gesamtlebens vom Grunde aus abgerissen wird! - Verstehst du nun auch solche Meine Erklärung?«
13] Sagt Petrus: »Ja Herr, auch diese Erklärung verstehe ich; Dir wie allzeit alle meine Liebe für ewig!«


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