Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 161

Eigentumsdisput zwischen einem Schiffsknecht und Engel Raphael.

01] Als der Schiffsknechtmeister diese seine Erzählung beendet hatte, da glitt der früher rauhe Schiffsknecht bei einem etwas ungeschickten Tritte aus beim Gehen ins Schiff, aus dem er seine Muscheln holen wollte, deren auch er einige in der Eile mitgenommen hatte - d.h. in der Nacht aus dem trockenen Meeresgrunde -, und fiel seiner ganzen Länge nach hin, als ob er nie gestanden wäre. Da fingen die andern Knechte an, ihn auszulachen und sagten: »Das ist doch gleichfort der alte ungeschickte Mensch!« - Da ärgerte sich der noch am Boden Liegende.
02] Aber Raphael sprang hinzu, half ihm schnell wieder auf die Füße und sprach: »Siehst du nun, was das ist, daß ich stehengeblieben bin? Denn mir ist es schon so im Geiste vorgegangen, daß du heute fallen wirst; und nun bist du richtig gefallen, und ich, als dein schwacher Milchbursche, konnte dich, hoffentlich doch schnell genug, vom Boden heben und dir dadurch wieder den ungehinderten Gebrauch deiner etwas ungeschickten Füße verschaffen!«
03] Brummt der Schiffsknecht in seinen dicken Bart hinein: »Nun ja, das ist wohl gut; aber solche Burschen sind auch oft voll heimlichen Bummelwitzes und machen, daß unsereinem etwas begegnet! Oh, ich kenne schon solche Schliffel! Du scheinst sonst ein ganz ehrlicher Bursche zu sein, - aber ein Bursche bist du einmal, und das ist genug! Ein jeder Bursche aber hat immer etwas Schliffelhaftes im Leibe. Daher bleibe mir nur immer wenigstens drei Schritte vom Leibe!«
04] Sagt Raphael: »Freund, du irrst dich an mir himmelgroß! Aber ich vergebe es dir; denn du weißt es ja nicht, wen du in mir vor dir hast.«
05] Sagt der Schiffsknecht: »Nun, nun, was wird man in seinem fünfzehnten Jahre etwa auch schon sein? Höchstens so ein Prinz aus Rom oder von woanders her! Oder bist du etwa gar ein so ein bißchen allmächtiges Anhängsel von unserm lieben Herrgott?«
06] Sagt Raphael: »Ja, ja, so etwas dergleichen! - Aber nun hole nur deine Muscheln aus dem Schiffe!«
07] Der mürrische Schiffsknecht begibt sich darauf ins Schiff und kommt nach einigen Augenblicken mit ein paar Muscheln und einer Nautilusschnecke wieder zu uns zurück und zeigt sie uns.
08] Die drei Stücke waren recht schön, aber natürlich von keinem absonderlichen Werte, und Raphael sagt zu ihm: »Als Angedenken sind sie gut genug, aber Wert ist keiner darin! Was wirst du nun damit machen?«
09] Sagt der Schiffsknecht: »O Milchbube! Auf diese Weise kann man wohl Sperlinge, aber keine ergrauten Schiffer fangen! Du möchtest mir diese Stücke abtreiben, so ganz umsonst; aber der alte Dismas ist nicht so dumm, wie er vielleicht aussieht! Diese drei Stücke kosten drei Silbergroschen und werden um keinen Pfennig billiger hergegeben; wenn du die drei Groschen hast, so gib sie her, und ich gebe dir diese drei schönen Stücke darum!«
10] Sagt Raphael: »Wegen der drei Groschen, das wäre mir wohl das wenigste; aber daß du eine Sache verkaufen willst, die streng genommen nicht einmal dein volles Eigentum ist, das ist mir nicht recht! Sieh, in dieser Bucht hat von alters her kein Mensch das Fischerrecht denn allein die Bürger von Genezareth oder der, dem sie es verpachten. Du hast diese drei Muscheln sonach auf dem Grunde Ebahls, der dies Wasser im Pachte hat, aufgelesen, und sie sind somit streng genommen dessen Eigentum; wenn er dir sie erst ganz schenkt, dann sind sie dein, und du kannst sie dann auch als dein Eigentum behandeln.«
11] Sagt Dismas: »Da sehe man einmal diesen Milchbuben an! Der spricht ja wie ein Richter aus Rom! Du wärest mir ein sauberer Rechtspatron! Du disputiertest mir noch meinen schlechten Rock vom Leibe! - Das Meer ist allenthalben des Schiffers Grund und Boden; was ihm das Wasser gibt, ob in einer Bucht oder draußen auf der offenen See, das gehört niemandem denn ihm allein, und damit sind alle deine einstudierten Rechtsgrundsätze zu Boden geschlagen! Denn ein bißchen kennt sich auch unsereiner beim Recht aus! Darum drei Silbergroschen, - und die drei Stücke gehören Dir!«
12] Sagt Raphael: »Wird nichts daraus! Solange sie unser Ebahl nicht als dein Eigentum erklärt, kann ich sie dir nicht abkaufen!«
13] Hier wendet sich Dismas dennoch an Ebahl und fragt ihn, was er zu der Behauptung des Buben sage.
14] Sagt Ebahl: »Unser Raphael hat, streng genommen, recht, und ich könnte allerdings diese drei Stücke als mir gehörig in Besitz nehmen; aber der von solch einem Rechte nie Gebrauch macht und machen wird, das bin ich, und somit gehören die drei Stücke nun leiblich dir, - geistig aber gehört ohnehin die ganze Erde Gott dem Herrn, und somit auch diese drei Muscheln!«
15] Mit diesem Bescheide ist unser Dismas auch vollkommen zufrieden und fragt nun den Raphael, sagend: »Nun, wie sieht es denn nun aus mit den drei Silbergroschen?«
16] Sagt Raphael: »Da sind sie; gib aber die drei Stücke dem Ebahl, der sie aufbewahren wird zu einem Gedächtnisse an diese Zeit!«
17] Dismas nimmt die drei Groschen und legt die drei Stücke vor Ebahl hin; dieser aber gibt sie der Jarah und sagt: »Da, bewahre sie auf neben deinen andern Gedenksachen; sie sollen für uns einen großen Wert haben!«
18] Jarah übernimmt die drei Stücke mit vieler Freude und sagt: »Oh, das sind wundervoll schöne Dinge! Welch ein herrlicher Farbenglanz aus ihnen spielt! Wahrlich, da kann und muß man ja mit Hiob ausrufen: >Wie herrlich sind, o Gott, Deine Werke! Wer ihrer achtet, hat keine eitle Lust daran!< Wer lehrte die Schnecke sich so ein schönes Haus zu erbauen?! Ohne Balken und Ziegel steht es herrlicher da, als Salomon war in seiner strahlendsten Königspracht!«
19] Hierauf wendet sie sich an Raphael und dankt ihm für dieses schöne Geschenk, fragt ihn aber zugleich, da sowohl die Schnecke als die beiden Muscheln ihres lebenden Inhaltes bar waren, wohin die einst in diesen schönen Gehäusen lebenden Tiere gekommen seien.
20] Und Raphael sagt: »Meine liebste Jarah, die Tiere sind schon vor mehreren tausend Jahren gestorben und somit auch schon lange verwest; aber die Gehäuse können noch mehrere Tausende von Jahren bestehen und werden dadurch weder an ihrer Form noch an ihrer Schönheit etwas Besonderes verlieren. Ihre Materie ist reinster Kalkstoff, und dieser verwest im freien Zustande, besonders unter dem Wasser, nimmer! Soviel darfst du vorderhand wohl wissen; was darüber hinausgeht, das wirst du dereinst erst jenseits in aller Tiefe kennenlernen!« - Da erstaunt die Jarah sehr, als sie von solch einem Alter hört.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 2   |   Werke Lorbers