Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 160

Berichte von Schiffern über Erlebnisse der vergangenen Nacht.

01] Wir alle setzen uns nun um die Schiffer auf den schönen Rasen. Nur Raphael bleibt stehen, und ein Schiffsknecht sagt zu ihm: »Bursche, setze dich auch, der Rasen ist ein Gemeindegut, und da braucht fürs Daraufsitzen kein Mensch etwas zahlen!«
02] Der Engel aber sagte: »Erzählet ihr nur fort; ich werde mich schon setzen, wenn ich des Stehens müde werde! Zudem könnte es denn doch geschehen, daß von euch einer oder der andere das Gleichgewicht verlöre, und ich kann da schneller bei der Hand sein, jemandem wieder auf die Beine zu helfen.«
03] Sagt der eine Schiffer: »Du wohl du, du fünfzehnjähriger Milchbursche! Dir hängen noch die Windeln an den Beinen, und du traust dir die Kraft zu, unsereinen aufzuheben, so er fiele? Das heißt, mein Lieber, sich ein bißchen zuviel zutrauen!«
04] Sagt der Engel: »Fanget einmal zu erzählen an nach dem Wunsche des Herrn; das andere wird sich dann schon zeigen, wenn es allenfalls nötig werden sollte!«
05] Darüber stellt sich der etwas rohe Schiffsknecht zufrieden, und der Schiffsknechtmeister beginnt folgende Erzählung: »Es war so um die erste Nachtwache, da ward es auf einmal sonderbarerweise helle wie am Tage; aber wir sahen nirgends etwas Leuchtendes und dachten uns, es müsse allenfalls etwa hinter den Bergen ein indisches Feuer brennen in großem Maße, und es werde von selbem die Luft also helle gemacht. Nur war die Helle offenbar zu stark, als daß wir sie als von einem indischen Feuer abstammend hätten erkennen sollen; aber sei ihm nun wie ihm wolle, die Helle war einmal beinahe die ganze Nacht vorhanden und ward manchmal so stark, daß wir uns im hellsten Tage zu befinden wähnten. Daß es uns dabei dennoch ein wenig unheimlich zumute war, läßt sich leicht denken. Es kamen auch mehrere aus der Stadt zu uns und meinten, das Meer leuchte so stark.
06] Aber wir alle wurden nur zu bald einer andern Erscheinung gewahr, und diese war noch um vieles merkwürdiger! Wir wollten nun alle das Meer in einen größern Augenschein nehmen. Und sieh - aber ich bitte, uns da nicht auszulachen! -, es war kein Tropfen Wasser darin, und unser Schiff ruhte auf trockenem Boden; wir aber hatten da Gelegenheit, die ganze Tiefe des Meeres zu schauen. Es war schauderhaft! Unser Schiff lehnte auf einem vorspringenden Felsen; aber auf allen Seiten des Felsens war auch ein Abgrund von mehreren hundert Mannshöhen. Da in die Bucht gen Genezareth hinein aber ist durchgängig nur ein seichter Grund, und wir wandelten darin herum und klaubten eine Menge recht schöner und seltener Muscheln und Schnecken zusammen.
07] Als wir aber ganz harmlos mit unserm Sammeln beschäftigt waren, seht, da geschah auf einmal ein heftigster Blitz, dem ein überaus starker Donner folgte. Wir flohen jählings ans Ufer, vergaßen darob unsere gesammelten schönen Muscheln und getrauten uns dann aber auch nicht mehr, dieselben holen zu gehen, und sie blieben darum bis auf ein paar, die ich in den Sack gesteckt hatte, dort, wo wir sie fanden. Aber erst nachdem etwa in der dritten Nachtwache das Meer wieder so wie zuvor die Ufer füllte und bespülte, fiel es uns stets mehr und mehr auf, was dies mit dem doch schön großen Meere für eine Bewandtnis hatte haben müssen, daß es auf einmal so gänzlich bis auf den letzten Tropfen sich irgendwohin hat verlaufen können!
08] Aber da sagte zu uns ein alter Mann, der auch hier zu Hause sei, solches täten dann und wann die erzürnten Berg- und Luftgeister und strafeten dadurch die Wassergeister! Wir lachten zwar, aber in der Not ist schon eine schlechte Erklärung besser denn gar keine. Etwa in der vierten und letzten Nachtwache ward es dann erst etwas dunkler, und wir gingen in unser Schiff und legten uns ein wenig zur Ruhe. Als wir aber wach wurden, stand die liebe Sonne schon ziemlich hoch, und wir sahen uns um ein Morgenmahl um. - Das ist in Kürze alles, was wir in dieser Nacht erlebt und beobachtet haben.«


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