Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 151

Gesegnetes Frühstück auf dem Berg.

01] Sage Ich: »Gut, gut, Meine lieben Freunde und Brüder! Wir wollen nun nach diesem Seelenmorgenmahle auch um eines für den Leib uns umsehen! - Ebahl, hast du noch etwas Vorrat?«
02] Sagt Ebahl: »Herr, es ist wohl noch etwas da, aber nicht mehr viel, denn es ist gestern abend fast alles aufgezehrt worden; etwas Brot und Wein ist aber dennoch vorrätig!«
03] Sage Ich: »Bringe alles her, auf daß Ich es segne, und wir werden alle in Genüge zu essen haben und eben also zu trinken!« - Ebahl ließ nun sogleich einen halben Laib Brot und etwa noch für drei Becher Wein, der im Schläuche zurückgeblieben war, zu Mir hinbringen, und Ich segnete das Brot und den Wein und sagte: »Teile es nun aus, und so etwas übrigbleibt, da werden wir auch hier das Morgenmahl halten!«
04] Ebahl teilt nun das Brot aus und bricht, um auszukommen, nur kleine Stücke von dem halben Laibe; aber es will der halbe Laib nicht kleiner werden. Da er aber sieht, daß der halbe Laib nicht kleiner wird, obschon er allen Berggästen für mehrere Mundvoll hintangegeben hatte, so fängt er an, größere Stücke hintanzugeben; aber auch da wird der halbe Laib nicht kleiner. Als er nun sieht, daß die Berggäste bei Appetit sind, so beginnt er die Austeilung noch einmal von vorne und bricht nun noch größere Brocken vom Laibe; und als er herumkommt bei den etlichen dreißig Menschen, die da mit uns den Berg bestiegen haben, so hat er noch ein tüchtiges Bröckchen in der Hand und sagt zu Mir: »Herr, das habe ich noch erübrigt. Wird es wohl genügen für Dich, für den Raphael, für die Jarah und für mich?«
05] Sage Ich: »Gib es nur der Jarah, daß sie es austeile, dann wird es wohl genügen!« - Ebahl tut das, und die Jarah gibt davon zuerst Mir ein Stück, dann ihrem Raphael, dann dem Ebahl und dann erst sich das Übriggebliebene, und wir hatten auch alle genug.
06] Aber der Hauptmann bemerkte und sagte: »Warum hast du, Freund Ebahl, denn mich nicht auch zu dieser letzten Teilung genommen? Hast du mich denn dieser für zu wenig wert gehalten?«
07] Sage Ich: »Freund, wolle darob nicht ärgerlich werden! Denn sieh, Ebahl rechnete auf Nichtsübrigbleiben, darum er mit der Austeilung anfangs auch so
spärlich als möglich begann; er wollte dich nicht auch unter die Zahl derer bringen, auf die am Ende nichts gekommen wäre! Da aber nach Meinem Willen dennoch etwas übrigblieb, so ist damit erst die zweite Teilung unternommen worden. Liegt dir aber an der zweiten Austeilung viel, die durchaus um nichts besser ist denn die erste, so sage es, und Ich trete dir gerne Meinen Anteil ab.«
08] Sagt der Hauptmann: »Nun, nun, es ist schon alles wieder gut; mir ist nun nur eine altrömische Rangesdummheit durchs Gehirn gefahren, - bin aber schon wieder ganz in der Ordnung! Aber was mich hier am meisten wundert, ist, daß der himmlische Raphael das Brot mit solcher Lust verzehrt, als wäre er der Hungrigste unter uns allen! Das ist wahrhaft sehr merkwürdig! Er ist denn doch mehr Geist denn ein Fleischmensch und ißt so, als wäre er jemals auf der Erde geboren worden! Das gefällt mir ungemein! - Aber ich fühle, daß das pure, zwar äußerst wohlschmeckende Brot dürsten macht, und so möchte ich bald etwas zum Trinken bekommen.«
09] Sage Ich zu Ebahl: »Teile nun den Wein aus, und fange bei unserem Freunde Julius an!«
10] Sagt der Hauptmann: »Herr, ich bitte Dich, trinke doch Du zuerst; denn irgendeine Rangordnung muß ja doch auch bei Tische sein!«
11] Sage Ich: »O ja, Ich bin Selbst dafür; aber da wir hier keinen Tisch haben und auch nicht zu Gaste geladen sind, so nehmen wir den Wein nach dem natürlichen Bedürfnisse zu uns! Der am meisten durstig ist, der trinke zuerst, und die weniger Durstigen folgen ihm - jeder nach seinem Bedürfnisse!«
12] Mit diesem Bescheide war der Hauptmann denn auch zufrieden, trank den ihm dargereichten Becher bis auf den letzten Tropfen aus und sagte: »Herr, ich danke Dir! Das war eine wahrhaft himmlische Stärkung, und noch nie hat mir der Wein an einem Morgen so gemundet wie jetzt hier; das ist aber auch ein Wein, wie es auf der Erde keinen zweiten gibt.«
13] Sage Ich: »Uns alle freut es, daß es dir nun so wohl behagt auf dieser Höhe!«
14] Sagt der Hauptmann: »Herr, vergib es mir, wenn ich vielleicht in meiner guten Laune etwas Ungeschicktes sage! Aber mir kommt es nun vor, daß hier sogar der Satan voll des besten Mutes werden sollte!«
15] Sage Ich: »So du ihn sehen und sprechen willst, kann er hierher berufen werden, und du kannst dich dann gleich überzeugen, ob es ihm hier behaglich vorkommen wird!«
16] Sagt der Hauptmann: »Wenn es im Ernste einen persönlichen Satan gibt, so mag er hier ja erscheinen!«


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