Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 134

PSI-Anhebung des Galiläischen Meeres.

01] Als die Jarah solchen Gesang vernimmt, sagt sie ganz entzückt: »Herr, hier ist wahrlich schwer zu unterscheiden, was hier schöner und herrlicher ist, ob der Gesang, die Worte, oder ob das herrlichste tausendfarbige Licht oder die wunderschönsten Gestalten dieser zahllosen ätherischen Sänger! Ah, jetzt habe ich erst einen Begriff, was so ganz eigentlich die Himmel Gottes sind! Oh, jetzt möchte ich gleich sterben, und dann zu diesen schönsten Sängern übergehen! Aber sage mir doch, so es Dir, o Herr, gefällig ist, wer und was denn diese herrlichen Sänger in sich etwa doch sind! Sind sie wirklich das, was sie zu sein scheinen, oder sind das bloß nur von Dir für diesen Augenblick neugeschaffene Wesen?«
02] Sage Ich: »Das sind Engel und wurden endlos lange eher geschaffen, als irgendeine Spur von einer materiellen Schöpfung vorhanden war. Berufe nur einen, und du wirst dich überzeugen, daß er wie alle seinesgleichen höchst vollkommene wahre Wesen sind! Und Ich muß dir hinzu noch die Bemerkung machen, daß, so leicht und ätherisch sie auch aussehen, dennoch jedem von ihnen eine so große Stärke, Kraft und Macht innewohnt, daß aus ihnen der Kleinste und Schwächste in einem Augenblick die ganze Erde also zerstören könnte, daß von ihr aber auch nicht das kleinste Stäubchen übrigbliebe! Da du nun das weißt, so berufe einen von ihnen und stelle mit ihm einige Proben an!«
03] Sagt die Jarah: »Herr, das getraue ich mir wohl nicht; denn so unbegreiflich schön sie auch sind, so habe ich doch vor ihnen so eine kleine Furcht.«
04] Sage Ich: »Aber Kindchen, habe Ich dir nicht ehedem erklärt, was eine Furcht ist? Sieh, darum darfst du dich nun nicht fürchten, sonst müßte Ich meinen, daß in deinem Herzen auch noch etwas Weltliches haust. Bist ja frei dem Herrn, vor dessen Namen alle diese Wesen ihr Knie beugen; woher soll dann deine Furcht kommen?«
05] Sagt die Jarah: »Das ist freilich nur zu wahr; aber der ungewohnte Anblick solch einer nie geahnten Szene muß ein armes, schwaches Mädchenherz ja vom Grunde aus erschüttern! Aber nun werde ich mich schon zusammennehmen, und Du wirst es sehen, daß Deine Jarah auch ohne Furcht sein kann.«
06] Auf diese Worte winkte sie gleich einem nächsten Engel, und dieser kam im Augenblick schwebend zu ihr und fragte sie mit der sanftesten und zärtlichsten Stimme: »Jarah, du herrliche Tochter meines Gottes, meines Herrn von Ewigkeit, was wünscht dein liebstes, reines Herz von mir?«
07] Sagt die Jarah, ein wenig verblüfft von dem Glanze und der Majestät des Himmelsboten: »Ja, ja, ja richtig, der Herr, den du hier siehst, sagt mir, daß jeder von euch gar so wundermächtig sei, und ich möchte mich davon durch eine Probe überzeugen; aber was sollte ich dir für eine Probe angeben, da ich nichts weiß, als was ich erst jetzt in den wenigen Tagen vom Herrn Jesus gehört habe?!«
08] Sagt der Engel: »Höre, du schöne Blume der Himmel, da werde ich dir im Namen des Herrn gleich aus der Verlegenheit helfen! Siehe da unten das sehr gedehnte und tiefe Meer Galiläas! Wie wäre es denn, so ich es heraushöbe aus seinem weiten und tiefen Becken und hinge es dann in der Gestalt eines großen Wasserballes vor deinen Gliedern und Augen frei in die Luft, etwa auf eine ganze Stunde lang?«
09] Sagt die Jarah: »Das wäre zwar ungeheuer wunderbar; aber wo kämen unter der Zeit die lieben Fische hin, und endlich die vielen Schiffe, die teils an den Ufern ruhen und vielfach auch auf dem Meere herumschwimmen?«
10] Sagt der Engel: »Das wird meine Sorge sein, daß darob keinem Fische noch irgendeinem Schiffe ein Schaden zugefügt werde! So du die vorgeschlagene Probe wünschest, wird im Augenblick das beantragte Werk vor dir schweben!«
11] Sagt die Jarah: »Ja, so dabei keinem Wesen ein Schaden zuteil werden kann, da magst du das wohl ausführen!«
12] Spricht der Engel: »Sieh dich um! Der See ist leer, und all sein Wasser bis auf den letzten Tropfen schwebt nun frei in der Luft, deinen Augen wohl beschaulich!«
13] Die Jarah wollte hinab in die Tiefe sehen, kam aber mit der Stirne gleich an die kalte, nasse Wand des frei und ganz knapp neben der Felswand schwebenden Wasserballs, dessen Gesamtdurchmesser nahezu viertausend Klafter betrug. Als sie solches ersah, da fragte sie ganz kleinlaut: »Aber wie, um des Herrn willen, war dir denn so etwas in einem kaum denkbar kürzesten Augenblick möglich? Und ist der See nun wohl wirklich ganz vom Wasser frei?«
14] Sagt der Engel: »Jarah, komme mit mir und überzeuge dich!«
15] Sagt die Jarah: »Wie wird das möglich sein?«
16] Sagt der Engel: »So es mir möglich war, die schwere Masse Wasser in einem Augenblick heraufzuheben, so wird es mir ja wohl auch möglich sein, dich in der schnellsten Schnelle hinab bis auf den tiefsten Grund des Meeres zu bringen, und dann ebenso schnell wieder zurück! Aber es muß dein Wille sein, sonst kann ich nichts tun; denn ein Fünklein der Freiheit des menschlichen Willens respektieren wir alle mehr denn alle unsere, von Gott uns verliehene Kraft und Macht! Darum mußt du zuvor wollen, und ich werde danach handeln!«
17] Sagt die Jarah: »Nun gut denn also, überzeuge mich!«
18] In diesem Augenblick befand sie sich auf dem staubtrockenen tiefsten Grunde des Meeres, und der Engel hob vom Boden eine schönste Perlmuschel auf und gab sie der Jarah zum Gedächtnis und zur Belehrung an die andern, die dem Leibe nach zwar fest schliefen, aber das alles im Traume zu schauen bekamen.
19] Als die Jarah die Muschel noch kaum in dem geräumigen Sack ihrer Schürze untergebracht hatte, fragt sie der Engel: »Glaubst du es nun, daß sich nun alles Wasser dieses Meeres im über uns schwebenden großen Balle befindet, und daß sein weites Bett ganz trocken ist?«
20] Sagt die Jarah: »Ja, ja, ich hätte es dir auch sonst geglaubt! Aber nun bringe mich nur schnell wieder zum Herrn hinauf; denn ohne Ihn sterbe ich im nächsten Augenblick!«
21] Kaum war das letzte Wort ausgesprochen, und die liebe Jarah stand schon wieder an Meiner Seite auf der Höhe des Berges; und Ich fragte sie, wie ihr das gefalle, und wie sie das so nach ihrer Beurteilung finde.
22] Sagt die Jarah: »Herr, daß Dir alle Dinge möglich sind, weiß ich nur zu gut; wie aber in Deinem Willen und durch Deinen Willen auch im Willen des Engels solch eine Macht zu Hause sein kann, das wird dem Engel selbst fremd sein, geschweige, daß ich Dir davon irgendeinen Grund angeben könnte! Es ist im höchsten Grade wundervoll; aber begreifen kann ich's nicht!«
23] Sage Ich: »Du hast da ganz gut und richtig geantwortet; aber in deinem eigenen Herzen wirst du mit der Zeit schon auch finden, wie Gott solche Dinge möglich sind. - Aber wie gefällt dir denn der Engel?«


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