Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 130

Teleportation bei einer Bergbesteigung.

01] Das Mägdlein war gehüllt in ein blaues Faltenkleid; die Füße mit leichten Schnürschuhen beschuht und das Haupt mit einem aus Stroh recht kunstvoll geflochtenen Hute bedeckt, ergriff sie Meine Hand und sagte, weil Ich ihr auf die erste Rede die Antwort nicht gar zu geschwinde gegeben hatte: »Aber Herr, Du mein Leben, ich bitte Dich, sage mir doch, ob ich Dir so genehm bin?«
02] Sage Ich: »Das siehst du ja, Meine allerliebste Jarah! Du bist Mir ja über alles angenehm! O wären Mir alle Menschen so angenehm wie du, dann wäre es schon gut und recht; aber es gibt in der Welt gar viele Tausende und abermals so viele tausendmal Tausende, die Mir nicht so angenehm sind wie du! Aber das sind die puren Weltmenschen, und du bist ein Engel! Aber nun heißt es gehen; denn es ist bereits um des Tages dritten Teil!«
03] Auf dieses Wort erhebt sich bis auf die Dienerschaft des Hauses alles und macht sich mit Mir auf den Weg. Es versteht sich von selbst, daß die kleine Jarah stets Mir zur Seite herging und der Hauptmann und Ebahl ebenfalls.
04] Als wir an die Wände kamen, zwischen deren Hohlritzen sich nur ganz enge und äußerst steile Gräben hinaufzogen, da sagte der Hauptmann: »Herr, mit natürlichen Kräften ist da kein Hinaufklettern möglich; denn die Gräben sind ungeheuer steil, naß und hie und da mit allerlei Dorngestrüppe verwachsen! Wenn da keine andern Wege hinaufführen, so kommen wir da mit unsern natürlichen Kräften in zehn Tagen nicht hinauf!«
05] Sage Ich: »Bist denn du schon so müde, und sieh, wir haben schon mehr als ein Drittel des Weges zurückgelegt!? Sieh dich einmal um, und du wirst es wohl merken, wie hoch oben wir schon sind!« - Hier sah sich der Hauptmann um und erschrak, als er merkte, daß wir uns schon beinahe auf der halben und steilsten Höhe des Berges zwischen lauter Steinwänden von senkrechten Abhängen befanden.
06] Nach einigen etwas furchtsamen Verwunderungen sagt der Hauptmann in einem etwas furchtfiebernden Tone: »Nein, das begreife, wer es will und kann! Wie wir alle durch diese Schlucht bis hierher gekommen sind, ist mir ein Rätsel! Wir sind wohl schon recht steil gestiegen, aber ich fühlte keine besondere Beschwerde dabei! Nun aber sind über uns hinan lauter senkrechte Wände! Frage: wie werden wir denn über diese hinaufkommen?«
07] Sage Ich: »Merkst du denn nicht, daß wir nicht stehenbleiben, sondern in einem fort weiterschreiten?!«
08] Sagt der Hauptmann: »Ja, das merke ich wohl! Aber wenn ich einen Blick voraus hinauftue, so verschwindet rein jede Möglichkeit zum Weitergehen!«
09] Sage Ich: »Sieh, da muß man denn ein guter, erfahrener Führer sein, und man findet den geraden Weg durch alle scheinbaren Hindernisse durch! Sieh, die Kluft vor uns ist schon die Türe zur höchsten Bergkuppe.«
10] Sagt der Hauptmann: »Ja, wie aber ist das möglich? Wie konnten denn wir über alle diese beinahe durchaus senkrecht steilen Wände so bald heraufkommen? Wir sind noch lange keine Stunde unterwegs und sind nun schon der höchsten Bergeskuppe so nahe, daß wir nur noch einiger Schritte bedürfen, und wir sind total oben!«
11] Sagt die ganz heitere Jarah: »Aber Julius, wie magst du da fragen, wo Gott der Herr unser Führer ist?! Er hätte uns alle durch die ganz freie Luft ebensogut heraufheben können als über diese Wände, über die noch nie ein Mensch seine Füße gleiten ließ! So wir wissen, daß wir es hier mit dem Allmächtigen zu tun haben, so ist jede weitere Frage eitel. Wir können nur vor Liebe und vor der Höchstachtung vor Ihm zerfließen und Ihm für ewig aus der tiefsten Tiefe unseres Lebens danken, daß Er uns solch einer nie erhörten Gnade gewürdigt hat. Aber Ihn fragen, wie Seine Allmacht und Weisheit solches vermag, und wie ihr so etwas möglich sei, finde ich eitel! Und möchte Er uns es auch kundtun, so fragt es sich, wieviel wir davon verstünden, und ob wir dann auch allmächtig würden?! O ja, wenn und insoweit Er es will, können wir aus uns Wunderbares zustande bringen; aber über Seinen heiligen und allein allmächtigen Willen hinaus sicher ewig nie!«
12] Sage Ich: »O du kleine Weise du! Wer würde in dir so viel des hellsten Lichtes suchen!? Ich sage dir, daß deinesgleichen auf der Erde wohl wenige sind; aber nur eines muß Ich nun bei aller Meiner übergroßen Liebe zu dir sagen, und das besteht darin, daß du in Zukunft mit deiner reinen Weisheit viel sparsamer umgehen und nur dann deinen Mund auftun mußt, wenn es im Ernste notwendig ist; hier aber ist es nicht notwendig, da, wie du siehst, Ich Selbst zugegen bin und es auch verstehe, jedermanns Frage ganz gehörig und gründlich zu beantworten!
13] Sieh, wenn unser Freund Julius nicht so ein recht weiser Mann wäre, so hättest du ihm nun in seinem Herzen wehe getan; aber er ist ein weiser Mann, der es mit allen gut und redlich meint, und hat darum eine Freude an deiner kindlich weisen Belehrung. Aber in der Folge mußt du allzeit so bescheiden als nur immer möglich gegen jedermann auftreten, und du wirst erst dadurch Meine vollwahre Braut sein! - Hast du diese Meine Worte wohl recht klar in deinem Herzen begriffen?«
14] Sagt die Jarah, ein wenig betrübt: »O ja, Herr, aber ich fürchte nun, daß Du mich nicht mehr so liebhaben wirst wie früher, und das macht traurig mein Herz!«
15] Sage Ich: »Sorge du dich um etwas anderes! Ich habe dich jetzt noch um sehr vieles lieber denn vorher!«
16] Sagt die Jarah: »Aber der gute Hauptmann wird mir gram sein!?«
17] Sagt der Hauptmann: »O nein, du meine wahrhaft himmlische Jarah! Ich bin dir nur sehr dankbar dafür, daß du mir aus deinem himmlisch reinen Herzen auch eine himmlisch reine Wahrheit gesagt hast! O Jarah, wir werden miteinander noch gar viel zu besprechen haben; denn ich merke es nur zu gut, daß dein reines Herzchen von himmlischer Weisheit voll ist, und wir bleiben darum schon die besten Freunde!«
18] Sage Ich: »Nun, Meine geliebteste Jarah, bist du nun zufrieden mit solcher Bescheidung?«
19] Sagt die Jarah: »O ja, jetzt wohl; aber ich werde mich von nun an wohl sehr zusammennehmen müssen! Denn das Vorlautsein ist manchmal wohl so eine kleine schwache Seite von mir gewesen; aber in der Folge soll es nicht mehr sein, - denn Deine Worte sind mir über alles heilig!«
20] Sage Ich: »Nun wohl denn, so tun wir noch die etlichen Schritte und betreten sonach des Berges höchste Kuppe!«


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