Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 129

Jesus Auseinandersetzung mit zwei Essäern.

01] Während die Jünger, die Pharisäer und die beiden Essäer solches miteinander reden und der Matthäus seine Aufgabe aufzeichnet, wird vom Ebahl zu Tische gerufen, und die Jünger und nun ihre Jünger werden ebenfalls zu Tische gerufen und kommen so ziemlich heiteren Angesichts in den Speisesaal.
02] Da frage Ich sie, was sie in ihrem Gemache so lebhaft miteinander besprochen hätten.
03] Antworten die beiden Essäer: »Herr, Du hast gut fragen, denn was wir nun untereinander geredet haben, das war Deinem Geiste schon von Ewigkeit her so klar wie die Sonne am hellsten Mittage! Aber, daß wir sicher nichts Arges über Dich geredet haben, dessen kannst Du vollends versichert sein!«
04] Sage Ich: »Ganz sicher und wahr, und namentlich, was ihr geredet habt; denn das hat euch nicht euer Fleisch und Blut, sondern der Geist Gottes eingegeben. Aber redet davon dennoch nicht wieder zu jemandem etwas Weiteres; denn die Menschen sind blind, dumm und arg! - Nun aber setzen wir uns zu Tische!«
05] Der Tisch war gut bestellt; unsere acht Schiffsknechte hatten ihre Zeit mit Fischen zugebracht und dem Ebahl eine Menge der schönsten und besten Fische ins Haus gebracht, wofür er sie aber reichlichst mit Wein und Brot versehen hat. Diese Fische waren sehr wohl zubereitet, und wir alle verzehrten sie mit viel freudiger Eßlust. Die beiden Essäer, deren Gaumen eine bedeutende Bildung hatte, da diese Schüler des Aristoteles und Epikurs auf die Küche große Stücke hielten, konnten sich über den Wohlgeschmack dieses wahren Fischmahles nicht genug rühmlich aussprechen. Auch der Hauptmann, samt seinen drei Unterleitern, konnte den Wohlgeschmack der Fische nicht genug loben und aß nach Herzenslust ein paar recht große Stücke, so daß er sich am Ende schon zu fürchten begann, ob ihm das nicht schaden werde.
06] Ich aber sagte zu ihm: »Fürchte dich nicht, Mein lieber Julius; denn in Gegenwart des Arztes schadet dir nichts!«
07] Das machte den guten Julius wieder heiter; und dieser Mein Spruch ist dann zum Sprichwort geworden und hat sich bis auf diese Zeit, in der nun das geschrieben wird, unter den Ärzten erhalten.
08] Als die Mahlzeit beendet war, fragte der Hauptmann, sagend: »Herr, heute ist ein wunderherrlicher Tag! Wie wäre es denn, so wir den Nachmittag über uns ein wenig ins Freie begäben?«
09] Sage Ich: »Das ist auch Mein Sinn; aber diesmal wollen wir einen nächsten Berg besteigen!«
10] Sagt der Hauptmann: »Ja, der uns zunächst liegende Berg, dem man den Namen >Morgenkopf<, glaube in dieser Zunge >Juitergli<, gibt, ist aber auch zugleich einer der höchsten und von allen Seiten ungeheuer steil, ein purer nahe ganz kahler Steinkoloß! So Du etwa diesen besteigen möchtest, da erreichen wir die Spitze vor der einbrechenden Nacht nicht; und vom Zurückkommen möchte wohl nicht die entfernteste Rede sein! Auf der Höhe aber die Nacht zuzubringen, das dürfte wohl keinem von uns behagen! Denn es soll auf der Höhe zwischen den Felsklüften zu allen Zeiten Schnee und Eis anzutreffen sein; aber die Aussicht soll etwas unbeschreiblich Lohnendes sein!«
11] Sage Ich: »Freund, das alles soll uns nicht hindern, den Morgenkopf zu besteigen; wer den Steg weiß, der kommt viel eher hinauf, als der ihn erst mühsam suchen muß. Machen wir uns daher nur auf den Weg; ehe zwei kleine Stunden vergehen, sind wir alle oben, das heißt, die da Lust haben, den Berg mit uns zu besteigen!«
12] Sagt der Hauptmann: »Herr, auf Dein Wort gehe ich ja gerne bis ans Weltende, geschweige auf diesen Berg; und wenn Du den Führer machst, da ist auch an keine Gefahr zu denken! Ich freue mich nun recht darauf! Aber etwas Brot und Wein dürften wir wohl etwa mitnehmen; denn das weiß ich schon, daß man beim Besteigen eines so bedeutenden Berges ganz außergewöhnlich hungrig und durstig wird!«
13] Sage Ich: »O ja, das könnt ihr schon tun! Aber was werden wir mit Meiner allerliebsten Jarah anfangen? Für die wird der Berg denn doch etwa zu beschwerlich zu besteigen sein!«
14] Sagt die Jarah: »Mit Dir, o Herr, kann mir nichts zu schwer sein; ohne Dich aber vermag man ja ohnehin nichts, und ich schon am allerwenigsten! Wenn es nur Dir genehm ist, so gehe ich nicht nur auf diesen Berg, sondern buchstäblich ins Feuer mit Dir, wie ich mit Dir auch als die erste aufs Wasser gegangen bin!«
15] Sage Ich: »Du verstehst Mir immer aus deinem Herzen eine rechte Antwort zu geben, die von Liebe und Wahrheit glüht; darum mache dich nur mit uns auf die Reise, es wird dir dabei nicht zu schwer geschehen!« - Wer war eher reisefertig als unsere Jarah, und sagte auch: »Herr, wenn es Dir also genehm ist, o bin ich schon zur Abreise bereit!«


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