Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 124

Scharfe Rede des Römers an die Templer bezüglich des Segens Jesu.

01] Auf diese Rede des Hauptmanns Julius ziehen sich die Pharisäer ganz verdutzt zurück und beraten unter sich, was da rätlich wäre. Der eine meint, man solle Mir das vom Hauptmann verlangte Zeugnis doch geben.
02] Der Oberste aber sagt: »Wie können wir das, so er die Gesetze des Tempels verachtet und mit Füßen tritt?! Tun wir's aber nur zum Scheine, so nützt das uns nichts; zu seiner Zeit würde man das Zeugnis, von uns ausgestellt, vorzeigen, und alle Schuld und Strafe käme dann über uns! Halten wir aber, was der Hauptmann von uns will; denn käme es dann auch zu etwas, so haben wir dann einen guten Grund, uns zu entschuldigen vor unseren Allerobersten!« - Mit diesem Bescheide begnügen sich bald alle die Pharisäer und Schriftgelehrten, verstummen am Ende ganz und reden kein Wort mehr.
03] Da erhob Ich Mich vollernstlich, wandte Mich an den Obersten und sagte zu ihm: »Also wegen der Nichthaltung eurer gottvergessenen Menschensatzungen kannst und willst du Mir kein Zeugnis geben, und das aus Furcht um deinen elenden Leib? Oh, hättest du Mir ein Zeugnis gegeben, wie glücklich wärest du geworden zeitlich und ewig; aber nun ist es vorbei! Es wird des Menschen Sohn von dir nimmerdar eines Zeugnisses benötigen; denn Seine Werke und Seine Worte geben Ihm das rechte Zeugnis! Auf daß du und deine Gefährten aber sehen, daß des Menschen Sohn keine Furcht vor den Menschen hat, so werde Ich nun all dem Volke vor dir sagen, daß an der Haltung eurer Satzungen gar nichts ist, und daß jeder, der sie nach eurem Sinne beachtet, eine grobe Sünde begeht vor Gott!«
04] Sagt der Oberste: »Das tue du nicht, sonst dürfte es dir übel ergehen!«
05] Sagt der Hauptmann: »Ja, das wird Er tun, und es wird Ihm nichts Übles begegnen! Merket euch das, ihr elenden Geldschufte! Hier seid ihr in meiner Gewalt; nur eine mir verdächtige Bewegung von euch, und ich lasse euch in Stücke zerhauen und ins Meer werfen, den Drachen zur Speise, so wahr ich Julius genannt werde! Da sehet einmal diese Wichte an! Die Geschichte weiset, daß die Templer seit schon mehr denn dreihundert Jahren keinem Menschen etwas Gutes getan haben. Und war noch dann und wann eine edle Seele unter ihnen, so haben sie mit ihr getan, wie mir bekanntermaßen vor noch kaum dreißig Jahren mit dem frommen, biederen Zacharias; und wie sich unter ihren Glaubensgenossen irgendein Mensch erhebt voll Wahrheit, Ehrlichkeit und Gotteskraft und die armen Menschen mit Wohltaten aller Art überhäuft, da sind diese Wichte auch schon da, um ihn zu verderben! Oh, dies elende Handwerk soll euch bald gelegt werden!
06] Seht, dieser wahrhaftige Gottesmann kam hierher in diese Gegend, die wegen ihrer ungesunden Lage weltbekannt ist. Es befanden sich hier in der ganzen Gegend mehrere tausend Kranke - Einheimische und Fremde -, selbst meine Soldaten lagen über die Hälfte an lästigen und bösen Fiebern danieder, manche schon über ein Jahr; da kam dieser reine Gottmensch hierher und heilte alle, die da Hilfe gesucht haben. Sollte man solch einem Manne nicht füglich einen Altar erbauen, ihm wie einem Gott opfern und alle erdenkliche Ehre und Salbung darbringen? Was Gutes aber habt ihr den Menschen erwiesen, als ihr hierher kamet? Des Ebahl Keller und Speisekammer werden bald um hundert Groschen Wertes geringer werden!
07] Und aus Dank, daß ihr überall gleich den Wölfen umsonst fresset, wollet ihr uns hier noch unsern größten Wohltäter verderben! Einen Menschen, dem allein ihr es zu verdanken habt, daß Cyrenius nicht gleich alle Macht in Asien zusammenrufen und bis auf den Grund zerstören ließ euer scheußliches Raub- und Hurennest! Nein, es ist zu arg, so man über eure Schändlichkeit nachdenkt! Auf daß eure Betrügereien, die ihr dem Volke als göttliche Dinge ums teure Geld verkaufet, nicht verraten würden, suchet ihr mit aller Satanslist sogar eure größten Freunde und Wohltäter, so ihr bei ihnen irgendein höheres Licht wittert, aus dem Wege zu räumen! Saget es selbst, ob ihr nicht schlechter seid um vieles als der Satan selbst!?«
08] Hier wandte sich der Hauptmann an Mich und sagte: »Herr und Meister aus der Schule Gottes, lehre uns ungescheut die Wahrheit und was das Volk in bezug auf die Menschensatzungen zu tun hat in der Folge! Ich weiß es, daß Dir Himmel und Erde und alle Elemente gehorchen und Du mit dem leisesten Hauche Deines Mundes diese Wichte so gewiß wie Spreu in die Lüfte hinaus zerstreuen kannst, als wie gewiß Du imstande warst, dem Meere zu gebieten, daß es uns getragen hat, als wäre es ein festes Land; aber dennoch stehe ich Dir - nur als ein schwacher Mensch gegen Dich mit aller meiner Macht, die durchaus nicht unbedeutend ist - bis auf den letzten Mann und bis auf den letzten Tropfen Blut zu Diensten! Diese elendesten Wichte sollen den Ort Genezareth kennenlernen!«
09] Sagt der Oberste mit einer stark bebenden Stimme: »Herr Hauptmann! Wo aber hast du einen Beweis gegen uns dahin, daß wir nur darum gekommen seien, diesen Menschen zu verderben? Wir sind wohl gekommen, ihn zu untersuchen und zu prüfen, was man uns doch unmöglich verargen kann; aber vom Verderben kann da doch bei Gott keine Rede sein! Du hast nun leicht reden; denn du hast schon eine hinreichende Gelegenheit gehabt, ihn durch seine Taten und Reden kennenzulernen; wir aber haben außer der heutigen wunderbaren Heilung noch wenig gehört und gesehen, außer deinen durchaus nicht sehr humanen Drohungen, und es sollte uns denn, als gewisserart noch völlig Fremden in dieser Sache, ja doch auch freistehen, diesen Wundermann ein wenig durchzukosten!
10] Daß wir Templer auf einem bereits sehr hohlen Grunde stehen, ist uns sicher nicht fremd; aber dessenungeachtet ist er dennoch besser als gar keiner, und der Staat muß ihn so lange schützen, als es irgend Gott gefällig sein wird, einen gediegeneren zu schaffen! Daher bitte ich dich, uns nicht gleich mit dem Schwerte zu drohen, so wir irgend mit dem Wundermanne Jesus ein paar Worte wechseln! Er soll nun tun, was er will, und soll lehren und predigen, auf daß auch wir davon etwas Besseres erfahren, als was wir bloß vom Hörensagen und von vielen, sicher falschen Berichten vernommen haben; werden wir sehen, daß an der Sache etwas ist, so werden auch wir andere Urteile in uns fassen, als wir sie bis jetzt fassen konnten! Denn gar so dumm sind wir nicht, und unser Herz ist noch immer eines gerechten Urteiles völlig fähig.«
11] Sagt Der Hauptmann: »Die Verweigerung des verlangten Zeugnisses spricht nicht zu Gunsten der Gerechtigkeit eures Herzens, im Gegenteil! Ex trunco non quidem Mercurius (Aus einem Klotz ist noch kein Gott geworden!), - aber wir wollen sehen!«


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