Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 103

Jesus mit Jüngern beim Wirte Ebahl.

01] Als wir in der Stadt ankamen, kehrten wir in die Herberge eines biederen Mannes ein, der Ebahl hieß.
02] Ebahl nahm uns sehr gastfreundlich auf und sagte: »Allem Anscheine und der Kleidung nach seid ihr Galiläer aus der Gegend von Nazareth!?« Wir bejahten es ihm, und er ließ uns sogleich Brot, Wein und Fische bringen und sagte: »Drei Tage und Nächte hindurch seid ihr völlig zahlungsfrei! Könnet ihr als Nazaräer mir aber einen Aufschluß über den berühmten Heiland namens Jesus geben, der auf die wunderbarste Weise alle möglichen Krankheiten heilen soll, so halte ich euch euer Leben lang zechfrei, und ihr könnet essen und trinken, was ihr wollet und möget!
03] Wenn sich die Sache mit dem berühmten Jesus so verhält, so biete ich alles auf, um ihn zu finden und dann, neben ihm auf Knien gehend, ihn hierherzubringen! Denn unser sonst gutes und freies Ländchen hat aber doch gleichfort das Üble, daß es in einem fort von allerlei argen Krankheiten heimgesucht ist. Es sind die Krankheiten zwar nicht eben so sehr tödlicher Art; aber dafür desto lästiger, und man wird sie nicht los!
04] Wenn es nun denn möglich wäre, diesen Heiland zu uns zu bringen, - beim Jehova, ich wüßte nicht, was ich darum gäbe! Ich selbst habe eine ganz große Herberge voll Kranker, die vor Schmerzen gar keinen Schritt weiterreisen können, und es sind manche weither; sogar Ägypter, Perser und Indier sind darunter und können nicht fort. So liegen bei mir auch Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem und zwei Essäerbrüder schwer krank, und kein Arzt und Heiland, soviel auch ihrer von allen Orten hier waren, kann ihrer Krankheit Meister werden!
05] Wenn ihr mir also diesen Jesus aus Nazareth verschaffen oder mir nur wenigstens sagen könnt, wo ich ihn halbwegs sicher treffe, so seid ihr alle, wie gesagt, meine Gäste euer Leben lang!«
06] Sage Ich: »Warum hast du denn nicht schon lange nach Ihm Boten gesandt, da du wußtest, daß Er Sich in Nazareth aufhält?«
07] Sagt Ebahl: »Das habe ich nicht einmal, sondern schon oftmals getan, habe aber noch nie das Glück gehabt, von den zurückgekehrten Boten zu hören: >Wir haben ihn gefunden!< Wohl erzählten sie mir tausend Wunderdinge von ihm, die ihnen von andern erzählt worden sind; aber sie selbst haben noch nie das Glück gehabt, mit ihm persönliche Bekanntschaft zu machen.«
08] Sage Ich: »Nun denn, weil Ich sehe, daß dich in bezug auf den Heiland Jesus kein Eigennutz beseelt, sondern daß du vollwahr nur einzig und allein den Wunsch hast, den Leidenden, welchen Nationen sie auch angehören mögen, Hilfe zu bringen - was Mich denn auch hierher geführt hat -, so wisse zu deiner Freude und zu deinem Troste, daß Ich eben derselbe Jesus bin, den du so oft vergeblich gesucht hast, und den Kranken in deiner Herberge soll in diesem Augenblick geholfen sein! Sende nun deine Knechte nach der Herberge und frage sie, ob noch ein Kranker darin zu finden ist!«
09] Da war Ebahl nahe außer sich vor Freude und sprach: »Meister, so du es bist, dann glaube ich deinem Wort und will gar nicht weiter mich erkundigen; du wirst es schon ganz sicher sein, und ich kann schon im voraus Gott nicht genug loben und preisen, daß Er meinem Hause ein so unerwartet großes Heil hat widerfahren lassen! Meister, großer, göttlicher Meister, schaffe (verlange) nun für dich und die Deinen; denn nun bist du ganz Herr in meinem Hause! Alles, was du darin findest, muß sich deinem Willen fügen!«
10] Als er noch also weiterredete, kam schon die Nachricht von seiner großen Herberge, daß die bei zweitausend Kranken auf einmal vollkommen gesund geworden sind. Es müsse da ein Wunder geschehen sein, ansonst so etwas rein unmöglich wäre! Die Geheilten würden bald selbst kommen und dem Herbergsherrn ihren heißesten Dank mit Wort und Tat abstatten!
11] Sagt Ebahl: »Gehet hin und saget es ihnen, daß ich fürs erste alles dessen nicht bedarf, und daß mir darum auch nicht der geringste Dank gebühre, sondern Gott allein, der den Wunderheiland in unsern Ort gnädiglich geführt hat! Verlanget von den Reichen, die fremd sind, einen mäßigen Herbergslohn für euch, aber tuet mir ja niemandem zu hart! Die Heimischen aber seien frei!«
12] Auf diese Worte entfernen sich die Nachrichtbringer und tun, was ihnen ihr Herr geboten hat.
13] Darauf aber wendet sich Ebahl wieder zu Mir, fällt vor Mir auf seine Knie und dankt Mir mit vielen Tränen großer Freude für die seinem Hause erwiesene wunderbare Wohltat.
14] Ich aber heiße ihn aufstehen und Mir vorführen seine Weiber und Kinder.
15] Und er geht und tut, was Ich von ihm verlangte.
16] Als er seine zwei Weiber und sechzehn Kinder zu Mir brachte, darunter zehn männliche und sechs weibliche, sagte er (Ebahl): »Siehe an mir noch einen echten Israeliten! Wie dereinst Jakob, unser Stammvater, eine Lea und eine Rahel zu Weibern hatte und mit beiden Kinder zeugte, also habe auch ich mir zwei Weiber genommen, die jedoch nicht Schwestern sind, und habe mit dem älteren Weibe die zehn Knaben und mit dem jüngeren sechs Mägdlein gezeugt; allein, wie du siehst, die zehn Knäblein sind nun schon rüstige Männer und Jünglinge, und die sechs Mägdlein sind auch schon, jegliches über zehn Jahre, zu Jungfrauen herangereift, und ich zähle siebzig Jahre.
17] Alle diese Kinder sind nach der Schrift erzogen, und mein ältester Sohn ist ein Schriftgelehrter, aber nicht im Solde des Tempels stehend, sondern bloß für sich und dereinst für seine Nachkommen! Aber auch meine andern Kinder sind in der Schrift tüchtig bewandert, kennen den reinen Willen Gottes und sind allzeit streng gehalten, danach zu handeln. Sie lieben Gott, aber sie fürchten Ihn auch, denn Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit. In meinem Hause werden die wahren Weisheitssprüche des Jesus von Sirach strenge gehandhabt. - Bist du, großer Meister, wohl zufrieden mit meiner Hausordnung?«
18] Sage Ich: »Wie es bis jetzt üblich war, ist deiner Hausordnung nichts auszustellen, und Ich verbiete es auch niemandem, zwei, drei und auch noch mehr Weiber zu haben; denn das Weib ist der Zucht (Fortpflanzung) der Menschen wegen erschaffen worden. Ein unzüchtiges (unfruchtbares) Weib ist Gott nicht wohlgefällig, es müßte denn sein, daß sie von Natur aus unzüchtig ist, - was eine Sache ist, für die kein Mensch kann.
19] Aber in der Folge soll ein jeglicher Mann nicht mehr denn nur eine Jungfrau oder eine Witwe, die noch zuchtfähig ist, sich zum Weibe nehmen; denn wäre es Gottes Wille gewesen, daß ein Mann mehr denn ein Weib habe, so hätte Er dem Adam auch sicher mehr als nur ein Weib erschaffen. Aber Gott wollte, daß ein jeglicher Mann nur ein Weib haben solle und gab daher dem Adam auch nur ein Weib.
20] Daß die Menschen hernach von diesem ersten Gesetze abgegangen sind - was besonders bei den Heiden oft ins lasterhafte Böse ging, da besonders ein Fürst sich gleich alle die schönsten Jungfrauen seines Landes zu seinen Weibern nahm und dazu noch von fremden Fürsten sich auch mehrere dazukaufte -, war nicht Gottes, sondern der sinnlichen Menschen Wille; denn viele der Weiber eines Fürsten oder eines sonstigen Reichen waren nicht Weiber für die Zucht, sondern pure Lustdirnen zur Erweckung der zugrunde gegangenen Mannheit und deren Wollust. Jeder Mann aber lebt dann nicht mehr vollkommen in der göttlichen Ordnung, so er das erste Urgesetz Gottes nicht hält!
21] Ah, was ganz anderes ist es, so das eine Weib unzüchtig (fortpflanzungsunfähig) wäre, wie es bei der Rahel der Fall war; da kann der Mann sich auch ein zweites Weib nehmen und in ihr sich Nachkommen erwecken. Jedoch bei dir ist dennoch alles in der Ordnung; du hattest stets einen gerechten Sinn, der Gott wohlgefällig ist, und so bist du ein Gerechter vor Gott und den Menschen, ansonst Ich in dein Haus nicht gekommen wäre!«


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