Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 97

Judas preist die Pseudo-Wunder der Essäer.

01] Sagt Judas: »So ich das gleich so ohne alles Bedenken glaubte, da müßte ich so schwach sein wie du und mehrere von euch! Es ist im ganzen noch kaum ein halbes Jahr, daß wir bei ihm sind und so manches gehört und gesehen haben, was unleugbar außerordentlich und wunderbar ist, und ihr, die ihr ganz einfache Leute seid und noch nie etwas anderes gesehen und gehört habt als diesen, uns alle freilich himmelhoch überragenden Jesus, ihm allerdings die volle Göttlichkeit beimessen müsset. Für euch genügen diese seine Werke und Reden ganz sicher; aber bei mir steht die Sache ganz anders, da ich weit herumgekommen bin und viel anderes Wunderbare gesehen und gehört habe hie und da! Gehet zu den Essäern und sehet, welche Werke sie verrichten, und ich wette, ihr haltet sie alle für lauter Götter, gleich den Römern und Griechen, die ihnen sogar reiche Opfer spenden, weil sie meinen, daß sie Götter seien.
02] Sehet, alles das, und hie und da noch Außerordentlicheres, was unser Jesus tut, könnt ihr ebensogut bei den Essäern sehen. So es aber auf der Erde noch eine Menge Menschen gibt, die das leisten, was unser Meister Jesus leistet, da sehe ich denn doch unmöglich ein, wie und warum wir ihm so ganz eigentlich die ausschließlichen Prärogative (Vorrechte) der totalen Göttlichkeit als ungezweifelt wahr beilegen sollten.
03] Ja, wenn er der einzige auf der Erde wäre, dem die Elemente gehorchen, dann wäre es mit dem Glauben an seine Göttlichkeit ein leichtes; aber da es, meiner nur zu lebendigen Erfahrung zufolge, mehrere solcher Menschen auf der lieben Erde gibt, die einen Rock ohne Naht am Leibe tragen, so muß unser Jesus noch viel mehr leisten, auf daß wir ihm die ausschließlichen göttlichen Prärogative beilegen und dann sagen und ungezweifelt glauben können: Das ist Jehova, wie Er von Ewigkeit her war! -
04] Ihr haltet die Erweckungen vom Tode, die plötzliche Vermehrung von Speisen und Getränken, die Herstellung von Gebäuden und das Zeichentun in den Mond und in die Sonne für Gotteswunder! Das ist aber noch lange nicht genügend, die Göttlichkeit eines, solches zu wirken imstande seienden Menschen zu erweisen, denn solches und ähnliches habe ich zu öfteren Malen bei den Essäern gesehen. Die Heilung der Kranken wird dort nur so nebenbei betrieben; aber ich selbst war Zeuge, wie der Oberste der Essäer in den Mond hineingeschrieben hat in drei Sprachen! So war ich Zeuge, wie er die Sonne einmal am hellen Mittage total verfinstert hat! Er hatte seine Zeichen und eine Rechnung gemacht und sagte zu uns darauf: 'In einer Stunde will ich eine Plage den Menschen geben; ich werde die Sonne auf mehrere Augenblicke lang vollkommen finster machen, und es soll finster sein auf der ganzen Erde!'
05] Wir andern machten auf diese, eben nicht gar zu angenehme Verheißung ganz große Augen und warteten mit ängstlicher Spannung auf die verheißene Plage, welche mit jedem Augenblick an der Wahrscheinlichkeit gewann, da es nach und nach auf diese Verheißung stets dunkler und dunkler zu werden begann! Als der Sand nahezu abgeronnen war, streckte der Oberste seine Hände aus und sprach in langsamem pathos: 'Ich will es! Sonne, werde finster!' Da ward die Sonne finster, und auf der ganzen Erde war es finster wie zur Nachtzeit. Nach einigen Augenblicken, und zumeist durch unsere glühende Bitte bewogen, streckte er wieder seine Hände aus, deren Finger wie glühend aussahen, und sprach zur Sonne: 'Es genügt die Plage den Menschen; darum entzünde dich nach und nach wieder und erleuchte und erwärme den Erdkreis!' Und sehet, auf solch sein Geheiß ward die Sonne gleich wieder leuchtend und nach einer halben Stunde mit all ihrer Wärmekraft wieder beisammen!
06] Also stand unweit des großen Wohnschlosses der Essäer in ihrem großen, mit hohen Mauern eingefriedeten Garten ein bedeutender Berg, der gut die zweifache Höhe eines Schlosses hatte. Ich kam alle Jahre viermal mit allerlei Kochgeschirren zu den Essäern; einmal sagte einer der Essäer zu mir: 'Wenn du wieder ein großes Wunderwerk von der Kraft des Willens unseres Obersten sehen willst, wie sich auch Berge seinem Rufe fügen müssen, so bleibe heute hier! Siehe, jener Berg dort ist uns im Wege; heute siehst du ihn noch als Berg, und morgen wirst du an seiner Stelle einen prachtvollsten Palast ersehen!'
07] Ich besah mir den Berg, der kaum vierhundert Schritte vom Wohnschlosse abstand, genau, und meine Augen trügen nicht, es war ein nackter, hie und da nur mit spärlichem Moose und Kleingestrüppe bewachsener Felsblock. Da sagte ich lächelnd zum Essäer: 'Wenn das im Ernste ein Felsberg ist, woran ich nicht zweifle, so muß eurem Obersten eine rein göttliche Kraft innewohnen, so er aus diesem Marmorberge über die Nacht einen Palast zu schaffen imstande wäre!
08] Darauf sagte der Essäer: 'Zweifelst du etwa, daß der Berg ein ungeheurer Steinklotz ist? Wenn du zweifelst, so gehe mit mir und überzeuge dich!' Ich aber sagte: 'Freund, was meine scharfen Augen sehen, das brauche ich nimmer mit den Händen anzutasten; denn auf vierhundert Schritte unterscheide ich noch die kleinsten Gegenstände!' Sagte der Essäer: 'Nun gut denn, so bleibe hier, und ich werde eine Menge wunderbarer Erscheinungen produzieren!' - Ich kann noch nicht staunen genug, was ich da alles gesehen habe!
09] Der Essäer führte mich in eine große, dunkle Kammer, in der wenigstens hundert Leichen auf eigenen Leichenbetten umherlagen, und der nur zu bekannte starke Leichengeruch sagte mir nur zu deutlich, daß die da in einer weiten Reihe umherliegenden Leichname keine lebenden Menschen mehr waren. Während wir beide unter den vielen Leichen umhergingen und sie auch hie und da befühlten, brachten vier Träger noch zwei hinzu, legten die Entseelten auf noch leere Betten und verließen darauf die Kammer.
10] Ich fragte meinen Führer, ob er denn keine Scheu habe vor so vielen Toten! Und er entgegnete: 'Warum denn? Solange sie tot sind, können sie uns nichts tun, und wenn ich sie wieder ins Leben rufe, werden sie mir darum nur danken, daß ich sie vom sichern und gewissen Tode wieder zum Leben erweckt habe! Siehe, es sind darunter Männer, Weiber und Mägde! Es ist nur schade, daß diesmal keine Kindlein darunter sind. Aber sei standhaft und erschrick nicht, wenn sich auf mein Wort alle von den Lagern erheben werden!'
11] Ich stellte mich so hübsch nahe an die Ausgangstüre, um im Falle der Not bald das Freie zu gewinnen.
12] Der Essäer aber erhob seine Hände und rief mit mächtiger Stimme: 'Erwachet ihr Toten alle, lebet danach fort und erwerbet euch mit euren lebendigen Händen redlich euer Brot! Gebet aber auch vor allem dem höchsten Gottgeiste die Ehre darum, daß er uns Menschen solche Weisheit und Kraft gelehrt hat!'
13] Auf diese Worte des Essäers erhoben sich alle Toten und dankten mit großer Inbrunst dem Essäer für die Erweckung und waren völlig gesund und voll Freundlichkeit. Er begrüßte sie ebenfalls sehr freundlich und entließ sie hernach.
14] Das wird etwa doch auch eine Totenerweckung sein, wenn einhundertundzwei Leichname auf einmal wieder ins Leben gerufen werden!? - Ich fragte darauf den Wundermann, ob so etwas im Jahre mehrere Male geschehe. Und er sagte: 'Das geschieht in jeder Woche einmal. Der Oberste aber kann auch ganz entfleischte Gerippe wieder vollkommen also beleben, daß sie darauf ebenso vollkommen wieder leben wie diese, die ich hier erweckt habe! Aber diese Kraft besitze ich noch lange nicht!'
15] Er führte mich darauf in eine andere, noch dunklere Kammer und zeigte mir eine große Menge von puren Gerippen, die ebenfalls auf reihenweise gestellten Bänken lagen. Ein Mattlicht nur erhellte diese schreckliche Kammer ein wenig; aber man konnte die Gerippe ganz leidlich ausnehmen.
16] Wir besahen uns eine Weile diese höchst leblosen Gebeine. Da kam der Oberste furchtbar ernsten Aussehens und fragte meinen Führer, ob ihm die Wiedererweckung der Leichen völlig gelungen sei. Und er antwortete darauf mit einem allerehrfurchtsvollsten, 'Ja, hoher, weisester Meister!' Darauf sprach der Oberste: 'Nun, so habe denn auf alles acht; dich will ich nun auch in Gegenwart dieses Fremden einweihen, daß du in Zukunft auch die entfleischten Totengebeine sollst zum Leben erwecken können! Gehe hin und betaste mit dem Daumen und dem Mittelfinger beider Hände bloß die Brust und den Schädel der Gerippe, darauf zähle langsam bis sieben und rufe darauf laut: 'Umhüllet euch mit Fleisch und Haut, und das Lebensfeuer dringe aus den Wänden hervor und belebe euch zu ordentlichen Menschen!'
17] Solches tat nun augenblicklich mein Führer, und auf dessen letzten Ruf schossen auch im vollsten Ernste starke und reine Flammen hervor, und die ehemaligen Gerippe, von denen nun keine Spur mehr zu entdecken war, standen als vollkommene Menschen voll Leben und voll Regsamkeit, auch bei hundert an der Zahl, vor uns, begrüßten uns und dankten dem Obersten für diese erwiesene Gnade. Dieser beschied sie hinaus in die frische Luft, die ihnen nun not täte vor allem.
18] Was saget ihr zu allem dem? Wie weit hinten steht da noch unser Meister! -
19] Darauf ward ich zum Speisen geladen, und wir setzten uns an einen langen, speisenleeren Tisch. Der Oberste verrichtete in einer fremden Zunge ein Gebet, sah gen Himmel, und wir alle folgten seinem Beispiele. Da krachte es auf einmal, als ob des Zimmers Decke eingestürzt wäre; und sehet da, weder ich noch sicher jemand anders konnte sich's versehen, wie die Sache vor sich gegangen war, - und wir saßen an demselben Tische zwar noch, aber er war nun nicht mehr leer, sondern vollbesetzt mit den besten Speisen und Getränken, wie sie sich für ein königliches Abendmahl schicken! Nach dem Abendmahle besah ich mir noch einmal den Berg, der während der Nacht in einen Palast umgestaltet werden sollte, und begab mich darauf nach der Ordnung der Essäer in ein abgesondertes Gemach zur Ruhe.
20] Früh am Morgen schon kam mein Führer zu mir und sprach: 'Komm und schaue!' Und ich ging voll Neugierde mit ihm, - und von dem Felsen war keine entfernteste Spur mehr vorhanden! An dessen Stelle stand ein großer königlicher Palast, in dessen weiten Gemächern ich umhergeführt wurde, wobei ich mich fest überzeugt habe, daß das ganze Wunder kein Blendwerk war. -
21] Ich aber frage euch nun, ob uns unser Meister Jesus etwas Höheres und Wunderbareres vorgeführt hat! Und ihr erkläret ihn schon für den Jehova Selbst!
22] Es sollte euch darum in der Folge, wenn wir noch einmal das Glück haben sollten, ihn zu sehen, nicht allzeit ärgerlich erfassen, so ich von Zeit zu Zeit irgend Fragen stelle, die euch, wie ihm, sicher nicht munden; denn ich habe viel Wunderbares vor Jesu gesehen und gehört, und so ihr das recht wohl bedenket, so kann es euch alle, wenn ihr einige männliche Kraft in euch verspüret, nimmer ärgerlich wundernehmen, so ich mich manchmal ein wenig absonderlich gebärde!«

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