Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 80

Cyrenius nimmt Josoe auf. Der Tod Johannes des Täufers. Jesus in der Wüste und am See Genezareth.

01] Sagt Cyrenius: »Herr, diesen Knaben möchte ich zu mir nehmen, und so er zu mir wollte, möchte ich ihn nicht nur meinen Kindern gleich, sondern in allem über dieselben stellen. Wahrlich, ich würde es mir zum größten Glücke rechnen, so ich diesen lieben Knaben, der ohnehin mehr Engel als Mensch ist, mein nennen könnte! Er wird ohnehin einen etwas schweren Stand bei seinen einstigen Eltern haben, und es ist die Frage, ob diese ihn noch annehmen werden. Ich weiß aber um alles und kann mit der Zeit Einleitungen treffen, daß seine, mir als sehr templerisch gesinnt bekannten Eltern ganz gut ihren Josoe erkennen werden. Wollen sie ihn annehmen, so wird es ihnen auch freigestellt sein, jedoch mit der Bedingung, daß er in meinem Hause zu verbleiben und um mich zu sein hat, wo ich bin, - bald in Asien, bald in Europa und bald in Afrika; denn seine Weisheit geht mir über alles!«
02] Sage Ich: »Mache du das mit dem Jairus und dem Knaben ab! Mir ist alles recht; denn der Knabe, Mein lieber Josoe, wird Mir ja überall getreu verbleiben!«
03] Sagt der Knabe: »Vater, daran wirst doch Du nicht zweifeln? Du müßtest mir nur Selbst eine andere Gesinnung ins Herz legen! Das aber wirst Du ewig nicht tun, und so werde ich Dir auch ewig getreu verbleiben. So ich aber über mein künftiges Sein auf dieser Erde zu wählen hätte, da bliebe ich am liebsten geradewegs bei Dir! Denn was Höheres, was Besseres und was Seligeres kann es denn in der ganzen Unendlichkeit und in allen alten und neuen Himmeln noch geben, als bei Dir, dem Urquell der Liebe, der Weisheit und alles Lebens, zu sein? Aber das ist auch nur der eigentliche, innerste Wunsch meines Herzens; im übrigen aber verstehe ich schon auch zu gehorchen und begebe mich überall willig hin, wohin mich Dein heiliger Wille nur immer bestimmen mag! Ich gehe zum Cyrenius, den ich überaus achte und schätze, also gehe ich auch zu meinen irdischen Eltern zurück, die mir auch sehr lieb und wert sind; aber ohne Deinen Willen werde ich nicht leichtlich etwas tun.«
04] Sage Ich: »Daß du bei Mir bleiben möchtest und mit der Zeit auch bei Mir bleiben wirst, davon zeugt dein ganzes Wesen; aber für jetzt bedarfst du noch einiger Ruhe, die dir in der äußeren Abgeschiedenheit von Mir notwendig ist, auf daß zwischen deiner Seele und dem neuen Leibe eine festere Konsistenz gebildet werde. Wenn solches etwa im Verlaufe von einem Jahre geschehen wird, dann kannst du schon wieder zu Mir kommen und wirst dich alsdann in Meiner Nähe ganz gut erhalten können, ohne daß Ich, wie nun, nötig haben sollte, mit der Macht Meines Willens deine Seele in deinem Leibe festzuhalten. Siehe, das ist der Grund, warum Ich zu deinem Wohle nun dich auf eine kurze Zeit von Mir gehen lasse! Frage aber nun deinen Sinn, ob du lieber mit dem römischen Oberstatthalter Cyrenius von hier ziehest, oder ob du lieber zu deinen irdischen Eltern heimkehrst! Mir ist es da ganz einerlei, nur das ist wahr, daß du beim Cyrenius immer mehr gewinnen kannst denn als ein scheinbarer Fremdling in deiner Eltern Hause; denn diese werden lange nicht wissen, was sie aus dir machen sollen.«
05] Sagt Josoe: »Ganz gut, weil ich nun so viel weiß, so ziehe ich mit dem hohen Statthalter Cyrenius. Sehen aber möchte ich die Eltern doch und erfahren, was sie bei meinem Anblick für fragende Gesichter machen werden.«
06] Sagt Cyrenius: »Das können wir morgen, so wir von hier über Kapernaum nach Sidon und Tyrus ziehen werden, ganz leicht zustande bringen! So wir in Kapernaum bei diesem meinem Bruder, den du hier neben mir siehst und dessen Name Kornelius ist, zu Mittag speisen werden, da sollen nebst einigen Hauptständen der Stadt auch deine Eltern zu Tische gezogen werden, und du wirst dann eine hinreichende Gelegenheit haben, deine Eltern zu sehen, zu hören und sie zu beobachten, was sie alles für Bemerkungen über dich machen werden. Aber du mußt dabei wohl dich sehr in acht nehmen, daß du dich nicht etwa durch ein hingeworfenes Wörtlein zu sehr verrätst! An der Kleidung werden sie dich nicht erkennen, da ich dir morgen sogleich aus meinem Vorrate eine Toga, wie sie die Römer tragen, werde anziehen lassen. Aber, wie gesagt, auf deinen Mund mußt du allein recht wohl achthaben, daß du dich nicht verrätst vor der Zeit!«
07] Sagt der Knabe: »Darüber sei du ganz ohne Sorge! Der römischen Zunge bin ich ziemlich mächtig, sowie der griechischen, und werde darum in diesen Zungen reden, so ich um etwas gefragt werde. Freilich sind auch meine Eltern dieser Zungen mächtig; aber das macht nichts! Kurz, mit der Hilfe des Herrn, der mich erweckt hat, werde ich alles in der sicher besten Ordnung darzustellen verstehen.«
08] Cyrenius drückt den Knaben an seine Brust, küßt ihn und sagt: »Kurz und gut, ich liebe dich überaus und betrachte dich von nun an als einen Sohn, den ich mehr liebe als alle meine Leibeskinder und eine Menge anderer Kinder, denen ich freiwillig, wie nun dir, ein Vater geworden bin. Denn allen wirst du mit deinem Geiste vieles nützen können.«
09] Sagt der Knabe: »Ich freue mich auch darauf; denn das ist meine größte Freude von jeher gewesen, so ich jemand habe in was immer nützlich sein können.«
10] Sage Ich: »Gut, Mein Josoe! Wenn Ich sehen werde, daß du deinem Vorsatze getreu verbleiben wirst, so werde Ich dir dann auch eine Kraft aus den Himmeln zukommen lassen, mit deren Hilfe du dann noch mehr Gutes zu wirken imstande sein sollst. Worin aber die Kraft bestehen wird, wirst du erst dann innewerden, wann du sie überkommen wirst. Nun aber wollen wir uns zur Ruhe begeben; denn es ist bereits die Mitternacht herbeigekommen. Morgen ist auch wieder ein Tag, und Ich will ihn nicht zum voraus erforschen, was er bringen wird, sondern, was er bringen wird, das werden wir alle annehmen. Das Gute soll unser Anteil sein, und das Schlechte werden wir auszuscheiden verstehen. Und also begeben wir uns zur Ruhe!« - Nach diesen Meinen Worten begibt sich alles zur Ruhe.


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