Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 79

Zwei Engel bieten dem Josoe ihre Dienste an.

01] Hier treten die zwei Engel hervor und sagen: »Ja, holdester Knabe, du hast wahr gesprochen! Das war unseren Augen, die schon lange den endlosen Raum Gottes durchstierten, ehe noch eine Sonne ihr Dasein weithin durch den ewigen Raum Gottes mittels ihrer Strahlen verkündete, noch nie ersichtlich geworden! Bleibe du daher aber auch gleichfort in dem Geiste, der dich jetzt so rein göttlich hehr belebt, und wir bleiben ewig Brüder!«
02] Sagt Josoe: »Wer seid ihr denn, daß ihr gar so erhaben weise Worte auszusprechen vermöget? Seid ihr denn nicht auch Menschen, so gut wie ich einer bin?«
03] Sagen die beiden: »Liebster Bruder, im Geiste wohl sind wir völlig das, was du bist und noch mehr und mehr werden wirst; aber Fleisch und Blut haben wir nie getragen! Wir sind Engel des Herrn und sind hier, Ihm allein allzeit zu dienen. So uns aber Der einst auch gnädigst will durchs Fleisch, Ihm gleich, gehen lassen, so werden wir dir dann auch in dieser Hinsicht vollends gleichen. Für jetzt aber bist du uns bedeutend voraus; doch die Ewigkeit ist lang und endlos, und in ihr werden sich dereinst alle Unterschiede ausgleichen. Wir aber tragen nun auch dir unsere Dienste an; willst du etwas, so schaffe (befiehl) und wir werden dir dienen!«
04] Sagt Josoe: »Was sollte ich euch mir zu dienen schaffen? Wir alle haben einen Gott und einen Herrn und Vater von Ewigkeit. Dem allein kommt das Recht zu, zu schaffen mit mir wie mit euch; wir aber, die wir samt und sämtlich von Ihm erschaffen worden sind, sollen einander nicht schaffen, sondern aus Liebe zuvorkommend uns allzeit gegenseitig dienen, so aus uns einer oder der andere, Engel oder Mensch, gleichviel irgendeines Dienstes bedarf!
05] Ich halte aber schon den nicht für vollkommen, der, wenn auch noch so willfährig, seinem hilfsbedürftigen, um irgendeinen Beistand flehenden Bruder beispringt; denn da wird nur dem geholfen, der Gelegenheit, Mut und Kraft besitzt, seinem in was immer für einer Hinsicht vermögensreichen Bruder seine Not darzustellen und ihn um die entsprechende Hilfe anzuflehen. Wer aber hilft dann dem, der die Gelegenheit, den Mut nicht besitzt, seinen vermögensreichen Bruder um Hilfe anzuflehen? Wenn ich aber schon eine erbetene Hilfe durchaus nicht gutheißen kann, um wieviel weniger dann erst eine befohlene!
06] Darum sage ich euch hier in der Gegenwart Dessen, der ein Herr ist über Leben und Tod: So ihr sehen werdet, daß mir eine Hilfe not tut, so helfet mir, ohne daß ich euch darum bitte oder gar schaffe, als ob ich ein Herr wäre! Und ich werde dasselbe tun, so ich es wüßte, daß auch ich euch wo dienen könnte; sonst brauche ich keine Hilfe und keinen Dienst von euch, am allerwenigsten aber einen befohlenen, der schlechter ist denn gar keiner!
07] Es solle sich aber ein in was immer für einer Hinsicht Vermögensreicher mit Fleiß umsehen unter seinen hilfsbedürftigen Brüdern, ob nicht einer bald in dieser und bald in einer andern Hinsicht irgendeiner Hilfe bedarf. Und hat er einen gefunden, so solle er ihm die Hilfe antragen! So wird er meines Erachtens dem Herrn und Vater, der ewig gleichfort also handelt, sicher angenehm sein und wird das heilige Ebenmaß Gottes, nach dem er erschaffen ist, rechtfertigen; wer aber seinem Nächsten erst dann hilft, wenn dieser ihn um die Hilfe angefleht hat, - oh, wie weit ist ein solcher Helfer noch vom vollen Ebenmaße entfernt, und wie weit dann erst der, der sich eine Hilfeleistung befehlen läßt!
08] Seht ihr, meine lieben Freunde, wenn eure Weisheit nicht weiter reichen sollte als dahin nur, den Menschen Anträge zu machen, daß sie euch gebieten sollen, wenn sie eurer Hilfe bedürfen, da gehe ich als ein Knabe mit euch nicht tauschen; habt ihr mich aber bloß nur prüfen wollen, so glaube ich, meine Prüfung vor euch wenigstens nicht schlecht bestanden zu haben. Und solltet ihr vielleicht aus meinem Munde etwas vernommen haben, was euch vielleicht ein wenig hart berührt hätte, so müßt ihr das mir schon zugute halten; denn um euch zu belehren, habe ich meinen Mund nicht aufgetan, sondern der Wahrheit willen, weil ihr euren Antrag mir nicht der Wahrheit gemäß gemacht habt. Als vollkommene Himmelsgeister aber hättet ihr doch mein Inneres insoweit zum voraus durchblicken und erkennen sollen, daß ich euch auf euren Antrag mit solch einer Antwort sicher entgegenkommen werde, und ihr hättet dann eurem Antrage, für den ich euch durchaus nicht danken kann, sicher ein anderes Gesicht gegeben!«
09] Die beiden Jünglinge treten nun etwas gedemütigt zurück und sagen: »Wahrlich, diese hohe, rein göttliche Weisheit hätte kein Engel in diesem Knaben gesucht!«
10] Sage Ich: »Ja, Meine Lieben, Gottes Auge sieht gar scharf und entdeckt auch in den vollkommensten Engeln Flecken, - also auch eines Menschen reinstes Herz, das da ist wie ein Augapfel Gottes. Ich ließ aber das nicht euretwegen, sondern der Gäste wegen geschehen, auf daß sie aus dem reinen Munde eines erweckten Knaben erfahren sollten, wieviel es ihnen an der Gottähnlichkeit noch mangelt. Im übrigen aber hat der Knabe schon von Geburt an einen außerordentlich scharfen Geist, und es meine ja niemand, Ich hätte nun bei dieser Gelegenheit ihm die Worte ins Herz und endlich in den Mund gelegt. Sie sind auf seinem höchst eigenen Grund und Boden gewachsen; darum wird er Mir zu einer Zeit ein tüchtiges Rüstzeug sein.«


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