Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 76

Über Demut und Selbstverleugnung

01] Ruft Judas nach Mir und fragt: »Herr, ist es also, wie nun Thomas zu Mir geredet hat in einem stark herrschenden Ton?«
02] Sage Ich: »Ja, also ist es! Wer aus euch sich erniedrigt am meisten vor seinen Brüdern, der ist der Erste im Gottesreiche; jedes Sichbesserdünken setzt ihn aber im Gottesreiche auf eine letzte Stufe zurück.
03] So jemand von euch noch irgendein Hoheits- und somit Besserseinsgefühl in sich verspürt, da ist er von der alles verzehrenden, gierigsten Hölle noch nicht frei und noch lange nicht geschickt zum Reiche Gottes; den solch ein Mensch ist nicht freien Geistes.
04] So aber jemand sich unter alle seine Brüder herabgesetzt hat und also bereit ist, allen zu dienen nach seiner Fähigkeit, so ist er der Erste im Reiche Gottes, und alle andern können sich ganz füglich nach ihm bilden. Wahrhaft göttlich großen Geistes ist nur derjenige, der sich unter alle menschliche Kreatur herabzuwürdigen vermag!«
05] Sagt Judas: »Da kann dann nur ein Mensch, der sich am meisten zu erniedrigen versteht, der Erste im Reiche Gottes sein!? Denn so er beflissen ist, allen zu dienen nach seinen Fähigkeiten, so müssen die andern ihm doch offenbar erst den Gefallen erweisen, sich von ihm bedienen zu lassen, um ihm dadurch zur himmlischen Priorität (Vorrang) zu verhelfen! - Was aber dann, wenn die andern seine Dienste entweder gar nicht annehmen wollten oder dem Himmelreichsprioritätsbestreben selbst ihre Dienste anbieten? Wir wird dann der Erste im Reiche Gottes werden?«
06] Sage Ich: »Alle, die aus redlichem Herzen solches zu tun sich bemühen! Aber Menschen, die gewisserart aus Selbstsucht ihres Bruders Dienste darum nicht annähmen, um ihm jede Gelegenheit zu entziehen, ein Erster im Reiche Gottes werden zu können, ohne je nach solcher Priorität (Vorrecht) zu streben, die werden dennoch die Letzten sein, und er der Erste, weil er wahrhaft aus Liebe und wahrer Demut allen Brüdern dienen wollte!
07] Ah, ganz etwas anderes wäre es, so jemand auf dieser Welt bloß der einstigen himmlischen Priorität (Erstrecht) wegen der Geringste und ein Diener aller werden wollte! Oh, der wird auch einer der Letzten im Reiche Gottes sein! Jenseits wird alles mit der feinsten Wage abgewogen und nach dem genauesten Maße bemessen werden. Wo immer etwas Selbstsüchtiges zum Vorschein kommen wird, wird die Wage den Ausschlag nicht geben und das Maß der Himmel nicht decken! Daher mußt du die volle Wahrheit ohne allen Hinterhalt in dir haben, sonst kannst du ins Reich Gottes nicht eingehen. Nur die reinste Wahrheit ohne Falsch und hinterhältigen Trug kann und wird euch frei machen vor Gott und aller Seiner Kreatur! - Verstehest du das?«
08] Sagt Judas Ischariot: »Ja, das verstehe ich wohl, sehe aber auch zugleich ein, daß solches unmöglich zu bewerkstelligen ist; denn es ist dem Menschen unmöglich, alle Selbstliebe fahren zu lassen! Er muß doch essen und trinken und sich um eine Wohnung und Kleidung umsehen, - und das geschieht denn auch aus einer geringen Art von Selbstliebe! Man nimmt sich ein liebes Weib und will dieses allein für sich haben, und wehe dem, der es wagte, seines Nächsten Weib zu begehren! Das wird aber etwa doch auch eine Art Selbstliebe sein!?
09] Wenn ich einen wohlbearbeiteten Grund habe, und es kommt die Zeit der Ernte, werde ich wohl nun aus lauter Selbstverachtung und gänzlichem Mangel an Selbstliebe zu meinen Nachbarn hingehen und sagen: >Meine Freunde, gehet hin und erntet, was auf meinen Feldern gewachsen ist; denn ich habe als der Geringste unter euch, als euer aller Knecht ohne allen Wort vor euch, nur für euch gearbeitet!< Ich meine, da sollte die so hochgestellte Selbstverleugnung und Selbstverachtung doch irgend einige bestimmte Grenzen haben, ohne welche es sogar unmöglich wäre, Deine Lehre den Menschen zu verkünden, weil man dadurch offenbarst anzeigete, daß man seine Brüder für dümmer und blinder hielte als sich selbst! Denn sich im Geiste für vorzüglicher halten als seine Brüder, da wird doch etwa auch ein wenig von einem Hochmut dabei sein! Wenn aber so, da sehen wir uns die Menschheit in hundert Jahren an, und wir werden sie gleich den Ochsen auf der Weide Gras fressen sehen, und von einer Sprache wird keine Spur mehr zu finden sein und ebensowenig von irgendeinem Wohnhause oder gar von einer Stadt! - Wie weit darf also des Menschen Eigenliebe gehen?«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 2   |   Werke Lorbers