Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 64

Wesen, Leben und Tätigkeit der Naturgeister

01] Cyrenius gibt sich nun mit diesem Bescheide zufrieden, dafür aber erhebt sich Kisjonah und bittet Mich, ob er auch eine Frage über eine von Mir getroffene Anordnung, die nicht wurde, stellen dürfe.
02] Sage Ich: »Rede, Freund der Freunde und Feinde!«
03] Spricht Kisjonah: »Siehe, als wir den letzten Rest aus der Grotte in meinen Bergen holten, da ordnetest Du an, Brot und Wein in rechter Menge mitzunehmen, da wir dort viel Hungrige und Durstige antreffen würden! Ich ließ darauf gleich Brot und Wein in großem Maße mitnehmen und wartete hernach bei und in der Grotte, ob da jemand käme, der des Brotes und Weines bedürfe! Aber siehe, Herr, es fand sich niemand vor, dem man das Mitgenommene hätte verabfolgen können!
04] Als wir aber aus der Grotte gekommen waren und Du diese durch Deine Macht im Archiel hast für ewige Zeiten verrammen lassen, so waren wir ohne Brot und Wein, und keiner von den Trägern wußte mir zu sagen, wer ihnen das Brot und den Wein abgenommen hätte. Ich habe solches in der Grotte, wie auch außer derselben, im wundervollsten Momente wahrlich nicht bemerkt; aber einen Tag darauf, als Du Kis verließest, sprach natürlich mein ganzes Haus von nichts als von Dir, und - wie die Menschen schon sind, besonders bei so wunderbarsten Begebnissen - es wurden da wenigstens noch einmal soviel Taten erzählt, als Du meines Wissens gewirkt hast! Viele dergleichen erzählte Taten, die die Erzähler wollen von Dir verrichten gesehen haben, verwies ich den Erzählern und erklärte sie als Erfindungen ihrer erhitzten Phantasie, das denn doch am Ende nichts als eine fromme Lüge sei; aber die Erzählung vom Verschwinden des mitgenommenen Brotes und Weines hatte selbst mich im vollernste stutzen gemacht. Denn ich konnte mich wahrlich nicht entsinnen, was da mit dem mitgenommenen vielen Brot und Wein geschehen war, da wir davon nichts genossen hatten.«
05] Sage Ich: »Ich wußte es wohl, daß dich so etwas Mir nachsenden würde; aber es liegt daran wahrlich nicht gar so besonders viel, als du es dir vorstellst. Da du jedoch schon gekommen bist, auch darüber ins klare zu kommen, so muß Ich dir die Sache gleichwohl aufhellen; und so höre denn:
06] Siehe, in den Bergen, so wie in der Luft, wie auch in der Erde, im Wasser und im Feuer, gibt es gewisse Naturgeister, die noch nicht den Weg des Fleisches durchgemacht haben, weil sich dazu noch nicht die Gelegenheit geboten hat, in der sie bei einem menschlichen Zeugungsakte den Eingang ins Fleisch hätten finden können, um durch den Leib eines Weibes im Fleische zur Welt geboren zu werden. Massen solcher noch ungeborener Seelen sind in allen Elementen vorhanden.
07] Nun, die in den Bergen waltenden Naturgeister aber haben aus der Luft irgend mehr Konsistenz (größere Dichtigkeit) angenommen. Diese haben kein besonderes Bedürfnis, ins Fleisch eingezeugt und darauf im Fleische aus einem Weibe geboren zu werden; ihnen ist es bei einiger, manchmal ziemlich schaffen Intelligenz lieber, solange als möglich im freien, ungebundenen Zustande zu verbleiben. Sie haben sogar ein Rechtsgefühl und fürchten den Geist Gottes, von dem sie manchmal eine ziemlich helle Kenntnis haben, das heißt nur immer einige aus ihnen, die schon alt geworden sind; die jungen in diese Gesellschaft aufgenommenen Geister sind gewöhnlich noch sehr finster und mitunter auch böse und könnten viel Übles anrichten, wenn sie nicht von den älteren im Zaume gehalten würden. Ihr Hauptgeschäft ist, allerlei Metalle in den Bergen zu gestalten, zu ordnen und sie gedeihen zu lassen in den Spalten und Gängen der Berge.
08] Solche Geister nehmen zuweilen auch Nahrung aus der Natur, und zwar nur aus dem Reiche der Pflanzen. Solches tun sie bei starker Arbeit im Reiche der Berge bei der Umgestaltung der Felsen, bei der Abtreibung großer Bergteile, bei der Ausschöpfung innerer, mit Wasser zu voll gewordener Höhlen und bei dergleichen Arbeiten mehr, mit denen diese Geister oft auf das vollgemessenste beteiligt werden, damit sie, als oft zu mächtig geplagt, die Liebe zu ihren Bergen verlieren sollen und sucheten ins Fleisch eingezeugt zu werden, weil besonders von nun an kein Geist zur voll lebendig freien Seligkeit gelangen kann, der nicht den Weg des Fleisches durchgemacht hat.
09] Diese Geister, Mein lieber Kisjonah, und namentlich die, die deine Berge bestellen, hatten in der Verrammung der schnöden Grotte eine überstarke Arbeit vor sich und mußten dazu mit Brot und Wein gestärkt werden! Und siehe, diese sind es, die Ich gemeint habe, da Ich sagte: 'Wir werden der Hungrigen und Durstigen in großer Menge antreffen, die solcher Stärkung bedürftig sein werden!' Sie ist auch ohne irgendein Überbleibsel verzehrt und darauf auf das Geheiß Meines Engels auch die überschwere Arbeit auf das vollendetste verrichtet worden. Darin besteht nun die voll erhellte Antwort auf deine Frage. - Hast du sie wohl verstanden?«


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