Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 47


Gefahren hoher Ämter. Jairus legt sein hohes Priesteramt nieder. Rechte Amtsausübung. Wahre Beschneidung. Dienst der Engel im Kosmos.

01] Sagt Jairus: »Herr, rede, ich will dich hören und danach auch tun nach Deinem Worte!«
02] Sage Ich: »Ganz gut also; wirst du danach tun, so wirst du zeitlich und ewig glücklich sein. Und so höre denn:
03] Du bist nun ein Oberster der Pharisäer und ihrer Schulen in dieser ganzen Gegend von Nazareth, Kapernaum und Chorazin, von Kana in Galiläa und vielen andern Flecken, Dörfern und Weilern. Du stehst darum in Galiläa in einem großen Ansehen, das nicht viel geringer ist denn das des Hohenpriesters zu Jerusalem. Aber siehe, all dies dein großes Ansehen konnte deine Tochter nicht vor dem zweimal erfolgten Tode erretten und noch weniger sie vom Tode erwecken, als sie vollwahr gestorben war!
04] Du siehst, daß solch ein großansehnliches Amt zu gar nicht viel anderem nütze ist, als vor allem den Hochmut des Hochbeamteten noch mehr zu erhöhen, ihm das immer steigende Wohlleben zum Bedürfnisse zu machen, aber in der Nutzung und wahren Hilfe den Menschen gegenüber stets schwächer und hilfloser zu werden und sich sonach den Hilfebedürftigen als selbst hilflos oder zu helfen ohnmächtig gegenüberzustellen; denn wer jemandem, der irgendeiner Hilfe bedürftig ist, nicht helfen kann oder will, der ist ebenso hilflos wie der Hilfsbedürftige selbst.
05] Es ist demnach ein hohes Amt, besonders das deine, von einem höchst geringen Belange. Wie wäre es denn, so du es in die Hände des Hohenpriesters nach Jerusalem zurücklegtest und darauf zu deinem nunmaligen Schwiegersohne zögest, bei dem du sicher besser und ansehnlicher versorgt wärest, als wie du es jetzt vom stockblinden Jerusalem aus bist? Du könntest dem Borus die Schrift, in der du wohlbewandert bist, nach und nach stets heller und heller machen, was für ihn von großem Nutzen wäre; er aber würde dich dafür so manches in der Heilkunde lehren. Ich aber lege dir damit kein Gebot auf, sondern stelle es dir ganz frei! Willst du diesen Meinen Rat befolgen, so wirst du wohl tun; willst du aber das nicht, so wirst du deshalb keine Sünde begehen.«
06] Sagt Jairus: »Herr, da bist du meinem höchst eigenen Wunsche wahrlich zuvorgekommen! Das ist nicht jetzt, sondern schon lange mein Wunsch gewesen, mein lästiges Amt niederzulegen; jetzt aber, da sich alles gar so überaus wundervoll günstig für mein Sein gestaltet hat, werde ich morgen schon einen Boten mit einem Dienstentlassungsgesuche nach Jerusalem senden mit der Bitte, dieses Amt einem andern zu verleihen! Aspiranten (Bewerber) um solche Ämter gibt es in Jerusalem stets eine Menge, die für die Verleihung solch eines Amtes dem Tempel zehnfache Taxen bezahlen können, und so wird den Herren im Tempel ein solches Gesuch sicher sehr erwünscht sein, weil sie sogar Anträge denen machen, die irgendein hohes Amt besitzen, daß sie davon abstünden, weil dadurch ein neuer Aspirant in die Gelegenheit versetzt werden könnte, den Tempel um einige hundert Pfunde Silbers und Goldes reicher zu machen, als er vorher war! Mit den Ämtern wird nun in Jerusalem ja ein ganz ergiebiger Handel getrieben!«
07] Sage Ich: »Oh, das weiß Ich am allerbesten, wie es nun in Jerusalem zugeht! Da wird nur aufs Gewicht des Silbers und Goldes und der Perlen und Edelsteine gesehen, nie aber auf den Geist des Menschen. Wenn du als ein Prophet über Moses und Elias hinaus in den Tempel kämest und fingest an, als solcher zu predigen, so würde man dir nur zu bald die verfluchten Steine zeigen, mit denen die meisten der Propheten gesteinigt worden sind; aber so du kämest mit zehntausend Pfunden Goldes, so würde man dir die größten Ehren erweisen! Laß du nur zwei fette Ochsen in den Tempel treiben, und du kannst versichert sein, daß sie ihnen um vieles lieber sein werden denn Moses und Elias. - Aber lassen wir nun das! Die Zeit ist nicht mehr ferne, die den Templern und ganz Jerusalem den wohlverdienten Lohn gehen wird; denn gar lange wird man diesem Greuel nicht mehr zusehen. - Nun von etwas anderem!
08] Was hört man denn nun vom Johannes? Ist er noch in der Haft des Herodes?«
09] Sagt Jairus: »Ich habe nichts vernommen, daß er irgend wieder in Freiheit gesetzt worden wäre! Aber ich werde mich durch den morgigen Boten, den ich in der bewußten Sache nach Jerusalem absenden werde, darüber ganz angelegentlich erkundigen, so es Dir, o Herr, genehm ist!«
10] Sage Ich: »Laß das; denn Herodes ist ein schlauer Fuchs, und dein Bote könnte als Galiläer Anstände bekommen. Ich aber sehe es im Geiste ohnehin, wie es mit Johannes steht. Wir werden übermorgen traurige Nachrichten erhalten, an denen samt Mir niemand eine Freude haben wird.«
11] Nach diesen Worten fragen Mich Cyrenius und Kornelius, ob Ich denn haben möchte, daß auch sie ihre hohen Ämter niederlegen sollen.
12] Sage Ich: »Oh, mitnichten! Eure Ämter sind ganz anderer Art und überaus nötig und von großer Wichtigkeit! Aber nur verwaltet eure wichtigen und hohen Ämter stets nach Recht und Billigkeit und stellet vor dem Gesetz jedermann gleich! Nur - wie ihr es schon wisset aus Meinem Munde - lasset die Liebe stets vor dem Gesetz einhergehen, und denket, daß der Sünder, der gegen die sehr weitläufigen Staatsgesetze als ein dieser vielen Gesetze völlig Unkundiger nur zu leicht zu handeln imstande ist, auch ein Mensch ist, bestimmt, so wie ihr, fürs ewige Leben im Reiche Gottes! Werdet ihr stets also euer Gesetz handhaben, so werdet ihr gleich den Engeln handeln, die eben auch also Gottes Diener sind, wie ihr Diener des Kaisers seid.«

Frage der Beschneidung von bekehrten Heiden

13] Sagt Cyrenius: »Das wollen und werden wir! Aber nun haben wir noch eine äußerst wichtige Frage, und diese besteht darin: Wir sind, wie Dir nur zu wohl bekannt ist, Römer und sonach, wie ihr sagt, Heiden (Irrgläubige). Sollen wir dem Äußeren nach bleiben was wir sind, nämlich Heiden, oder sollen wir öffentlich dem Heidentume abschwören und uns beschneiden lassen?«
14] Sage Ich: »Weder das eine noch das andere! Sondern wer, wie ihr, im Herzen beschnitten ist durch den Glauben an und durch die Liebe zu Gott, braucht weiter nichts mehr; denn das genügt vollkommen zur Erreichung des ewigen Lebens. Nach etlichen Jahren aber werden schon ohnehin Meine vom Gottesgeiste erfüllten Jünger zu euch kommen und euch taufen mit dem Geiste Gottes, und ihr werdet dadurch alles erhalten, was euch not tut. - Nun wisset ihr alles. Der Abend ist nicht mehr fern, und wir wollen uns der Juden wegen heute, als am Vorsabbate, etwas früher zur Ruhe begeben als an einem andern Tage. Nach dem Abendmahle werden wir denn für heute nichts weiteres mehr verhandeln.«

Dienst der Engel im Kosmos

15] Hier treten die zwei Engel zu Mir in der tiefsten Ehrfurcht und bitten Mich, ob sie denn nicht noch die paar Tage sichtbar hier in Meiner leiblichen Nähe verweilen dürften; es sei für sie das die höchste Seligkeit, die sie je empfunden haben.
16] Und Ich sage es laut: »Ihr habt von jeher die vollste Freiheit, und so tut, was euch frommt; aber vergesset darob nicht, welchen Dienst ihr zu leisten habt! Die Mittelsonnen bedürfen einer großen Pflege, und ihr wisset es, wie viele es deren im unendlichen Gottesraume gibt!«
17] Sagen die beiden Engel: »Herr, dies alles ist besorgt und wird fortan gleich besorgt!«
18] Sage Ich: »Ja, ja, das weiß Ich, darum auch möget ihr nach eurem Wunsche hier verweilen; denn der Geringste hier aus diesen Menschen, die um Mich sind, ist mehr denn zahllose Mittel-, Neben und Planetarsonnen! Die Sonnen aber sind der Menschen wegen gemacht und müssen dieser wegen denn auch stets allersorgfältigst besorgt werden!« - Die Engel verneigen sich überseligst und gehen wieder zu Meinen Jüngern, mit denen sie sich gleichfort besprechen und ihnen über gar viele Dinge in der Welt überwichtige Aufschlüsse geben.
19] Borus aber eilt nun ins Haus und sorgt für ein gutes Abendmahl, das er reichlich bereiten läßt.


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