Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 236


Jesus vermählt Faustus und Lydia, die Tochter Kisjonahs. Himmels-Ehen und Welt-Ehen.

01] Der Oberrichter und der Unterrichter samt Kisjonah, Baram, Jonael, Jairuth und Archiel gehen nun mit Mir ins Zimmer und halten etwa eine halbe Stunde nach dem Untergange mit Mir und all den Meinen ein recht wohlbereitetes und reichliches Mahl, und der noch ledige Oberrichter findet ein großes Wohlgefallen an der ältesten Tochter Kisjonahs und sagt zu Mir: »Mein edelster Freund, Du weißt, wie sehr ich Dich trotz des Unterschiedes unserer Religion, respektive Gottheitslehre, allzeit liebte, weil ich in Dir keinen verschlagenen und einseitigen Juden, sondern einen höchst offenen und freisinnigen und zugleich höchst vielseitig gebildeten und in allen Wissenschaften tiefst bewanderten Menschen gefunden habe.
02] Ich vertraue Dir daher denn nun auch an, daß mir Kisjonahs Tochter überaus wohl gefällt. Nun aber, wie Du wohl weißt, bin ich ein Römer, und sie wird doch zweifelsohne eine Jüdin sein, die keinem Heiden, wie wir von den Juden genannt werden, ihre schöne Hand reichen darf. Sage, Freund, was wäre da zu machen? Könnte sie unter gar keiner Bedingung mein Weib werden? Geh und gib mir ein Mittel an die Hand!«
03] Sage Ich: »Du bist ein Römer, und sie ist eine Griechin und keine Jüdin, und somit hindert dich schon von Natur aus nichts, sie vom Kisjonah zum Weibe zu begehren, der sie dir auch sicher geben wird. Daß sie aber geistig, wie nun das ganze Haus, nach Meiner dir nicht unbekannten Lehre dennoch eine Jüdin ist, das wird dir wohl kein Stein des Anstoßes sein?!«
04] Sagt der Oberrichter namens Faustus, Caji Filius: »Warum nicht gar! Bin ich ja im Herzen selbst einer der glühendsten Anhänger Deiner rein göttlichen Lehre! Denn ich meine, daß ein Gott, der eine Welt zu bauen verstand und darauf allerlei lebendige Wesen und am Ende sogar den Menschen ins Dasein zu rufen vermochte, überaus weise sein muß! Wenn solch ein weisester Gott den Menschen eine Lehre geben möchte, so könnte Er ja doch unmöglich eine andere Lehre - sage - Seinen Menschen geben, als eben eine weisest solche, die mit der Natur und mit dem besten Erhaltungsprinzip des Menschen unter den Menschen im genauesten Einklange steht.
05] Nun, Deine Lehre aber hat diesen Geist und solchen Charakter und ist somit rein göttlich, und ich habe sie darum als vollauf wahr für mein ganzes Leben angenommen und mache danach auch einen Prediger meinem ganzen Hause und allen meinen vielen untergeordneten Amtleuten. Wenn so, da wären wir bis auf die Einwilligung des Vaters ja ganz in der Ordnung!«
06] Sage Ich: »Nun, die hast du schon, sowie die Liebe der schönen Lydia. Sieh hinter dir den durch und durch seligen Kisjonah, der sich vor Freuden gar nicht zu helfen weiß, daß seinem Hause solche Ehre begegnet!«
07] Faustus sieht sich um und Kisjonah sagt: »Herr und Gebieter über unser ganzes Galiläa und Samaria! Ist das möglich, daß du meine Lydia zum Weibe begehrst?!«
08] Sagt Faustus: »O ja, als aus Tausenden die einzige, so du sie mir geben willst!«
09] Kisjonah ruft die Lydia. Diese kommt sichtlich verlegen vor Liebe und großer Freude, und Kisjonah sagt zu ihr: »Nun, meine liebe Tochter, möchtest du wohl gesegnet sein mit diesem herrlichen Manne?«
10] Und die Lydia, die Augen zu Boden schlagend, sagt nach einer Weile: »Wie magst du mich noch fragen? Wie dieser herrliche Faustus heute ankam und ich ihn zum ersten Male sah, so hörte ich im Herzen reden: ,Wie glücklich doch muß das Weib dieses herrlichen Mannes sein! Und sollte ich nun, da er mich begehrt, ihm mit einem Nein entgegenkommen?'«
11] Sagt Kisjonah: »Aber was wird da dein geliebtester Jesus dazu sagen?!« Sagt die Lydia: »Dessen sind wir alle! Er ist der Schöpfer, und wir sind Seine Geschöpfe, aus denen Er nun wirkliche Kinder zieht! Er bleibt dessenungeachtet meines Herzens tiefste Tiefe!«
12] Hier macht Faustus große Augen und sagt, ganz erstaunt über dies unerwartete Zeugnis der Lydia über Mich: »Was, was - was muß ich hören!! Sollte denn ein letzthiniger schönster Traum, den ich geträumt habe, irgendeine wahre Bedeutung haben? Den ganzen Himmel sah ich offen; alles war Licht, alle zahllosen Wesen Licht, und in der tiefsten Tiefe der Himmel sah ich offenbar Dich, Du mein Freund Jesus, und alle Wesen harrten wie mit ungeduldiger Freude Deines Winkes, um Deine Befehle in einem Augenblick der ganzen Unendlichkeit zu verkünden!
13] Damals glaubte ich, in Deinem Ebenbilde, dessen Glanz die Sonne bei weitem überbot, den Zeus gesehen zu haben, und es nahm mich hochwunder, daß Du mit Zeus eine so außerordentliche Ähnlichkeit habest, und ich hielt seither Dich im geheimen für einen Erdensohn des ersten Gottes, den ich aber mit dem Jehova der Juden und mit dem Brahma der Indier identifizierte und dabei alle andern Götter nur Dir gleich für Seine Erdenkinder hielt, die Er zuzeiten mit den Töchtern der Erde zeugte, um den Menschen in solchen Söhnen der Erde Führer, Lehrer und Beleber zu geben!
14] Aber jetzt bekommt dieser Traum auf einmal ein ganz anderes Gesicht; Du bist Selbst der lebendige Zeus, Brahma oder Jehova leibhaftig unter uns und lehrst uns Selbst Deine göttliche Weisheit, da wahrscheinlich Deine früheren Kinder dieselbe auf dieser Erde schlecht gelehrt und nicht in die rechte Werktätigkeit gesetzt haben!
15] Wenn unfehlbar also, da bekomme ich ja dies schönste Weib unmittelbar aus der Hand meines Gottes, meines Schöpfers, und brauche daher nicht mehr zu fragen, ob ich mit ihr glücklich sein werde!
16] Aber es hat denn nun auch mein Begehren ein ganz anderes Gesicht überkommen! - Schönste Lydia! Sieh nun an den Herrn! Nun kommt es nicht mehr auf unser gegenseitiges Verlangen und Begehren an, sondern lediglich auf den heiligsten Willen dieses Einzigen der Einzigen, dieses Herrn aller Herrlichkeit, dieses Gottes aller Götter, aus dem alle Himmel, Sonne, Mond und diese Erde und wir alle hervorgegangen sind!
17] Du mein in aller Fülle der Wahrheit göttlichster Jesus! Ist es Dir genehm, daß Lydia mein Weib werde, so ist sie mein Weib; sollte es Dir aber nur im geringsten unangenehm sein, so sage es, und mein Leben soll nichts sein als der tätige Ausdruck Deines Willens!«
18] Sage Ich: »Mein edelster Bruder! Ich habe euch schon gesegnet, und somit seid ihr vollkommen schon ein Leib; aber das merket euch:
19] Was Gott verbunden hat, das soll kein Mensch mehr trennen, und es bleibt sonach eine wahre Ehe für ewig unauflöslich! Eine falsche Weltehe ist aber ohnehin kein Bund vor Gott und ist somit auflöslich wie die Weltmenschen und alle ihre Bündnisse, die schon von vornherein nichts als eine barste Hurerei sind, durch die die Kinder des Satans ins elende Dasein gesetzt werden. Ihr also seid nun vollends Mann und Weib und vor Gott ein Fleisch, Amen!«
20] Auf diese Meine Worte umarmen sie sich und begrüßen sich mit einem Kusse.
21] Daß diese schnelle Verbindung in ganz Kis eine große Sensation gemacht hat und Kisjonah nun auf eine reiche Mitgabe bedacht war, läßt sich wohl von selbst denken.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 1   |   Werke Lorbers