Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 237


Gast Philopold aus Kana. Fortsetzung der Gerichtsverhandlung mit den räuberischen Pharisäern unter Jesu geheimer Leitung. Wirkung der scharfen Strafandrohung des Faustus.

01] Als der erste Sturm auf diese Begebenheit sich ein wenig gelegt hatte, kam der schon bekannte Philopold aus Kana an, ging sogleich zu Mir hin und wollte mir alles kundtun, wie er in Kana bereits alles in die schönste Ordnung gebracht habe.
02] Ich aber begrüßte ihn freundlichst und sagte zu ihm: »Mir ist schon alles bekannt; du bist Mein Jünger, gehe nun hin zu Meinen anderen Jüngern, diese werden dir gar vieles zu erzählen wissen. Ich aber habe in dieser Nacht vieles zu schlichten. Morgen aber werden schon auch wir miteinander recht viel zu besprechen bekommen; denn du sollst Mir ein tüchtiges Rüstzeug werden.«
03] Philopold begibt sich nun zu den Jüngern, und fast gleichzeitig vermelden die Aufseher, daß bereits alle Vorgeladenen von Kapernaum und Chorazin angelangt sind, und fragen, was nun zu geschehen habe.
04] Ich aber sage: »Führt sie zuerst zu ihren Kindern und gebt ihnen zu essen und zu trinken! Wir aber werden indessen mit den zwölf Pharisäern eine ganz außerordentliche Verhandlung vornehmen.«
05] Die Aufseher entfernten sich, und Faustus fragte Mich, ob es nicht besser wäre, daß Ich die zwölfe verhöre und er bloß einen Aktuarius mache.
06] Ich aber sage: »Nein, Mein Bruder, das würde nicht gehen; denn vor ihnen hast nur du die Amtswürde und trägst darum des Kaisers Machtring an deiner Rechten und das Schwert und den Stab; du mußt sie darum selbst verhören. Aber Ich werde dir schon auf die Zunge legen, was du und wie du zu fragen hast, und sie werden dir nicht auskommen! Gehen wir darum nur schnell ans Werk; denn es ist nicht früh in der Nacht.«
07] Wir gingen darum nun sogleich hinaus in das Gerichtshaus, allwo die zwölfe mit ihren dreißig Haupthelfershelfern unter starker Wache wohl verwahrt des Oberrichters harrten mit großer Furcht und Angst; denn sie hatten nun keine Zeit und keine Gelegenheit mehr, irgendein Dutzend falscher Zeugen aufzutreiben, die für sie gelogen und auf die Lüge geschworen hätten; denn es war ja vom Tempel aus für jeden eine besondere Gnade verheißen, der zugunsten des Tempels und aller dessen Diener, wenn es die Umstände als notwendig erfordern, einen falschen Eid ablegt! Er mußte aber zuvor freilich ganz tüchtig informiert sein, was im vorlegenden Falle aber durchaus unmöglich war.
08] Wir traten nun unter Begleitung des Kisjonah, Baram, Jonael, Jairuth und des Engels Archiel nebst dem Unterrichter und mehreren Schreibern in den Gerichtssaal.
09] Gleich beim Eintritt fragt der erste Pharisäer ganz erbost den Faustus: »Was ist denn das für eine Art, uns Priester Gottes, nachdem wir uns ohnehin schon zu allem, was gefordert ward, als leistungswillig erklärt haben, nun noch wie gemeine Verbrecher nicht in die Freiheit zu setzen?! So wahr wir Gottes Diener sind: - wenn man uns nicht sogleich die volle Freiheit geben wird, so wird man von Gott übel bedient werden!«
10] Sagt Faustus: »Seid nur ruhig, sonst könnte ich genötigt sein, euch zur Ruhe zu zwingen; denn wir haben nun ganz außerordentlich wichtige Dinge miteinander zu schlichten! Höret mich nun aufmerksamst an!
11] Ich habe schon früher zu euch die Bemerkung gemacht, der zufolge mir eure ungeheuren Schätze als auf ein Haar dieselben zu sein vorkommen, von denen ich euch schon früher die fragliche Erwähnung gemacht habe. Ich bin bis auf eines nun schon in aller Richtigkeit über dieses Attentat auf die vom Pontus und Kleinasien nach Rom an den Kaiser abgegangenen Steuergelder und anderen Schätze; dies eine aber besteht darin:
12] Die Steuergelder und die anderen Schätze waren nach der Beschreibung nahe von einer Viertellegion römischer Soldaten begleitet; es mußte sonach nichts Leichtes gewesen sein, solch eine mächtige Begleitung zu überwältigen, sie entweder ganz aufzureiben oder wenigstens in die Flucht zu schlagen.
13] Daß diese Gelder und Schätze entweder unmittelbar von euch selbst durch List oder Gewalt oder von euren irgend noch verschmitzteren Kollegen den römischen Führern abgetrieben worden sind, bin ich völlig im klaren; dafür bedürfen wir auch keines Beweises mehr, da wir bereits mehr denn hundert Zeugen dafür besitzen; aber, wie gesagt, es fehlt mir bloß noch die Art und Weise und am Ende noch die richtige Summe, wie groß sie war, auf daß ich imstande bin, mit den Geldern und sonstigen Schätzen den genauen Bericht nach Rom an den Kaiser zu übersenden.«
14] Sagt der erste der Pharisäer: »Herr, das ist eine zu grobe Verleumdung, die wir nimmer auf uns können beruhen lassen! Und wenn du tausend falsche Zeugen wider uns hast, so wird dir das wenig oder nichts nützen; denn wir sind unserer Sache zu sicher, und du wirst uns mit aller deiner Macht dennoch kein Haar zu krümmen imstande sein! Erspare dir daher jede weitere Mühe; denn von nun an sollst du keiner Antwort mehr gewürdigt werden außer einer zu deinem Verderben!
15] Wenn du die Pharisäer bis jetzt noch nicht gekannt hast, so sollst du sie nun oder wenigstens in der Bälde kennenlernen! Denn solch einen ungeheuren Anwurf können wir nimmer auf uns beruhen lassen. Wir haben des Waldfrevels wegen nachgegeben, obschon wir nach unseren Gesetzen nicht nachzugeben gehabt hätten; aber des Friedens wegen nahmen wir dein höchst ungerechtes Urteil an. Aber nun heben wir es auf, und wenn du es frevelhaft wagen solltest, nur einen Stater, sei es Gold, Pfand oder Schatz anzurühren, so wirst du es nicht nur hundertfach zu ersetzen haben, sondern es wird auch mit aller deiner Herrlichkeit vollkommen zu Ende sein! Denn nun wird man im Tempel schon wissen, was man allerfrechst hier mit uns treibt.«
16] Sagt Faustus: »So, also auf diese Art wollt ihr da euch aus der Klemme ziehen? Schon gut, ich weiß nun denn auch ganz klar, was ich mit euch zu tun habe! Mit dem Verhöre mit euch hat es ein Ende; die Sache ist durch hundert Zeugen konstatiert, und eure Schuld ist am Tage! Ich sage euch nun nichts anderes und setze ein Ultimatum - die Büttel stehen draußen -:
17] Wollen eure dreißig Helfershelfer reden, so soll ihnen das Leben gelassen werden; wollen aber auch diese nichts reden, da soll ihnen wie euch noch in dieser Nacht das Beil zuteil werden! Da werdet ihr euch dann wohl überzeugen, welch eine Furcht ich vor euch habe!«
18] Auf diese sehr kaltblütig kräftigen Worte des Faustus treten alle die dreißig Helfershelfer hervor und schreien: »Herr, schone unseres Lebens; wir wollen dir ja alles haarklein beschreiben, wie diese Sache hergegangen ist!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 1   |   Werke Lorbers