Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 205


Egoistische Liebe begehrt und will haben, himmlische Liebe gibt alles wieder her. Höllische Liebe raubt bloß für sich.

01] Sagt Ahab: »Das ist eine hohe und tiefe Wahrheit; aber dennoch möchte ich dazu das bemerken, daß es eine völlig uninteressierte Liebe, wenigstens bei den Menschen, nicht geben kann; denn soviel ich besonders über die Liebe allzeit nachgedacht habe, so geht die Liebe, wenn sie auch noch so rein ist, doch immer mehr oder weniger auf einen Raub aus.
02] Siehe, ich liebe Dich doch sicher so innig, als Dich nur je ein Mensch lieben kann; ja, so es möglich wäre, da möchte ich Dich aus purer Liebe ganz in meinen Leib - und da in mein Herz hineinschieben!
03] Aber nun frage ich, ob ich das auch für irgendeinen anderen, (mir) ganz gleichgültigen Menschen fühlen kann! ? - Warum nicht? Warum fühle ich das denn bei Dir?! - Die Antwort gibt die Sache selbst!
04] Ich weiß, wer Du bist, und weiß, was Du vermagst, und weiß nun auch, was ich durch Dich und durch die Beachtung Deiner Lehre erreichen kann, und das ist denn auch der unbestreitbare Grund meiner heißesten Liebe zu Dir. Denn wärest Du nicht Das, was Du bist, so wäre meine Liebe zu Dir auch sicher sehr bedeutend schwächer. Ich habe also an Dir und für Dich ein übergroßes Interesse, und darum will und liebe ich Dich!
05] Ich will nicht behaupten, daß ich Dich nun eines besonderen Gewinnes wegen liebe - denn ich verlasse ja alles auf der Welt um der Liebe willen zu Dir -; aber dennoch geht hier meine Liebe auf einen ganz besonderen Raub aus; denn sie haschet nach Dir, weil Du ihr mehr bist als die ganze Welt!
06] Es bestimmt stets der größere, entweder materielle oder geistige Wert den Zug der Liebe. Der Kaufmann, der Perlen suchte, verkaufte alles und kaufte die große Perle, die er fand! Warum denn? Weil sie viel mehr wert war denn alles, was er ehedem besaß! Es ist das freilich wohl ein edles Interesse; aber es ist und bleibt dennoch ein Interesse, und ohne das gibt es wenigstens beim Menschen keine Liebe! Und wer mir von einer uninteressierten Liebe, die vielleicht höchstens in Gott Platz haben mag, etwas weismachen will, dem sage ich: 'Freund, du magst viel Weisheit haben; aber über den Punkt der Liebe hast du doch nie tiefer nachgedacht!'
07] Ja, die göttliche wahre Liebe unterscheidet sich von der höllischen freilich ganz gewaltigst darin, daß die göttliche Liebe zwar auch raubet gleich der höllischen; aber sie gibt alles wieder her! Sie sammelt bloß des Wiedergebens willen, während die höllische Liebe bloß für den eigenen Rachen raubet und nichts wiederhergeben will.
08] Wenn wir uns aber die Liebe der Himmel aneignen, so wissen wir, daß wir dabei nie zu einem Verlust und Schaden gelangen können, sondern nur in jeder Hinsicht mehr und mehr zu gewinnen haben, je mehr wir hergeben.
09] Wir gleichen da einer Grube, die ins Erdreich gegraben wird; je mehr Erdreich sie verliert, desto größer wird ihr innerer Raum zur Aufnahme des Lichtes und der himmlischen Luft. Herr, ich meine, daß ich darin nicht unrecht habe; was sagt da Deine unendlich höhere Weisheit dazu?«
10] Sage Ich: »Nichts, als daß du darin vollkommen recht hast; denn wäre die Liebe nicht ein Räuber, so oder so, da wäre sie keine Liebe; denn alle Liebe begehrt und will haben.
11] Aber im Zwecke des Habens liegt eben eine unendliche Kluft, und das scheidet Himmel und Hölle für ewig auseinander!
12] Aber nun bringen Barams Leute schon das Morgenmahl; daher wollen wir, nachdem wir stundenlang für den Geist sorgten, auch auf einige Augenblicke des hungrigen Leibes gedenken.«
13] Baram bringt Mir auf einer goldenen Schüssel einen allerfeinsten und bestbereiteten Fisch und einen vollen Becher Wein und bittet Mich, ihn der Gnade wert zu halten, von ihm und aus seiner Hand das Morgenmahl zu nehmen.
14] Und Ich sage zu ihm: »Diese Tat soll dir nicht unbelohnt bleiben; denn du hast dir die Mühe genommen aus großer Liebe zu Mir und aus einer gleich großen Liebe zum Bruder Kisjonah, der dich dauerte, und du bei dir dachtest, es müsse das dem Bruder Kisjonah im Verlaufe von mehreren Tagen doch etwas zu schwer fallen, die mehreren hundert Gäste nach Bedarf zu versorgen.
15] Ich sage dir: Die Not ist bei Kisjonah wohl nicht da; denn wir alle zehren seine Vorräte wohl in zehn Jahren nicht auf. Aber weil du also dachtest in deinem Herzen, als könnte es dem Kisjonah am Ende dennoch nötigen Vorrate gebrechen, und du ihm daher von großer Ferne her zu Hilfe eiltest, so soll dein Lohn dafür ebenso groß sein, als wenn du solches einem völlig Armen getan hättest. Denn bei Gott wird nur auf das Herz des Gebers gesehen.
16] Jetzt aber setze dich auch her zu Mir und iß aus einer Schüssel mit Mir und mit dem Bruder Kisjonah; denn der Fisch ist so groß, daß da drei Menschen zur Übergenüge an ihm zu essen haben!« - Baram tut das und ebenso der Kisjonah.
17] Und so beginnt das Morgenmahl mit dem vollen Aufgange der Sonne und dauert bei zwei Stunden; denn es war mit dem Fische das Mahl noch lange nicht beendet, da folgten dem Fische noch eine Menge Erfrischungen nach.


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