Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 204


Wer Gutes tun will, erhält Unterstützung Gottes. Gleichnis von der Mutter mit den zwei ungleichen Söhnen. Reine und unreine Liebe.

01] Als am Morgen die Sonne dem Aufgange schon nahe ist, weckt der Engel Jonaels und Jairuths alle die noch Schlafenden, und Kisjonah, der mit seiner Familie zunächst bei Mir sein Lager hatte, beauftragte schnell sein Weib und seine Tochter wie die sämtliche andere Dienerschaft, daß sie ja für ein gutes Morgenmahl besorgt sein sollen!
02] Ich aber sage zu dem besorgten Kisjonah: »Laß du das für heute; denn sieh, wir müssen ja auch einmal dem Bruder Baram aus Jesaira die Freude lassen! Siehe hin aufs Meer! Dort in geringer Ferne vom Ufer steht Barams Schiff voll beladen, und seine Söhne und Diener sind samt ihm beschäftigt, das Morgenmahl hierherzuschaffen. Darum sei du, lieber Bruder, für heute ganz unbesorgt; denn das große Schiff birgt noch ein starkes Mittags- und Abendmahl nebst vierzig Schläuchen des besten Weines aus Griechenland.«
03] Sagt Kisjonah: »Ah, da sehe man einmal den wortkargen Baram an! Er sagte von seinem Vorhaben aber auch nicht eine Silbe; am Abend verlor er sich ganz heimlich; ich glaube, bald nach unserer Ankunft ist er unsichtbar geworden, und jetzt ist er mit einem vollbepackten Schiffe da! Er muß einen guten Wind gehabt haben, sonst könnte er nebst der Arbeit noch lange nicht hier sein; denn man hat von hier bis Jesaira bei schlechtem Winde einen vollen Tag zu rudern.«
04] Sage Ich: »Bruder, glaube es, wer Gutes im Sinne hat, wird stets von einem guten Winde geleitet sein; wer aber Schlechtes im Sinne hat, wird von einem schlechten Winde geleitet sein.
05] Es waren einmal zwei Brüder; die hatten eine Mutter, die viele Schätze hatte. Beide liebten ihre Mutter überaus, sogestaltig, daß die Mutter nicht wissen konnte, welcher von beiden sie mehr liebte, daß sie ihm darum gäbe das größere Erbe. Es liebte sie aber nur der eine wahrhaft; der andere hatte aber nur das große Erbe im Auge und bezeigte der Mutter darum stets die größte Aufmerksamkeit und kam nicht selten dem Bruder, der die Mutter wahrhaft liebte, zuvor.
06] Der gute Sohn, weil er die Mutter wahrhaft liebte, hatte auf seinen Bruder auch nicht den geringsten Verdacht und hatte nur eine große Freude daran, so sein Bruder der geliebten Mutter recht viel Freude machte. Die Sache ging einige Jahre also gut vor sich.
07] Es ward aber die Mutter älter und schwächer und berief zu sich die beiden Söhne und sprach: 'Ich kann nicht erfahren, wer von euch beiden mich mehr liebt, daß ich ihm darum gäbe das größere Erbe; ich will darum also, daß ihr nach meinem Ableben das Erbe zu gleichen Teilen haben sollet!'
08] Da sprach der gute Sohn: 'Mutter, durch deine Sorge habe ich arbeiten gelernt und kann mir das Brot verdienen, soviel ich dessen bedarf; ich will aber Gott mit aller Glut meines Herzens bitten, daß Er dich solange als mich leben lassen möchte und du deinen Schatz verwalten sollst zum Besten des ganzen Hauses! Denn so ich das Erbe haben müßte ohne dich, da wäre es mir zur Qual und würde mich allzeit traurig machen, sooft ich es ansähe. Darum behalte du, liebste Mutter, das Erbe und gib es, wem du willst! Mir ist dein Herz das beste Erbe; wolle es Gott lange am Leben erhalten!'
09] Als die Mutter solche Rede ihres guten Sohnes mit dem gerührtesten Herzen vernommen hatte, sprach sie, ihren innern Sinn verhüllend: 'Liebster Sohn, wohl macht mir dein Bekenntnis eine unbeschreibliche Freude; aber darum kann ich das dir bestimmte Erbe nicht Fremden vermachen. So du durchaus keinen Teil haben willst, so soll der Bruder das ganze Erbe nehmen nach meinem Ableben, und du sollst ihm dienen und dir dein Brot im Schweiße deines Angesichts verdienen!'
10] Sagt der gute Sohn: 'Liebste Mutter, so ich dienen und arbeiten werde, da wird mein Herz sich stets deiner dankbarst erinnern und sagen: Siehe, also hat dich deine liebe, zarte Mutter arbeiten gelehrt! Hätte ich aber das Erbe, da würde ich am Ende arbeitsscheu, begäbe mich ins müßige Wohlleben und vergäße am Ende wohl gar noch deiner selbst dabei! Darum will ich deinen erworbenen Geldschatz nicht, der nicht deines Herzens Gepräge, sondern nur das der Macht des Kaisers auf seinen Flächen vorweist; aber das, was ich von deinem Herzen genommen habe, das führt auch dessen Gepräge und hat seinen festbleibenden Sitz in meinem Herzen. Und darum ist mir diese Erbschaft, die du, liebe Mutter, mir schon von der Wiege her reichlich gegeben hast, und durch die ich mir schon viel Gutes und Kostbares erworben habe, ums unbeschreibliche lieber als die, welche du dir durch deiner Hände Arbeit und Mühe erworben hast! Ihr Anblick könnte mich nur trübe machen, da ich mir dabei stets denken müßte: ,Siehe, das hat deiner geliebten Mutter große Mühe und Arbeit gekostet; vielleicht hat sie wohl oft vor Schmerz geweint dabei, da sie darum besorgt war, dir ein Erbe zu bereiten!' Und sieh, liebste Mutter, da könnte ich doch unmöglich heiter sein, weil ich dich so überaus liebhabe.'
11] Die Mutter, zu Tränen gerührt, beruft den andern Sohn und sagt ihm, wie sein Bruder denkt, und was er will.
12] Da antwortet dieser: 'Ich habe es mir ja immer gedacht, daß der Bruder zwar ein edler Mensch, aber in gewissen Punkten ein Sonderling ist! Da bin ich wieder ein ganz anderer Mensch! Ebensosehr ich dich, liebe Mutter, ehre und achte, ebensosehr achte ich auch alles, was du mir geben willst und wirst, und nehme daher das ganze Erbe mit dem dankerfülltesten Herzen an, und die Dienste, die mir mein Bruder tun will, sollen ihm nicht unbelohnt bleiben. So du, liebe Mutter, aber wolltest, da könntest du mir wohl das halbe Erbe zum voraus herausgeben, auf daß ich mir einen Grund kaufen und ein Weib nehmen könnte?!'
13] Sagt die Mutter etwas wehmütig auf die Antwort des zweiten Sohnes: 'Was ich ausgesprochen habe, bei dem bleibt es! Erst nach meinem Ableben überkommst du das Erbe!'
14] Da ward der zweite Sohn trübe und ging hinaus.
15] Nach einem Jahre aber ward die Mutter sehr krank, und als die beiden Söhne auf dem Felde arbeiteten, kam eine Magd und berief beide zur Mutter, auf daß der Würdigste von ihr den Segen nehme nach der Mutter Willen.
16] Da ward der gute Sohn sehr traurig und betete laut am Wege zu Gott, daß Er der Mutter Leben erhalten möchte.
17] Der schlechte Sohn aber ward darob ärgerlich und sagte zum betenden Bruder: 'Willst du denn im Ernste durch dein Gebet der Natur Gesetze vorschreiben?! Wer einmal reif ist, ob Vater, Mutter, Bruder oder Schwester, muß sterben; da nützt kein Bitten und Beten mehr! Darum ist mein Wahlspruch: Was Gott will, das ist auch mir recht!'
18] Der gute Bruder aber ward darob noch trauriger und betete noch glühender ums Leben der teuren Mutter.
19] Als sie ins Zimmer kamen, da die Mutter krank lag, da sagte der schlechte Sohn: 'Ich wußte ja, daß du so schnell nicht stirbst!' - Darauf fing er an ihr vorzureden, wie sie den Tod nicht fürchten solle!
20] Aber der gute Sohn weinte und betete laut. Gott aber erhörte des guten Sohnes Seufzen, sandte einen Engel an das Lager der kranken Mutter, und dieser hat sie völlig gesund gemacht.
21] Da erhob sich die Mutter bald vom Lager, da sie wohl wahrnahm, daß eine höhere Macht ihr die Gesundheit gegeben hatte. Und als sie zu gehen begann und merkte, wie ihre Füße voll Kraft waren, da sagte sie: 'Das habe ich dem heißen Flehen jenes meines Sohnes zu verdanken, der das angebotene Erbe aus wahrer Liebe zu mir nicht annahm! Wahrlich, sage ich dir, du mein geliebtester Sohn: Weil du aus wahrer Liebe zu mir nichts haben wolltest, so sollst du nun alles haben; was mein ist, das ist auch dein! Du aber, der du mich nur des Erbes wegen geliebt hast und mein Ende mit Sehnsucht erwartetest, da ich so gut war, dir alles zu vermachen, sollst nun nichts bekommen und sollst immerdar ein Knecht der Menschen sein!'
22] Sehet nun dieses Gleichnis! Was meinet ihr nun, derwelche von den beiden Söhnen den guten, und welcher den schlechten Wind hatte?«
23] Sagen die Jünger: »Offenbar der, welcher seine Mutter wahrhaft liebte!«
24] Sage Ich: »Ganz richtig geantwortet! Aber Ich sage euch: Gerade also wie diese Mutter da gehandelt hat, also wird auch der Vater im Himmel dereinst tun!
25] Wer Mich nicht liebt Meiner Selbst willen, der wird nicht dahin kommen, wo Ich sein werde!
26] Der Mensch muß Gott lieben ohne Gewinnsucht, wie Gott ihn liebt, ansonst er Gottes völlig unwürdig ist!«


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