Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 206


Materielle Ernährung eines Engels, der sich kurzzeitig auf Erden materialisiert.

01] Daß bei solch einem Morgenmahle alles über die Maßen heiter geworden ist und sehr gesprächig, braucht wohl kaum erwähnt zu werden; denn der Wein hatte alle Zungen in die volle Bewegung gesetzt. Selbst Jonael und Jairuth sind ganz heiter geworden und baten Mich sogar, daß Ich sie in solch froher Stimmung auch nach Sichar möchte heimkehren lassen! Und Ich gestattete ihnen, so sie abreisen werden, also heiter zu sein.
02] Da sagten sie: »Herr, daß Du uns solches gestattest, ist wohl gut, da wir dann keine Sünde haben, so wir heiter sind; aber es ist noch eine große Frage, ob wir werden heiter sein können!«
03] Sage Ich: »Nun ja, ihr sollet - und ihr werdet heiter sein!«
04] Aber der Engel der beiden machte ob solcher Verheißung ein etwas trübes Gesicht. Jonael aber bemerkte solches und fragte Mich um den Grund.
05] Und sagte: »Weil der Engel nur zu gut einsieht, daß zwischen einer großen Heiterkeit und zwischen der Sünde nur ein sehr kleiner und schmaler Raum vorhanden ist! Er sieht seine Mühe schon zum voraus, die er mit euch im Nachhausegehen haben wird, um euch vor der Sünde zu bewahren, und deshalb sieht er etwas trübe aus. Gebet ihm auch etwas Wein zu trinken; vielleicht wird er darauf etwas heller!«
06] Jonael reicht darauf sogleich dem Engel einen vollen Becher Wein; dieser nimmt den Becher und trinkt ihn ganz aus, worüber sich die beiden sehr wunderten; denn sie haben solches an ihm noch nicht gesehen.
07] Aber der Engel sagte: »Ich bin nun schon eine geraume Zeit bei euch; warum reichtet ihr mir daheim denn nie einen Becher?«
08] Sagt Jonael: »Wie hätte uns aber auch nur im Traume einfallen können, daß ein Engel auf der Welt irgendeine materielle Kost zu sich nähme?!«
09] Sagt der Engel: »Sonderbar! Ihr habt doch gesehen, daß der Herr aller Himmel auch aß und trank, und Er ist doch der höchste und allervollkommenste Geist; wie sollen dann wir Engel, so auch wir einen Leib annehmen müssen, euch in der Materie zu dienen, nicht essen und trinken?!
10] Gib mir auch ein wenig von einem Fische und etwas Brot, und du wirst sogleich sehen, daß ich nicht nur trinken, sondern auch recht gut essen kann; denn wo der Herr irdische Speise nimmt, da nehmen sie auch die Engel.«
11] Und der Jonael reicht dem Engel einen ganzen Fisch und einen guten Brocken Brotes, und der Engel nimmt beides und verzehrt es.
12] Nachdem der Engel den beiden gezeigt hatte, daß auch ein Geist eine materielle Kost recht wohl verzehren kann, so fragte ihn Jonael, wie solches wohl möglich wäre, da er im Grunde doch nur ein Geist sei.
13] Sagt der Engel: »Hast du schon einmal einen toten Menschen essen und trinken sehen?« Sagt Jonael: »Solches hat noch nie jemand gesehen.«
14] Sagt der Engel: »Wenn aber ein entseelter und noch mehr geistloser Leib, der in sich nahe pur Materie ist, keine Kost zu sich nimmt und nehmen kann, so ist es ja eben die Seele und der Lebensgeist in ihr, die da zu sich nimmt die Kost. Da aber der Leib nichts ist als ein Handlanger der Seele und selbst keiner Kost für sich benötigt, so ist es ja eben die Seele und ihr Geist, die von der Erde so lange die Kost nimmt, als sie ihren Leib bewohnt und ihn erhält, indem sie ihn ihren Unrat essen läßt! Denn der Leib wird von dem Unrate der Seele ernährt.
15] Ist es also aber im noch materiellen Menschen nur die Seele, die, solange sie im Leibe weilt, von der Erde die Kost nimmt, so werde wohl auch ich als Seele und Geist, solange ich diese Erde betrete mit meinen Füßen und zum Behufe, für eure Zwecke euch dienen zu können, auch einen gewissen, aus der Materie der Luft mir geschaffenen Leib habe, eine irdische Kost zu mir zu nehmen berechtigt sein?! - Was meinet ihr?«


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