Negative Jesusbücher und kein Ende

Eine Auseinandersetzung mit Augsteins Jesus-Buch



Aufsehen, ob zu Recht oder Unrecht, das sei dahingestellt, hat das Jesusbuch des Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein erregt. 101 Aug­stein war es bei seinen Erörterungen auf 426 Seiten nicht darum zu tun, die Fehlentwicklung der christlichen Kirche im Laufe von fast zweitausend Jahren aufzuzeigen, ihm geht es um die Zerstörung des christlichen Glaubens überhaupt. Ob er das Buch - wie weithin be­zweifelt wird - selbst verfaßt hat, oder andere dahinterstehen, ist für die Betrachtung des Inhalts ohne Belang. An sich bringt Augstein nichts Neues. Es handelt sich um ein kompilatorisches Werk. Alles, was er vorbringt, haben andere vor ihm längst gesagt. Nach Aug­steins Auffassung ist „kostbarstes Ergebnis aller Sinnsuche die Ein­sicht, daß . . . der Mensch ohne ,letzten Sinn'. . . ist" (S. 421). Und „Ein Narr muß nicht sein, wer die gesamte Jesusfigur für einen My­thos hält . . ." (S. 47).

„Die Evangelien enthalten die Lehren der Evangelisten, nichts sonst, und diese wiederum enthalten die Lehren der Essener, der Qumraner, der Apokalyptiker, der liberalen Pharisäer, der Juden­christen, der Hellenisten, nichts sonst" (S. 164). Die Szenen der Evan­gelien seien aus Weissagungen des Alten Testamentes herausgesponnen (S. 182), und das alles sei „Gemeindebildung" (S. 367).

Augstein übernimmt kritiklos die Thesen Bultmanns und anderer Autoren, obwohl bereits Bultmanns Schüler die radikale Entmytho-logisierung ablehnen und selbst der atheistische Philosoph Ernst Bloch sie für unhaltbar hält.

Augsteins Grundanschauung ist nihilistisch, seine weltanschaulichen Anleihen stammen von Existenzphilosophen *1 wie Heidegger und Sartre. Nur der Theorie, daß Jesus ein politischer Aufstandsführer gewesen sein soll, mißtraut er; sie erscheint ihm doch unwahrscheinlich, „da man über Tasten und Kombinieren nicht hin­auskommt" (S. 195).

Augstein, „ein Besserwisser sondergleichen" (R. Pesch), behauptet, daß „Jesus uns nicht lehrt, wie wir leben sollen" (S. 163), wie bei Je­sus überhaupt alles fraglich sei.

Er tendiert auf eine Verunsicherung der Leser hin, und da die Kir­chen das Vertrauen des Kirchenvolkes weithin verspielt haben, weil ihre Theologen den Zweifel der Gläubigen nähren, ist Augsteins „Dokument der Verwirrung" (Pesch) sicher bei vielen auf fruchtba­ren Boden gefallen. Wenn Theologen die Auferstehung Christi leug­nen und das Christentum nur noch als „Dienst am Menschen" an­sehen, dann muß man Augstein allerdings beipflichten, wenn er da­zu bemerkt: „Und dafür zweitausend Jahre Kirche!" (S. 102). Es ver­wundert auch nicht, wenn Augstein sich wundert, daß der katholische Theologe Josef Blank behauptet, „Jesus habe keine ewige, überzeitliche Wahrheit verkündigen wollen, sondern sich unmittelbar an die Men­schen seiner Zeit gewandt" (S. 103). 102

Augstein reibt sich, wie so viele vor ihm, an zahlreichen Stellen des Evangeliums wund und hält alle Perikopen, für die er die Lösung nicht findet - wie dies so üblich geworden ist - für „verdächtig". Er weiß nicht, daß Jesus seinen Aposteln sagte: „Die volle, nackte Wahrheit kann im allgemeinen den Menschen von Mir aus jetzt (zur Zeit Christi) nicht gegeben werden, sondern nur verhüllt in Gleich­nissen." (jl.ev03.168,12)

Es sind aber oft simple Dinge, um die es Augstein geht. In der Neuoffenbarung sind für fast alle von ihm aufgeworfenen Fragen plausible und überzeugende Erklärungen zu finden.

So stört ihn beim Verrat des Judas, daß der Evangelist den Judas zu der Rotte der Tempelpolizei sagen läßt: „der ist es". Jesus, so ar­gumentiert er, sei in dem kleinen Areal von Jerusalem „bekannt ge­wesen". „Man brauchte keinen Sachverständigen, der ihn mit einem ,der ist's' kennzeichnen mußte" (S. 184). Die NO schildert den Vor­gang ausführlich, so daß ohne weiteres klar wird, daß die Darstel­lung des Evangelisten durchaus zutreffend ist. Es heißt dort: „Die Schergen wichen zurück, weil sie von Meiner Kraft gar manches ge­hört hatten und sich vor dieser fürchteten - weswegen auch von Kai-phas nur solche Knechte ausgewählt worden waren, die Mich noch nicht kannten." (jl.ev11.S. 198) Schließlich war es auch dunkle Nacht, als die Verhaftung Jesu erfolgte.
Das Todesurteil des Pilatus, der vorher Jesus ausdrücklich als un­schuldig bezeichnet hatte, erscheint ihm „als ein Unding". Nach sei­ner Meinung waren „hier Dichter am Werk" (S. 197). Von den hi­storischen Hintergründen, wie wir sie im Kapitel „Der Erdenweg Jesu" geschildert haben, hat Augstein offenbar keine Ahnung. Alles, was er nicht kennt oder versteht, ist entweder „verdächtig" oder „ein Unding". Vorschnell hat er sein Urteil zur Hand, wo er nicht durch­sieht. Aber andererseits scheut er - wie Rudolf Pesch schreibt - auch keineswegs vor phantastischen Konstruktionen zurück. 103

Die Berichte der Evangelisten über die Schergen, die Jesus gefan­gennahmen, erscheinen ihm ebenfalls unwahrscheinlich, weil nach seiner Vorstellung eine römische Kohorte (600 Soldaten) die Verhaf­tung durchgeführt haben soll. Er konstruiert selbst dort Schwierig­keiten, wo gar keine bestehen. „Wo hatten die Juden eine Kohorte her, mit einem römischen Oberhauptmann an der Spitze?" fragt Aug­stein (S. 202). Von einem römischen Hauptmann steht im Evange­lium kein Wort. Hauptleute gab es sowohl beim römischen Militär wie auch bei der Tempelpolizei. Auch von einer Kohorte spricht kei­ner der Evangelisten. Matthäus 26, 47 redet von „einem großen Haufen im Auftrag der Hohen Priester", Markus 14, 47 sagt wört­lich dasselbe. Auch Lukas 22, 47 spricht von einem „Haufen". Jo­hannes berichtet (Joh.18,03) von „einer Abteilung Soldaten und Knech­ten von den Oberpriestern" und (18,12) von „der Abteilung mit ihrem Hauptmann und den Knechten der Juden". In der Einheitsüberset­zung der Heiligen Schrift (Katholische Bibelanstalt, Stuttgart) ist bei Johannes auch keine Rede von Soldaten, sondern dort heißt es: „Ju­das kam mit einem Trupp und mit Knechten der Hohenpriester dort­hin."

In der Neuoffenbarung ist der Sachverhalt ganz präzise darge­stellt: „In diesem Augenblick nahte sich eine Schar bewaffneter Tem­pelwächter mit Fackeln." Von einem „Hauptmann" ist nicht die Rede, sondern es steht dort das Wort „Anführer". Es ist nicht zu­lässig, das Wort „Hauptmann" bei Johannes so auszulegen, als hätte römisches Militär bei der Festnahme Jesu mitgewirkt. Pilatus war über die Reden Jesu bestens informiert und hatte keine Veranlassung, Jesus festnehmen zu lassen. Hätte er das gewollt, hätte er die Tem­pelpriester dazu nicht nötig gehabt.
Glaubt Augstein im übrigen im Ernst, die Römer hätten den Priestern der Juden ein Drittel ihrer in Palästina stehenden Streitmacht (eine Kohorte) für die Festnahme eines Mannes in der Nacht zur Verfügung gestellt? Und kann er sich vorstellen, daß ein römischer Hauptmann einen von ihm festgenom­menen Mann dem von den Römern abgesetzten ehemaligen Hohen Priester Hannas zuführt? Nach seinen eigenen Angaben erscheint das als unwahrscheinlich (S. 204).

Auf 426 Seiten seines Buches stellt Augstein unentwegt Fragezei­chen hinter die Texte des Evangeliums. Typisch ist hierfür seine Dar­stellung auf Seite 219: „Von Pilatus (?) ist er zur Tötung (?) freigegeben (?), von römi­schen (?) Soldaten (?) gekreuzigt (?) worden, mehr als Fragezeichen sieht man nicht." - Wenn man sich systematisch aufs Mytholo­gisieren verlegt, ist das bei der komprimierten Darstellung des Evan­geliums eine Möglichkeit, der keine Grenzen gesetzt sind. Das läßt sich machen, bis - wie der Marxist Ernst Bloch drastisch sagt - „vom Evangelium nur noch Lila übrigbleibt".

Wer aber die Neuoffenbarung liest, kann ein Fragezeichen nach dem anderen entfallen lassen. Sie ist eine wahre Fundgrube von wich­tigen Details, die uns eine klare Vorstellung von den wirklichen Sach­verhalten vermitteln. Wüßten die durch die bibelkritische Literatur im Laufe vieler Jahrzehnte verunsicherten Christen, auf welch tö­nernen Füßen die kritischen Auslassungen stehen, so würden sie den folgenden Worten, die vom Herrn dem Jakob Lorber diktiert wur­den, zustimmen.
„Ein jeder (Kritiker, d. Vf.) meint, so oder so den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Aber es dauert nicht lange, da taucht schon ein anderer auf, welcher dem ersten auf ein Haar beweist, daß er ei­nen ungeheuren Fehlhieb gemacht hat. Und so geht das fort und fort, und am Ende weiß der letzte es sowenig wie der erste, ob er den Na­gel auf den Kopf getroffen hat oder nicht." (jl.schr.019,06)
Es ist nun einmal so, wie Alexis Carrel sagt, daß „das Wirk­liche nicht immer einfach und klar ist". „Das Wort Gottes in der Bi­bel ist keine glatte und billige Einheit, es ist vielmehr oft tief verbor­gen unter Widersprüchen, Dunkelheiten und schweren Fragen." „Der Ausgangspunkt allen Nachdenkens über das Wort Gottes muß darum die Ehrfurcht vor diesem Geheimnis sein." 104

Jesus hat es nach den Aussagen der NO seinen Jüngern voraus­gesagt, daß in später Zeit die Gelehrten vielfach seine Botschaft nicht verstehen werden. „Viele Weltweise bringen nur für irdische Zwecke etwas heraus, aber alles Innere, Tiefere und Geistige bleibt ihnen fremd." (jl.ev06.236,01) „Der Menschen Weltverstand begreift die inneren Dinge des Geistes und der lebendigen Wahrheit nicht und hält die für Narren, die ihnen davon Kunde bringen." (jl.ev09.132,16)

Die kritische Bibelforschung hat bewiesen, daß wenn die Verstan­desfunktion absolutiert wird, das supranaturale Einmalige an Jesus nicht begriffen wird; der Intellekt ist dann für die metaphysische Tiefe mancher undurchdringlicher Geheimnisse der Gottheit, der Schöpfung, der Erlösung völlig blind. „Ein Narr muß aber nicht sein", wer den lichtvollen, klaren und logischen Kundgaben der Neu­offenbarung mehr Glauben schenkt als einer Bibelkritik, die sich von Trugbildern nicht freihalten kann, ständig wechselnde unglaubhafte Hypothesen aufstellt und schließlich nach endlosen Diskussionen wie­der dort angelangt ist, wo die Heiden Celsus und Porphyrius im 2. und 3. Jahrhundert angefangen haben.

Wenn man die theologische Literatur der Leben-Jesu-Forschung, die in Radikalismus und Atheismus mündet, ansieht, so kann man den in der NO zu findenden Aussagen Glauben schenken: „Wie Ich in jener Zeit ans Kreuz genagelt wurde, Meine Lehre verhöhnt und Meine Jünger beschimpft und verfolgt wurden, so wird es wieder sein. Statt Meiner Person werden die Menschen Meine Lehre ans Kreuz schlagen und sie verhöhnen." (gm.pred.014,19) „Aber laßt die sich gelehrt Dünkenden mit ihrer Scheinweisheit! Ihre Zeit des Triumphes wird kurz sein." (gm.pred.004,11)

„Es wird eine Zeit heranrücken, wo all euer Weisheitskram nicht ausreichen wird, euch einen Trost oder auch nur Ruhe zu geben. Bei den Ereignissen, die über euch hereinbrechen, werdet ihr zwischen zwei Welten stehen und Gott und euer Schicksal der Grausamkeit anklagen, weil die materielle Welt euch mit Hohn zurückstoßen und die geistige euch nicht aufnehmen wird." (gm.pred.004,06)


Anmerkungen des Verf.:

*1) Nach Ansicht der Existenzphilosophen, die den Existentialismus vertreten, ist ein Dasein oder Nichtdasein Gottes völlig gleichgültig zur Selbstfindung des Men­schen. Das Leben an sich ist sinnlos. Sinn gewinnt die Existenz nur durch das, was sie jeweils beliebig als sinnvoll setzt.


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