Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

294. Kapitel: Joseph und Maria wollen den bald zehnjährigen Jesus doch zu einem Lehrer geben. Schwierigkeiten beim Unterrichte. Der Lehrer schlägt den Knaben und wird darnach stumm und wahnsinnig. Der Jesus-Knabe kehrt wieder heim. (02.09.1844)

01] Von da an tat das Knäblein Jesus wieder kein Zeichen mehr, sondern war wie alle anderen Menschenkinder;
02] nur war Es gerne bei Joseph, wenn er Gerätschaften als: Pflüge Joche, Stühle, Tische, Betten und dergleichen verfertigte, und es mißlang da dem Joseph nie etwas.
03] Da das Knäblein bereits ins zehnte Jahr ging und Sich gar nicht mehr unterscheiden wollte von den andern Kindern, -
04] da sprach einmal Joseph zu Maria: »Siehe, die Leute herum schmähen uns, daß wir Jesum so ganz ohne Schulunterricht aufwachsen lassen, da Er doch so herrliche Talente und Anlagen besäße!
05] Ich weiß wohl, daß Jesus des Weltschulenunterrichts nicht vonnöten hat;
06] aber um den Nachbarn den Mund zu stopfen, möchte ich Ihn gleichwohl zu einem Lehrer geben.
07] Und da jetzt zwei neue Schulen in der Stadt errichtet worden sind, deren beide Lehrer sehr geschickt sein sollen, so möchte ich es mit dem einen oder mit dem andern versuchen.«
08] Maria willigte dazu ein; denn auch sie sah die scheinbare Notwendigkeit dessen ein.
09] Und Joseph nahm Jesum zu sich und führte Ihn zum ersten Lehrer.
10] Dieser übernahm das Knäblein und sprach zum Joseph: »Zuerst soll er, der vielen Griechen unter uns wegen, Griechisch und dann erst Hebräisch lernen.
11] Ich kenne wohl die sonderbaren Eigenheiten dieses Kindes und habe eine kleine Furcht vor ihm.
12] Aber ich will dennoch tun, was recht sein wird; nur mußt du mir den Knaben ganz übergeben!«
13] Joseph willigte dazu ein und gab Jesum ganz ins Haus des Lehrers.
14] Drei Tage genoß hier Jesus die gewöhnliche Freiheit; erst am vierten Tage nahm Ihn der Lehrer ins Schulzimmer.
15] Allda führte er Ihn an die Tafel, schrieb vor Ihm das ganze Alphabet und fing an, es zu erklären.
16] Nachdem er es einigemal durcherklärt hatte, da fragte er Jesum, was Er Sich davon gemerkt habe.
17] Jesus aber tat, als wüßte Er nichts von dem Erklärten, und gab dem Lehrer keine Antwort.
18] Und der Lehrer plagte den Knaben und sich drei Tage lang und bekam nie eine Antwort.
19] Am vierten Tage aber ward er unwillig und forderte den Knaben Jesus unter Androhung von einer tüchtigen Strafe auf, ihm zu antworten.
20] Da sprach der Knabe Jesus zu ihm: »Wenn du in Wahrheit ein Lehrer bist, und wenn du die Buchstaben wirklich kennst, so zeige Mir die wahre Grundbedeutung des Alpha, und Ich werde dir die des Beta kundgeben!«
21] Darob war der Lehrer zornig und schlug Jesum mit dem Zeigestäbchen an den Kopf.
22] Das tat dem Knaben weh, und sprach zum Lehrer: »Ist das die weise Art, dich deiner Dummheit zu entledigen?
23] Wahrlich, der Schläge wegen bin Ich nicht bei dir, und das ist nicht die Art, Menschen zu lehren und zu bilden!
24] Du aber sollst Mir stumm werden und unsinnig darum, daß du Mich, anstatt Mir eine rechte Erklärung zu geben, geschlagen hast!«
25] Und auf der Stelle sank der Lehrer zusammen - und ward, wie rasend, gebunden in ein anderes Zimmer gebracht.
26] Jesus aber kehrte sogleich zu Joseph nach Hause und sagte da:
27] »Ein anderes Mal bitte Ich Mir einen andern Lehrer aus, der nicht mit dem Stocke in der Hand in die Schule kommt; der aber büßt nun seinen Frevel an Mir!«
28] Da wußte Joseph, was sicher wieder geschehen ist, und sprach zu Maria: »Also dürfen wir Jesum nicht mehr aus den Händen lassen; denn Er züchtigt jeden, der nicht nach Seinem Sinne ist!«
29] Und Maria war damit einverstanden, und niemand wagte, Jesu einen Vorwurf zu machen.


voriges Kapitel Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers nächstes Kapitel