Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

292. Kapitel: Der heilige Krug Marias von Jesus zerbrochen. Des Mädchens Sorge darum. Jesus bringt der Mutter das Wasser in Seinem Mantel. Die Reliquie der Maria war Jesu ein Dorn im Auge. Das Mädchen erhält einen Verweis. (30.08.1844)

01] Es hatte aber Maria noch den Krug, mit dem sie Wasser holte, als ihr der Engel die heiligste Botschaft überbrachte.
02] Sie hielt große Stücke auf diesen Krug, - ja er war ihr ein förmliches Heiligtum.
03] Sie sah es sogar nicht gerne, wenn jemand diesen Krug nahm und daraus trank.
04] Einmal aber, ungefähr acht Tage darauf, als das Wunder bei der Salome verübt ward, war Maria allein mit Jesus zu Hause.
05] Sie war mit der Reinigung einiger Wäsche beschäftigt und brauchte dazu frisches Wasser.
06] Sie (Maria) ging daher zu Jesus und sagte zu ihm: Du könntest mir wohl leicht einen Krug voll frisches Wasser holen;
07] da hast Du sogar den durch Dich geheiligten Krug dazu!«
08] Jesus nahm den Krug und lief damit zum Brunnen, wo eben Joseph mit den andern Kindern etwas arbeitete.
09] Jesus aber stieß am Brunnen mit dem Kruge etwas hart an einen Stein, und der Krug lag in vieler Scherben am Boden.
10] Das ersah ein Mädchen und sprach: »Auweh, ach, ach! Das wird gut aussehen; nun ist der heilige Krug der Hausherrin hin! - Aber Du lieber Jesus, warum hast denn Du da nicht besser achtgegeben?
11] Nein, aber da wird die Mutter greinen (schelten) no, no, da kannst Du Dich freuen darauf!«
12] Das verdroß aber dem Äußern nach Jesus ein wenig, und Er sagte zum Mädchen:
13] »Was geht das dich an, was Ich tue? - Sieh du nur zu, daß du mit deinem Gespinste fertig wirst!
14] Ich werde trotz des zerbrochenen Kruges dennoch der Maria frisches Wasser in rechter Menge bringen.«
15] Und das Mädchen sprach: »Das möchte ich auch sehen, wie man ohne Krug ein frisches Wasser ins Haus schaffen kann!«
16] Hier nahm Jesus sogleich Seinen kleinen, roten Mantel, griff ihn an den Enden zusammen, schöpfte Wasser darein und trug es, ohne einen Tropfen zu verlieren, ins Haus zu Maria.
17] Alle aber gingen Ihm nach ins Haus ob dieses Wunders.
18] Als Maria das ersah, da entsetzte sie sich und sagte: »Aber Kind was ist denn mit dem Kruge geschehen?«
19] Und Jesus sprach: »Siehe, der war Mir schon lange ein Dorn im Auge! Darum versuchte Ich seine Wunderkraft an einem Steine, -
20] und siehe, es war keine an und in ihm; daher zerbrach er auch sogleich in kleine Stücke!
21] Ich aber meine, wo Ich bin, da sollte Ich doch mehr gelten als so ein dummer Krug, der um kein Haar besser ist als ein jeder andere!«
22] Auf diese Worte sagte Maria nichts mehr und schrieb sich dieselben tief in ihr Herz.
23] Das Mädchen aber sagte darauf auch nichts mehr; denn es hatte Jesum lieb.
24] Und Jesus sprach zu ihr: »Siehe, also gefällst du Mir besser, als wenn du deine Zunge bewegtest ohne Not!« - Und das Mädchen war zufrieden mit diesem kleinen Putzer und spann darauf fleißig ihr Garn.


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