Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

255. Kapitel: Die Macht der Liebe. Das Haus Joseph wird ruchbar. Josephs Weisheit beschämt die Großen und Reichen der Stadt. Die gute Nachwirkung. Rückkehr ins alte Haus nach Nazareth (17.07.1844)

01] Die also beschenkten Diebe aber fielen auf ihre Angesichter nieder und schrien förmlich:
02] »Solche Güte, solcher Großmut, dies ist Menschen nimmer eigen; nur die Götter, die nicht sterben, können Feinde noch belohnen!
03] Wir verdienten hier Strafe, nur da wir an euch, ihr hohen Götter, gar so arg gefrevelt haben;
04] doch ihr, statt uns wohlverdienterweise zu strafen, gebt uns Lohn und Segen noch für unsere argen Taten!
05] Seid ihr da nicht Götter? Ja ihr seid der Himmel allerhöchsten Herren ganz gewiß und sicher; denn das künden eure von uns Menschen nie geschauten Taten!
06] Darum Ehre, Lob und Preis sei euch von allen Menschen auf der Erde!
07] Und der Fürsten Throne und alle ihre Kronen sollen ewig beugen sich vor eurer großen Herrlichkeit!«
08] Hier erhoben sich die Diebe und gingen dann voll Dank und Ehrfurcht von dannen
09] und machten dann das in der ganzen Stadt ruchbar; und alle Bewohner bebten ob solcher Nähe der Götter und gingen verstohlen herum und getrauten sich vor lauter Ehrfurcht nicht zu arbeiten.
10] Es kamen aber bald die Angesehenen der Stadt hinaus zu Joseph und fragten ihn, ob sich die Sache wohl also verhielte, wie da nun der Pöbel in der halbverbrannten Stadt herumschreie.
11] Und Joseph sprach: »Was da betrifft die gute Tat an ihnen, da ist ihr Geschrei richtig;
12] denn also handelte mein Weib buchstäblich wahr an ihnen.
13] Aber daß sie uns für Götter halten, das gibt euch, ihr Großen und Reichen, ein schlechtes Zeugnis!
14] Denn damit bezeichnet der arme Pöbel eure große Hartherzigkeit, indem er an euch nichts Götterähnliches erschaut!
15] Tuet desgleichen, was da tat mein Weib, und was da tut mein ganzes Haus, und der Pöbel wird bald aufhören, meines Hauses Einwohner für Götter zu halten!«
16] Als die Großen und Reichen der Stadt solche sie sehr treffende Rede von Joseph vernommen hatten, da wurden sie sehr beschämt und zogen davon.
17] Und sie waren überzeugt, daß Joseph bloß ein überaus weiser und guter Mensch, aber dabei doch kein Gott sei.
18] Von da an hatte das das Haus Josephs Ruhe.
19] Und seine Familie lebte dann noch ein halbes Jahr ungestört allhier und ward geachtet und hochgeschätzt von jedermann.
20] Also tat auch das Kindlein in dieser Zeit keine Wunder mehr, und alles lebte hier ganz natürlich. Jonatha aber war mehr bei Joseph als zu Hause; denn hier war für ihn ein seligstes Sein.


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