Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

250. Kapitel: Maria weint über den Diebstahl aller Kleider samt Wäsche. Des Jonatha Trost und edle Tat. Maria wetteifert mit Jonatha in Edelmut. Das Kindlein beglückt Jonatha. (11.07.1844)

01] Als sie nun alles in dem Hause befand und Maria sich auch überzeugt hatte, daß sogar ihr Kleiderschrank und der der Eudokia rein ausgeplündert waren,
02] da kamen ihr Tränen in die Augen samt der Eudokia, und sie sprach zu Joseph:
03] »Da sieh einmal her, auch das Kleid, das ich im Tempel hatte, ist ein Raub schlechter Menschen geworden!
04] Wahrlich, es geschieht mir darum recht hart und weh in meinem Herzen!
05] Wir sind in Kleidern ohnehin so dürftig bestellt, als man sich denken kann, und dennoch mußten wir sogar das Notdürftigste einbüßen!
06] Es sei zwar alles dem Herrn aufgeopfert, aber es schmerzt mich doch, weil es das einzige war, was ich zum notwendigen Wechsel besaß! Nun habe ich bloß dieses schon schleißige (verschliessene) Alltagskleid und nicht einen Groschen, um mir einen nötigsten Wechsel anzuschaffen!
07] Wahrlich, das tut mir recht weh! Noch mehr aber schmerzt es mich, daß die argen Diebe auch die Wäsche des Kindleins genommen haben!
08] Das hat nun das einzige Hemdchen, das Es nun am Leibe trägt; wie werde ich Ihm nun ein zweites schaffen können?
09] O Du mein armes Kindlein, siehe, siehe, jetzt werde ich Dir nicht mehr können alle Tage ein frisches Hemdchen anziehen, das Dir immer so wohl tat!«
10] Hier trat Jonatha hinzu, tief gerührt, und sprach: »O du erhabenste, übergeheiligte Mutter meines Herrn, traure nicht; denn ich habe nun ja auch Gold und Silber!
11] Mit der größten Freude gebe ich es ja dir bis zum letzten Stater, und du magst es dann gebrauchen nach deinem Bedürfnisse!
12] Ich weiß es zwar wohl, daß der Herr aller Herrlichkeit nicht auf mein Gold und Silber sieht; denn Er, der alle Tiere und alle Bäume und Kräuter und alle Welt so herrlich bekleidet, wird auch Seines Leibes Mutter nicht nackt werden lassen!
13] Aber dennoch möchte ich nun gar so gern meiner Seligkeit willen dir alle meine Schätze zum Opfer bringen.
14] O Mutter, nehme sie an aus meinem Herzen und aus meiner Hand!«
15] Hier blickte Maria den Jonatha freundlichst an und sprach:
16] »O Jonatha, wie groß und edel bist du! Dein Wille gilt mir fürs Werk!
17] Wenn es aber dem Herrn angenehm wäre, da möchte ich wohl fürs Kindlein dich um eine Unterstützung bitten.
18] Soll es aber jedoch dem Herrn nicht angenehm sein, so habe ich schon alles aus deinem Herzen empfangen, dafür ich dir nie aufhören werde, dankbar zu sein!«
19] Hier kam das Kindlein dazu und sagte zu Jonatha: »Lieber Jonatha, tue das, was die Mutter von dir wünscht, und dir soll einst ein großer Lohn werden!
20] Denn siehe, wir sind nun wirklich arm, und das um so mehr, da Ich des Heiles der Menschen wegen kein Wunder wirken darf!«
21] Hier sprang Jonatha voll Freuden nach Hause und brachte in kürzester Zeit all sein Gold und Silber und legte es der Maria zu Füßen.
22] Als Maria und Joseph solches ersahen, da weinten beide vor Freude.
23] Jonatha weinte mit und konnte nicht genug Gott danken, daß er solcher Gnade wert ward, Maria zu unterstützen.
24] Das Kindlein aber segnete den Jonatha und sprach zu Maria: »Siehe, das wird uns schon wieder ein frisches Hemdchen verschaffen; darum sei nun nur wieder heiter! - Und alle wurden wieder heiter und fröhlich.


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