Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

224. Kapitel: Warum das zu viele Forschen in den Tiefen der Werke Gottes für Gotteskinder nachteilig ist. Ende der offenen Wundertätigkeit Jesu in Ägypten (07.06.1844)

01] Es fragte aber Cyrenius das Kindlein und sprach: »O Du mein Leben, warum darf oder warum soll man denn in Deinen Werken nicht tiefer nachforschen?
02] Warum ist wohl solch ein Forschen, nach Deinem Ausspruche, der Liebe zu Dir nachteilig?
03] Ich meine aber da gerade im Gegenteile: Wenn man Deine Werke erst stets tiefer und tiefer und klarer und klarer erkennt, so muß man ja offenbar zunehmen in der Liebe zu Dir und nicht schwächer werden darinnen!
04] Denn es ist also ja selbst unter uns Menschen schon der Fall, daß auch ein Mensch uns immer um so teurer wird, je mehr Vollkommenheiten wir an ihm entdecken.
05] Und wieviel mehr wird das erst gegen Dich, den Herrn und Schöpfer aller Größe, Vollkommenheit und Herrlichkeit der Fall sein, so wir Dich immer tiefer und tiefer erkennen!
06] Darum möchte ich wohl selbst Dich, Du mein Leben, bitten, daß Du mir über diesen sonderbaren Stern einige nähere Aufschlüsse geben möchtest!
07] Denn mein Herz sagt es mir, daß ich Dich dann erst ganz vollkommen werde lieben können, so ich Dich tiefer und tiefer in Deinem allmächtigen, höchstweisen Wunderwirken erkennen werde.
08] Es kann ja doch niemand Dich als den einigen Gott und Herrn lieben, so er Dich nicht zuvor erkennt!
09] Also ist auch unser Dich-Erkennen von unserer Seele ja der Hauptgrund zur Liebe zu Dir,
10] gleichwie auch ich mein Weib eher erkennen mußte, bevor ich es in mein Herz aufnehmen konnte! So ich es nicht erkannt hätte, da wäre es auch sicher nie mein Weib geworden!«
11] Hier lächelte das Kindlein und sprach: »O du Mein lieber Cyrenius, wenn du Mir öfter so weise Lehren gäbest, da müßte Ich am Ende ja doch wohl auch so ein recht grundgescheiter Mensch werden!
12] Siehe, da hast du Mir ja lauter neue Sachen gesagt!
13] Aber nun denke dir's: Du warst Mir nun ein Lehrer, indem du Mir beweisen wolltest, daß entgegen Meiner Warnung vor dem zu vielen Forschen in Meinen Werken solches der Seele des Menschen für die Sphäre ihrer Liebe zu Mir nicht etwa nicht zuträglich, sondern daß gerade nur zuträglich ist.
14] Wie sollte demnach nun Ich, ein Schüler zu dir, dich über die unbekannten Dinge unterrichten?!
15] Wenn dir für die Liebe bessere Gründe bekannt sind, als sie dir dein Gott und dein Schöpfer gibt, wie kannst du von Ihm dann eine tiefere Unterweisung erflehen?!
16] Oder meinst du wohl, Gott wird Sich durch von den Menschen gefaßte und aufgestellte Vernunftsgründe zu etwas bewegen lassen, als wäre Er ein Richter nach den Weltgesetzen?!
17] O Cyrenius, da bist du wohl noch in einer sehr starken Irre!
18] Siehe, Ich allein kenne ja Meine ewige Ordnung, welche da die Mutter aller Dinge ist!
19] Aus dieser Ordnung bist auch du hervorgegangen! Die Liebe deines Geistes zu Mir ist dein eigenstes Leben.
20] Wenn du nun diese Liebe zu Mir von Mir abwenden willst auf Meine Geschöpfe, um Mich dann stärker zu lieben, da du Mich doch sichtbar lebendig vor dir hast,
21] sage, wird solch eine törichte Liebestärkung wohl ihren Grund haben?!
22] Ja, wer Mich noch nicht kennt und nicht hat, der mag wohl auf deinen Wegen zu Mir sich erheben;
23] aber so Mich Selbst schon jemand auf seinem Schoße hat, wozu sollen dann dem deine Staffeln dienen?«
24] Hier stutzte Cyrenius gewaltig, fühlte sich sehr getroffen, und niemand fragte mehr nach dem Kometen.


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