Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

217. Kapitel: Alles hat seine gottgewollte Zeit und Ordnung. Vom eitlen Forschen in göttlichen Tiefen und von der kindlichen Einfalt als Weg zur wahren Weisheit. (29.05.1844)

01] Es bemerkte aber das Kindlein dem Cyrenius, da dieser anfing sich in weitere Forschungen einzulassen:
02] »Cyrenius, du forschest umsonst weiter und möchtest sogleich die ganze Hand haben, wo Ich dir einen Finger gezeigt habe!
03] Siehe, das geht nicht an; denn alles braucht seine Zeit und seine feste, unwandelbare Ordnung!
04] Wenn du einen Baum blühen siehst, da möchtest du freilich auch schon die reife Frucht haben.
05] Aber siehe, das geht nicht; denn ein jeglicher Baum hat seine Zeit und seine Ordnung!
06] Die Zeit und die Ordnung aber ist aus Mir von Ewigkeit, und so kann Ich nicht wider Mich ziehen;
07] daher kann auch von der Zeit und von der Ordnung nichts vergeben werden.
08] Ich liebe dich wohl in aller Fülle Meiner göttlichen Kraft; aber darum kann Ich dir doch keine Minute von der flüchtigen Zeit schenken;
09] denn diese muß fortfließen wie ein Strom und ist unaufhaltsam und hat keine Ruhe eher, als bis sie die großen Ufer der unwandelbaren Ewigkeit erreicht hat.
10] Daher ist dein weiteres Forschen in Meine Tiefen etwas eitel.
11] Denn du wirst auf solchem Wege Meinen Tiefen dennoch nicht eher um ein Haarbreit näherkommen, als bis es an der rechten Zeit sein wird.
12] Darum laß ab von derlei Forschungen, und mühe deinen Geist nicht vergeblich ab; denn zur rechten Zeit soll dir alles frei aus Mir werden!
13] Du möchtest nun in der Tiefe begreifen, warum da die Mitte ist da (wo) Ich bin?
14] Ich sage dir aber: Solches kannst du nun noch nicht begreifen, darum sollst du vorerst glauben und im Glauben die wahre Demut deines Geistes erweisen.
15] Wird dein Geist erst durch die wahre Demut die rechte Tiefe in sich erreicht haben, dann wirst du auch aus dieser Tiefe in Meine Tiefe helle Blicke tun können.
16] Wenn du aber forschend deinen Geist erheben wirst, dann wir dieser seine lebendige Tiefe stets mehr und mehr verlassen, und er wirst dich dadurch von Meinen Tiefen entfernen und dich ihnen nicht mehr nahen.
17] Ja, Ich setze dir noch hinzu: Von nun an soll alle tiefe Weisheit vor den Weisen der Welt verborgen bleiben;
18] aber den Einfältigen, den schwachen Kindern und Waisen soll sie ins Herz gelegt werden!
19] Darum werde du ein Kind in deinem Gemüte, und es wird dann die rechte Zeit für dich sein, die rechte Weisheit zu überkommen!«
20] Cyrenius staunte ganz gewaltig über diese Lehre und fragte dann das Kindlein, sagend nämlich:
21] »Ja, wenn also, da darf dann ja kein Mensch mehr die Schrift lesen lernen und eine Schrift selbst schreiben!?
22] Denn so Du das alles dem Würdigen frei gibst, wozu dann das mühsame Lernen?«
23] Und das Kindlein sprach: »Durch ein rechtes und demütiges Lernen wird der Acker für die Weisheit gedüngt, und das ist auch in Meiner Ordnung.
24] Aber du mußt das Lernen nicht als den Zweck oder für die Weisheit selbst ansehen, sondern nur als ein Mittel.
25] Wann aber der Acker gedüngt sein wird, dann werde Ich schon den Samen streuen, woraus dann erst die rechte Weisheit hervorsprossen wird! - Hier schwieg Cyrenius und forschte nicht mehr weiter.


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