Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

207. Kapitel: Der nächtliche Orkan mit seinen Schrecken. Die wilden Tiere. Josephs Fluch über den Sturm. Des Kindleins Rüge. Das Ende des Sturmes. (15.05.1844)

01] Nach zwei Stunden, als sich alles schon in der Ruhe befand, kam ein gar mächtiger Orkan und stieß so gewaltig an das Haus, daß das ganze Haus erbebte.
02] Alle Schlafenden wurden durch diesen dröhnenden Stoß aufgeweckt.
03] Und da der Orkan fortwütete und von tausend Blitzen und dem gewaltigsten Donner begleitet war,
04] so fing bald alles an zu beben und zu zagen, was sich nur im Hause Josephs befand.
05] Zu dem Wüten und Toben des Orkans gesellte sich auch noch das Geheul von einer Menge wilder, reißender Tiere und vermehrte die Angst der Gäste im Hause Josephs.
06] Alles fing an, sich in das Gemach zu drängen, in dem sich Joseph, Cyrenius und Jonatha befanden, und suchte da Schutz.
07] Joseph aber stand auf und machte Licht und tröstete die Zagenden so gut es ihm nur immer möglich war.
08] Desgleichen tat auch der Riese Jonatha und Cyrenius.
09] Aber da der Sturm stets heftige wurde, so gab das Trösten der drei nicht viel aus; und ganz besonders wurden dadurch die meisten in die größte Todesangst versetzt, als einige Tiger bei den freilich wohl vergitterten Fenstern anfingen, ihre Tatzen hineinzustrecken unter einem gar unheimlichen Geheule.
10] Als dem Joseph selbst das Ding ein wenig zu arg ward, da erregte er sich und sprach zum Sturme:
11] »Verstumme, du Ungetüm, im Namen Dessen, der hier wohnt, ein Herr der Unendlichkeit,
12] und beunruhige fürder nimmer die da der Ruhe bedürfen zur Nachtzeit! Es geschehe!«
13] Solche Worte rief Joseph mit großer Kraft aus, daß sich darob alle entsetzten, mehr noch als vor dem Wüten des Orkans.
14] Aber sie wollten dennoch nichts effektuieren (bewirken), worüber dann Joseph noch mehr erregt wurde und noch heftiger seine Drohung an den Sturm richtete.
15] Aber auch diese blieb fruchtlos, und der Orkan spottete Josephs.
16] Da ward Joseph zornig über den ungehorsamen Orkan und verfluchte ihn.
17] In diesem Momente ward das Kindlein wach und sagte zu Jakob, der sich neben dem kleinen Bettchen befand:
18] »Jakob, gehe hinein zu Joseph und sage ihm, er solle seinen Fluch wieder zurücknehmen; denn er fluchte dem, das er nicht kennt!
19] Morgen aber wird er erst den Grund dieses Sturmes einsehen und erkennen dessen guten Grund; in wenigen Minuten aber wird er ohnehin zu Ende sein.«
20] Darauf ging Jakob sogleich zu Joseph und sagte zu ihm, was ihm das Kindlein aufgegeben hatte.
21] Da ermannte sich Joseph, tat, was ihm Jakob kundtat, und bald darauf legte sich der Sturm; die Bestien verloren sich, und alles im Hause Josephs begab sich wieder zur Ruhe.


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