Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

201. Kapitel: Jakob im Gespräch mit dem kleinen Jesus. Des Kindleins Klage über die geringe Beachtung, die Ihm von den Eltern und Hausgenossen geschenkt wird. (07.05.1844)

01] Auf diese Worte bog sich auch Jakob zum Kindlein nieder und sprach zu Ihm:
02] »Höre Du, mein geliebter Jesus! Du mein zartes Brüderchen! Wenn Du einmal schlimm wirst, dann ist es mit Dir ja beinahe nicht mehr auszuhalten!
03] Möchtest Du mir nicht auch einen solchen Verweis geben, wie Du ihn der Mutter Maria gegeben hast?
04] Du kannst es wohl tun; aber dann werde ich auch greinen mit Dir, warum Du mich nicht zum Spiele geladen hast, da ich doch von ganzem Herzen gerne dabei gewesen wäre!«
05] Das Kindlein aber sprach: »O sorge dich nicht, Jakob, daß Ich dir etwas sagen werde;
06] denn deine beständige Aufmerksamkeit für Mich ist Mir schon bekannt.
07] Zudem teilen wir ja gar oft das Los, und da geht es dir wie Mir.
08] Siehe, wenn du öfter mit Mir ausgehst und trägst Mich dann wieder nach Hause, von irgendwoher, manchmal sogar aus der Stadt, wenn du in selber etwas zu tun hast und Mich dann mitnimmst,
09] da kommt uns niemand entgegen! Wir gehen ohne weitere Begleitung fort, und so wir nach Hause wieder zurückkehren, da kommt uns keine Seele entgegen;
10] wie wir allein ausgegangen sind, so kommen wir auch allein wieder zurück.
11] Und wenn wir dann und wann um eine Viertelstunde zu spät kommen, da werden wir noch obendrauf recht tüchtig ausgemacht.
12] Und sind wir zu Hause, da dürfen wir uns eben auch nicht viel rühren, wollen wir nicht einen Putzer bekommen.
13] Und soviel da manchmal geplaudert wird von allerlei Dingen, sage, ob wir auch zu den interessanten Dingen gehören, denen einige Worte im Tage gelten möchten!
14] Aber wenn sich so ein Bekannter aus der Stadt melden läßt und sagt: ,Ich werde dich am Montag besuchen!',
15] da freut sich unser Haus schon drei Tage zuvor darauf und redet nachher noch drei Tage davon.
16] Und wenn der Freund kommt, da läuft ihm alles entgegen, und wenn er wieder geht, so wird er bis zu seiner Haustüre begleitet.
17] Wenn aber wir gehen und kommen, da rührt sich keine Katze im Hause.
18] Wohl aber heißt es, wenn so ein beredter Stadtklatscher hierherkommt: ,Jakob, gehe jetzt mit dein Kindlein nur hübsch hinaus!'
19] und wir ziehen dann sogleich ohne Begleitung hinaus und dürfen nicht eher wiederkommen, als bis es dem Klatscher beliebt hat, wieder unter der gesamten Begleitung des Hauses abzuziehen.
20] Nur wenn Cyrenius oder Jonatha kommen, dann gelten auch wir etwas, wenn nicht wichtige Betrachtungen hinderlich sind.
21] Darum sorge dich nicht, daß Ich dir etwas sagen werde, das dich schmerzen könnte; denn wir sind ja beide gleichgestellt, was das Ansehen und die Liebe betrifft!
22] Wenn wir uns den ganzen Tag nicht rühren und mucksen, dann sind wir ,brav'! Und dieses ,brav' aber ist dann auch unser ganzer Lohn! Bist du damit zufrieden? Ich bin es nicht!«
23] Als Joseph und Maria solches vernahmen, da ward es beiden bange. Das Kindlein aber beruhigte sie und sprach: »Nur in der Zukunft ein wenig anders! Das Vergangene ist vorüber!« - Und Jakob weinte vor großer Freude in seinem Herzen.


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