Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

154. Kapitel: Die dienstliche Frage des Hauptmanns. Des Cyrenius abschlägige Erwiderung. Das Gespräch des neugierigen Hauptmanns mit dem schönen Engel. Die Liebesqual des Hauptmanns. (29.02.1844)

01] Nach dieser Szene kam unser Hauptmann hin zu Cyrenius und fragte ihn, wieviel Mann er am Abend zu seinen Diensten zur Burg beordern solle.
02] Solches aber fragte der Hauptmann darum, weil er wußte, daß Cyrenius noch am Abende werde sein Gepäck ins Schiff bringen lassen und ebenso auch den Mundbedarf für mehrere Hunderte, die er von Ostrazine nach Tyrus mitnahm.
03] Cyrenius aber sah den Hauptmann an und sprach: »Mein lieber Freund, wenn ich dafür erst jetzt sorgen sollte, da wäre es übel gesorgt!
04] Zur Versorgung des neuen Schiffes aber, das diese Armen aufnehmen wird, wird heute noch also gedacht werden, daß da keiner der Reisenden Not leiden wird.
05] Hast du nicht gesehen, wie schnell das alte Karthagerschiff hergestellt ward durch diese Jünglinge?!
06] Siehe, auf dieselbe Weise kann und wird es auch mit allem versorgt werden!
07] Was aber da meine eigenen Schiffe betrifft, so sind diese schon lange mit allem auf ein Jahr versehen, und das im strengsten Falle für tausend Mann.
08] Aus dem Grunde soll nun meinetwegen kein Mann bemüht werden, sondern in seinem kaiserlichen Dienste bleiben.«
09] Diese Erwiderung wunderte den Hauptmann, indem sonst Cyrenius sehr auf die, militärische Aufmerksamkeit sah.
10] Er fragte darauf den Cyrenius, sagend: »Eure kaiserliche, konsulische Hoheit! Wer sind denn hernach diese Jünglinge? Sind das echte ägyptische Zauberer, oder sind das etwa gar Halbgötter oder berühmte Magier und Sternkundige aus Persien?«
11] Und Cyrenius sprach: »Mein lieber Freund, hier ist weder das eine noch das andere;
12] sondern, wenn du schon wissen willst, wer diese Jünglinge sind, da gehe hin und frage einen von ihnen und du wirst ohne mein Verschulden ins klare kommen!«
13] Der Hauptmann verneigte sich vor dem Cyrenius und wandte sich sogleich an einen der anwesenden Jünglinge und fragte ihn:
14] »Höre mich, mein allerliebenswürdigster, allerherrlichster, allerschönster, mich ganz bezaubernder, du über alle meine Begriffe herrlicher, du endlos zarter, du mit deiner unbegreiflichen Schönheit meine Zunge lähmender, du a-a-al-ler-allerholdester - Jüngling!
15] Ja, - um - was habe - habe - habe - ich denn - so ganz eigentlich fragen wollen?«
16] Und der bis auf den Glanz in die volle himmlische Schönheit übergehende Jüngling sagte darauf zum Hauptmann:
17] »Das wirst du ja doch wissen? Frage nur zu, du Freund der Frage; ich will dir ja alles gerne beantworten!«
18] Der Hauptmann aber war ganz weg ob der zu großen Schönheit des Jünglings und konnte kein Wort über seine Zunge bringen.
19] Nach einer Weile, als er sich an der für ihn unbegreiflichen Schönheit des Jünglings vollgegafft hatte, da erst bat er den Jüngling um einen Kuß.
20] Und der Jüngling küßte den Hauptmann und sprach: »Damit ein Band zwischen uns auf ewig! - Suche du nur die nähere Bekanntschaft jenes weisen Juden, und dir wird viel Lichtes werden!«
21] Der Hauptmann aber ward darauf so entsetzlich verliebt in diesen Jüngling, daß er sich aus lauter Liebe nicht zu helfen wußte, und vergaß ganz seine Frage.
22] Und diese Liebe quälte ihn bis zum Abende und war eine kleine Strafe für des Hauptmanns Fragliebhaberei; am Abende aber ward er wieder geheilt und hatte keine Lust mehr, sich einem solchen Jünglinge zu nahen.


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