Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

153. Kapitel: Des CyreniusFrage über die Gottwesenheit des Kindes. Josephs Erklärungsversuch mittels des lebendigen Wortes Gottes in den Propheten. Die Berichtigung der Ansicht Josephs durch das Jesuskind. (28.02.1844)

01] Nach einer Weile erst zog Cyrenius den Joseph auf die Seite und sagte zu ihm:
02] »Mein erhabenster Freund und Bruder, hast du vernommen, was das Kindlein geredet hat zu mir?
03] Hast du vernommen, wie Es nun einmal ganz offen heraussagte: ,Ich, dein Herr und dein Gott!'?
04] Nehme ich dazu Seine Willensallmacht und die Diener aus den Himmeln der Himmel, die allzeit auf ihre Angesichter niederfallen, wenn das Kleine spricht, so ist das Kind ja - der alleinige, ewige, wahrhaftige Gott und Schöpfer der Welt und aller Dinge auf ihr!
05] Freund, Bruder, was sagst du zu diesem meinem Bekenntnisse? Ist es nicht also? Oder ist es anders?«
06] Joseph stutzte hier selbst ein wenig; denn er hielt das Kind wohl für einen vollkommenen Sohn Gottes, aber für die Gottheit Selbst hielt er Es nicht.
07] Er sprach daher nach einer Weile: »Das Kind für Gott Selbst zu halten, dürfte etwas gewagt sein.
08] Es ist aber ja bei den Juden also, daß sie Kinder Gottes sind - und sind demnach auch Söhne Gottes!
09] Und das datiert sich schon seit dem Vater Abraham her, der auch ein Sohn Gottes war, und also sind es auch seine Nachkommen.
10] Zudem hat es bei uns noch allzeit große und kleine Propheten gegeben, und wenn sie redeten, so redeten sie aus Gott, und Gott richtete und redete aus ihnen stets in der ersten Person.
11] Also spricht einmal der Herr durch Jesaias: ,Denn Ich bin der Herr dein Gott, der das Meer bewegt, daß seine Wellen wüten. Mein Name heißt: Herr Zebaoth.
12] ,Ich lege Mein Wort in deinen Mund und bedecke dich unter dem Schatten Meiner Hände, auf daß Ich den Himmel pflanze und die Erde gründe und zu Zion spreche: Du bist Mein Volk!'
13] Und siehe, wenn der Prophet auch also redete in der ersten Person, als wäre er selbst der Herr, so ist er aber dennoch nicht der Herr sondern des Herrn Geist redet nur also durch des Propheten Mund!
14] Und siehe, also wird es auch hier sein; Gott erweckt in diesem Kinde einen gar mächtigen Propheten und redet nun schon durch seinen Mund frühzeitig, wie einst durch den Mund des Knaben Samuel!«
15] Hier war Cyrenius beruhigt zwar, aber das Kindlein verlangte den Joseph und den Cyrenius und sprach zu Joseph:
16] »Joseph, du weißt wohl, daß der Herr durch den Mund der Propheten geredet hat wie in der ersten Person zumeist:
17] aber weißt du nicht, was der Herr eben einmal bei Jesaias (Jesaja.63,01-06) spricht, da Er sagt:
18] ,Wer ist Der, der da von Edom kommt, mit rötlichen Kleidern von Bazra? Der so geschmückt ist in Seinen Kleidern und einhertritt in Seiner großen Kraft? -
19] Ich bin es, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister ist zu helfen!
20] Warum ist denn Dein Gewand so rotfarben und Dein Kleid wie eines Keltertreters? -
21] Ich trete die Kelter allein und ist niemand unter den Völkern mit Mir! Ich habe sie gekeltert in Meinem Zorne und zertreten in Meinem Grimme!
22] Daher ist ihr Vermögen auf Meine Kleider gespritzt, und Ich habe all Mein Gewand besudelt! Denn Ich habe einen Tag der Rache Mir vorgenommen; das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist gekommen!
23] Denn Ich sah Mich um, da war kein Helfer; und Ich war im Schrecken, und niemand enthielt Mich, - sondern Mein Arm mußte Mir helfen, und Mein Zorn enthielt Mich!
24] Darum habe Ich die Völker zertreten in Meinem Zorne und habe sie trunken gemacht in Meinem Grimme und ihr Vermögen zu Boden gestoßen!' -
25] Joseph, kennst du Den, der von Edom kommt und nun gekommen ist und nun zu dir spricht: ,Ich bin es, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister ist zu helfen!'?«
26] Bei diesem Worte legte Joseph seine Hand auf die Brust und betete in sich das Kindlein an.
27] Und Cyrenius sagte nach einer Weile ganz still zu Joseph: »Bruder! Mir kommt es in dieser für Mich freilich zu weisen Rede des Kindleins vor, als hätte ich doch recht!«
28] Und Joseph' sprach: »Ja, du hast recht; aber um so mehr muß dir nun am Schweigen davon gelegen sein, wenn du leben willst!« - Und Cyrenius schrieb sich diese Mahnung tief in sein Herz und beachtete sie auch sein Leben lang.


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