Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

138. Kapitel: Des Cyrenius Bericht und Josephs Kritik. Liebe und Mitleid sind besser als die strengste Gerechtigkeit. Des Cyrenius Dank. Die Gesellschaft im großen Schlafsaal des Cyrenius. (10.02.1844)

01] Cyrenius umarmte den Joseph mit der größten Innigkeit und gab ihm kund in kurzen Worten, was diese Nacht hindurch in der Burg vorgefallen war.
02] Und Joseph sprach: »Mein geliebtester Freund und Bruder im Herrn, was du mir erzählen willst, wußte ich noch eher, als es geschah, auf ein Haar, wie es hernach geschehen ist!
03] Aber eines hättest du darnach nicht also tun sollen, wie du es getan hast!
04] Und dieses eine besteht darin, daß du die zerrissenen Leichen auf dem öffentlichen Platze hast begraben lassen!
05] Du hast es zwar in einer rechtlich politischen Hinsicht getan, um nämlich damit das andere Volk durch ein solches Beispiel abzuhalten von ähnlichen Versuchen;
06] aber das ist ein sehr unhaltbares Mittel! Denn siehe, nichts auf der Welt dauert kürzer als der Schreck, die Furcht und die Traurigkeit!
07] Daher ist auch ein diese drei Stücke erweckendes Mittel um kein Haar haltbarer als die durch dasselbe erweckten Stücke selbst.
08] Hat aber irgendein Mensch diese drei Embleme (Kennzeichen) des Gerichtes mit der Freiheit seines Geistes abgeschüttelt, dann wird er erbost und fällt dann mit doppelter Wut über den grausamen Richter her.
09] Daher leite du die Menschen allezeit mit der ewig bleibenden Liebe, und suche solche notwendigen aber dabei dennoch schaudererregenden Beispiele vor dem Volke zu verbergen, so wirst du stets die Liebe des Volkes genießen!
10] Ich sage dir: Ein Tropfen Mitleid bei jeder Gelegenheit ist besser denn ein ganzer Palast voll der besten und strengsten Gerechtigkeit!
11] Denn das Mitleid bessert den Feind wie den Freund; aber die strengste und beste Gerechtigkeit machen den Gerechten stolz und hochmütig,
12] und der Schuldige und Gerichtete wird voll Ingrimms und sinnt nur, wie er sich rächen möchte an dem Gerechten.
13] Was du aber nun getan hast das läßt sich nicht mehr ungetan machen -
14] aber für die Zukunft merke dir diese Regel; sie ist besser als Gold und besser als reinstes Gold!«
15] Cyrenius fiel hier dem Joseph abermals um den Hals und dankte für diese Lehre wie ein Sohn seinem Vater.
16] Darauf begab sich die ganze Gesellschaft in das Schlafgemach des Cyrenius, das da, wie es bei den Großen Roms üblich war, stets in einem großen Saale bestand.
17] Denn die Römer sagten: ,Im Schlafe dünstet der Mensch allezeit die Krankheit aus;
18] ,hat diese nicht den gerechten Raum, sich im Schlafgemache zu zerstreuen, so fällt sie wieder auf den Menschen zurück, und er wird krank!'
19] Aus diesem Grunde hatten dann reiche Römer sogar Fontänen (Springbrunnen) in ihren großen Schlafsälen, die die Luft reinigten und die bösen Dünste an sich zogen.
20] Und so war auch in dieser Burg das Schlafgemach des Cyrenius der größte Saal und war versehen mit zwei Fontänen mit breiten Wasserbassins, in denen mehrere Meerzwiebeln herumschwammen.
21] Der Boden des Saales war aus schwarzem und braunem Marmor und der ganze Saal war von großer altägyptischer Pracht.
07] In diesem Saale also befand sich nun die ganze Gesellschaft und besprach sich über so manches aus der Vorzeit, während die Dienerschaft des Cyrenius auf das eifrigste bemüht war, alles Anbefohlene bestens zu ordnen in den Nebensälen.


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