Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

136. Kapitel: Das Verhör der Dienerschaft des Cyrenius. Die Angst der Diener vor den 3 Richtern. Die Entdeckung des Verräters. Des Löwen wunderbares Gericht. (08.02.1844)

01] Cyrenius weckte aber auch sogleich seine Dienerschaft und berief sie, daß sie ihm zur Rede stehe, wie solche Verräterei geschah.
02] Die Dienerschaft erschrak über diesen Anblick und sprach zum erzürnten Statthalter:
03] »Allergestrengster, gerechtester und mächtigster Herr, Herr! Die Götter sollen unsere Zeugen sein, daß wir von allem dem nicht eine Silbe wußten.
04] Wir wollen alle des Todes sein, so wir daran nur die allergeringste Teilnahme oder selbst nur die geringste Wissenschaft haben!«
05] Und Cyrenius sprach: »Also schaffet denn diese Leichen hinaus und beerdigt sie vor dieser Burg am (auf dem) offenen Platze zum abschreckenden Beispiele für alle jene, die etwa noch ihres Sinnes wären!«
06] Die Dienerschaft aber hatte eine große Furcht vor den drei Löwen die noch das Lager des Cyrenius strenge bewachten, und sprach:
07] »O Herr, Herr! Siehe, wir getrauen uns nicht, hier etwas anzurühren; denn die drei Bestien sehen zu grimmig aus und könnten uns das tun, was sie diesen Meuterern taten!«
08] Und Cyrenius sprach: »Wer von euch redlichen Gewissens ist, der trete hervor und überzeuge sich, daß auch diese grimmigen Tiere die Treue respektieren!«
09] Auf diese Rede des Cyrenius traten bis auf einen alle hervor, und die Löwen taten ihnen nicht das mindeste zuleide.
10] Cyrenius aber fragte den Zurückgebliebenen: »Warum bleibst denn du zurück, während du doch siehst, wie deine Kameraden von den Löwen nicht im allergeringsten beleidigt werden?«
11] Und der Gefragte sprach: »Herr, Herr, sei mir barmherzig; denn ich habe ein unreines Gewissen!«
12] Und Cyrenius fragte ihn: »Worin besteht denn die Unreinheit deines Gewissens? Rede, wenn du nicht sterben willst!«
13] Und der Gefragte sprach: »Herr, Herr, ich wußte von diesem Verrat seit gestern morgen, wollte aber dir nichts davon kundtun, weil ich bestochen ward mit hundert Pfund Silbers!
14] Denn ich dachte mir, du würdest ohnehin gerettet werden, wie der weise Mann draußen in der Villa gerettet ward, und so nahm ich das Silber an.«
15] Hier sprang Cyrenius auf und sprach: »Also muß denn ein jeder ehrliche Menschenfreund unter seinen Dienern und Freunden auch einen Teufel haben?!
16] Du elender Schurke, da tritt her vor das Gericht Gottes! Findest du Gnade vor diesem Gerichte, da will auch ich dich nicht richten;
17] findest du aber vor diesem Gerichte keine Gnade, so bist du schon gerichtet für ewig!«
18] Hier fing der Gefragte und also Beheißene an zu zagen und sank ohnmächtig zusammen.
19] Da stand ein Löwe auf, bewegte sich hin zu dem Ohnmächtigen, erfaßte dessen Hand und schleppte ihn ganz behutsam hin vor den Cyrenius, allwo der Schuldige regungslos liegenblieb.
20] Dann aber sprang derselbe Löwe mit großer Hast in das offene Gemach und packte in selbem einen Ballen, zog ihn hervor und zerriß ihn in tausend Stücke.
21] Und die hundert Pfunde Silbers kamen zum Vorschein, die der Diener für sein Schweigen erhielt.
22] Der Cyrenius staunte nicht wenig über diese Erscheinung.
23] Der Löwe aber faßte darauf wieder den Schuldigen am Arme, zog ihn in das Seitengemach und legte ihn gerade an die Stelle hin, wo ehedem der Ballen lag.
24] Da versetzte er ihm einige Schweifhiebe, die den Betäubten wieder zu sich brachten, und tat ihm sonst nichts an.
25] Darauf kam der Löwe wieder zurück an seine vorige Stelle und verhielt sich mit den zwei Kameraden ganz ruhig.
26] Die Dienerschaft begann nun die Leichen wegzuräumen nach des Cyrenius Befehl. Und Cyrenius lobte und pries den Gott Israels, daß Er ihn also wunderbar gerettet hatte, und in einer Stunde war das Schlafgemach völlig wieder gereinigt.


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