Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

98. Kapitel: Die liebliche Szene zwischen dem Mädchen und dem Kindlein. Die Gefahren des heiligen Geheimnisses. Die Seligkeit und überschwengliche Freude des Mädchens. Cyrenius und Tullia (20.12.1843)

01] Das Mädchen ging sogleich hin zum Kindlein und sprach:
02] »O was bist Du doch für ein außerordentliches Wunderkind!
03] Ja, Du bist dasselbe leuchtende Kindlein, von dem es mir so wunderbar geträumt hat, daß es die Mutter gebadet hatte und mir hernach das selbe Badewasser das Licht meiner Augen gab.
04] Ja, ja, Du göttlich Kindlein! Du gabst mir das Licht der Augen! Du bist mein Heiland; Du bist der wahr Apollo von Delphi!
05] Ja, Du bist in meinem Herzen schon jetzt mehr als alle Götter Roms, Griechenlands und Ägyptens!
06] Welch ein hoher, göttlicher Geist muß in Dir wohnen, der Dir schon so früh Deine Zunge gelöst hat, und der durch Dich schon jetzt so heil bringend und mächtig wirkend sich zu erkennen gibt!
07] Heil euch Menschen der Erde, die ihr samt mir in großer Finsternis und Trübsal lebet!
08] Hier ist die Sonne der Himmel, die euch Blinden, wie mir, die Sehe wiedergeben wird!
09] O Rom, du mächtige Bezwingerin der Erde, siehe, hier vor mir lächelt der Held mich an, der dich in einen Schutthaufen umwandeln wird!
10] Sein Panier wird Er über deinen Mauern aufpflanzen, und du wirst zu Grabe gehen! Wie da verweht wird vom Sturme eine lose Spreu, so wirst du verweht werden!«
11] Das Kindlein aber bot dem Mädchen die Hand und verlangte zu ihm.
12] Und das Mädchen nahm Es mit großer Freude zu sich und herzte und koste Es.
13] Das Kindlein aber spielte mit den reichen Locken des Mädchens und sprach dabei ganz leise zu ihm:
14] »Glaubst du, Meine liebe Schwester, wohl den Worten, die du ehe dem ausgesprochen hast vor Mir, da Ich Mich noch auf den Armen Meines Bruders befand?«
15] Und das Mädchen sprach eben auch ganz leise zum Kindlein:
16] »Ja, Du mein Heiland, Du mein Licht, Du meine erste Morgensonne, - jetzt glaube ich es um so fester, da Du mich danach gefragt hast!«
17] Und das Kindlein sprach darauf: »Wohl dir, daß du in deinem Herzen also glaubst, wie du geredet hast!
18] Aber das sage Ich dir: Halte vorderhand nichts geheimer als eben dieses dein Glaubensbekenntnis!
19] Denn nie hat der Feind alles Lebens sein Ohr also gespitzt als gerade in dieser Zeit!
20] Daher schweige von Mir, und verrate Mich ja nicht, wenn es dir daran liegt, von diesem Feinde nicht für ewig getötet zu werden!«
21] Das Mädchen aber gelobte solches allerkräftigst und ward in der Zeit, da es das Kindlein lockte, so ganz vollkommen jugendlich schön daß sich darob alle höchst zu verwundern anfingen, und das Mädchen konnte sich vor lauter Seligkeit beinahe gar nicht helfen, ja so selig war es, daß es zu jauchzen und zu kirren (zutraulich werden) begann.


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