Jakob Lorber: 'Himmelsgaben', Band 2


Das Bethaus mit den zwei Wahrzeichen (02.06.1843)

   00] Für Wilhelmine H. ein kleines, wohlzubeherzigendes Gleichnis.
   01] In einem Orte stand ein großes Bethaus, und dieses Bethaus hatte zwei Glockentürme. Der eine war geziert mit einem Kreuze, der andere aber mit einer Wetterfahne.
   02] Ein ehrbarer Vater ging in irgendeinem Geschäfte mit seiner zwölfjährigen Tochter gerede des Weges an dem doppeltürmigen Bethause vorüber. Da bemerkte die scharfsichtige Tochter den grellen Unterschied der Zier auf den Türmen und fragte darob den Vater:
   03] »Guter Vater! Was hat doch solches wohl zu bedeuten, daß da der eine Turm mit einem Kreuze, der andere mit einer Wetterfahne geziert ist?«
   04] Und der Vater erwiderte der Tochter: »Siehe, das ist ein doppeltes Merkzeichen für denkende Menschen! - Das Kreuz auf dem einen Turme erinnert uns an die alte Kirche, die da feststand in Glauben und in der Liebe zu Gott. - Der Wetterfahne des anderen, neueren Turmes aber gleicht die jetzige Kirche. Sie läßt sich auch durch allerlei Weltwinde umherdrehen und -treiben in ihrer Lehre sowohl als in ihrem Handeln und wird bald selbst nicht mehr wissen, wer in ihr Koch oder Kellner ist!«
   05] Die Tochter aber sah dem etwas ereiferten Vater ins Angesicht und sagte darauf: »Lieber Vater! Ereifere dich doch nicht so sehr, denn die Fahne mag ja doch auch ihren Nutzen haben! - Zudem habe ich dich selbst schon öfter nach der Fahne als nach dem Kreuze blicken gesehen!«
   06] Und der Vater erwiderte: »Ja, ja, du hast recht, mein Kind! Siehe, es ist aber auch notwendig, damit man von der großen Unbeständigkeit des Kirchenwetters nicht benachteiligt wird in der Gesundheit seines Geistes! - Verstehst du solches?«


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