Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 337. Kapitel: Noah öffnet seinem Bruder Mahal die Augen über seinen Hauptfehler. Gerechtigkeitsdünkel als Grundwurzel des Hochmutes. Mahals Herausforderung an Gott. Gott erscheint. (05.08.1844)

   01] Es kam aber bald der Noah nach auf die Vollhöhe und fand seinen Bruder und dessen schöne Kinder, ganz verstört einander anschauen; er aber ging hin zum Mahal und sprach zu ihm:
   02] »Höre mich an, Bruder! Siehe, du hast Gott einer Sünde gegen dich beschuldigt, weil du dich als den gerechtesten Mann auf der ganzen Erde dachtest, und das darum, weil dir dein Gewissen freilich wohl sagen muß, daß du nie gesündigt hast vor Gott, indem du Sein Gebot allzeit auf das gestrengste in allen seinen Teilen beachtet hast!
   03] Aber siehe, eben diese deine große Gewissensreinheit hat in dir einen gewissen Triumphsinn erzeugt und dadurch eine große Zufriedenheit mit dir selbst, derzufolge du dich selbst oft fragtest: 'Kann Gott Selbst reiner und gerechter in Seiner Ordnung leben von Ewigkeit her, wie ich in dieser meiner Zeit?!'
   04] Und dann antwortete dir allezeit dein triumphierendes reinstes Gewissen: 'Nein, Gott kann in Seinem Verhältnisse als Gott nie reiner gewesen sein, als ich es bin in meinem Verhältnisse als Mensch zu Gott und also auch zum Menschen!'
   05] Siehe, Bruder, dieser Gerechtigkeitstriumph aber ist eben Gott dem Herrn noch weniger angenehm als irgendeine gesetzwidrige Handlung als Sünde selbst; denn das ist dann eben der Hochmut in seiner Grundwurzel selbst, der aus dem Menschen hinaus muß, wenn dieser vor Gott etwas gelten möchte.
   06] Aber nicht nur dieser dein Gerechtigkeitshochmut hat dich in den Augen des Herrn herbe gemacht, sondern noch mehr folgende deine daraus hervorgehende Weisheit, die also lautet:
   07] 'Da ich schon also rein und gerecht bin, wie es Gott Selbst ist, aber dabei dennoch nicht heilig sein darf, weil die Heiligkeit Gottes unantastbar ist, so will ich aber dennoch selbst in meiner Machtbeschränktheit in meinem Menschverhältnisse vollkommener handeln als Gott Selbst!
   08] Daß Gott in Seinem Handeln allzeit zuvor unvollkommen auftritt und dann erst nach manchem Mißlingen irgendeine Vollkommenheit zuwege bringt, das lerne ich von aller Seiner Schöpfung!
   09] Denn es gibt auf der ganzen Erde ja nirgends etwas Vollkommenes und Vollendetes! Kein Ding ist ganz ohne Makel; die Sonne selbst ist nicht völlig rein, und der Mond ist unvollkommen in aller seiner Erscheinung und unvollkommen der Sterne Licht!
   10] Darum aber will und kann ich auch in meiner Sphäre als Mensch durch jede meiner Handlungen Gott übertreffen; denn ich will jede meiner Handlungen also stellen, daß sie sogleich als vollendet dastehen soll, und da solle keine einer Nachbesserung benötigen!
   11] Läßt aber irgend die von Gott unvollkommen geschaffene Materie eine gänzliche Vollendung eines Werkes nicht zu, so soll es aber dennoch in meinem Gedanken und Wollen als vollendet dastehen; was aber zufolge der von Gott unvollkommen geschaffenen Materie an meinen reellen Werken Unvollkommenes sich auffinden lassen wird, das hat der Schöpfer als Schuld auf Sich zu nehmen!'
   12] Nun siehe du, mein Bruder! Auf diese Weise galt dir der Herr schon gar lange als ein Sünder gegen dich, und das war der arge Same in dir, der nun zu einer lauten und überherben Frucht geworden ist! Denn nun beschuldigst du Gott laut einer Sünde gegen dich!
   13] Meinst du wohl, daß solch eine Beschuldigung keine Sünde sei vor Gott?! Oder meinst du wohl, Gott werde müssen zu dir erst in die Schule gehen, um ein vollkommener Gott zu werden?!
   14] O Bruder, betrachte doch diesen deinen großen Irrtum; erkenne ihn als eine gar gröbste Sünde, und bereue sie, so wird der Herr den Kasten vor dir nicht versperren zur Zeit des Gerichtes und der Not!«
   15] Mahal aber sprach: »Bruder, mit dir habe ich nichts zu rechten und zu schlichten; denn ich habe mit dir allzeit als ein wahrer Bruder gelebt und habe dir deine Stammherrlichkeit nie mit einer Silbe gefährdet!
   16] Meine Sache habe ich mit Gott! Ihn fordere ich bei Seiner Heiligkeit heraus, auf daß ich mit Ihm rechte nach meinem Handeln! Er muß es mir erweisen, wann ich vor Seinem Angesichte gesündigt habe!«
   17] Hier entstand ein mächtiger Sturm, und der Herr kam sichtbar auf die Vollhöhe vor Mahal und Noah.
   18] Was weiter, - in der Folge!


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