Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 300. Kapitel: Aglas demütiges Sündenbekenntnis und inständige Bitte um Befreiung oder Tod. Wahl zwischen Dolch und Käfig. Aglas Begnadigung. (12.06.1844)

   01] Als der Gurat wie der Fungar-Hellan solches vom Mahal vernommen hatten, da begaben sie sich sogleich in den andern Saal, allwo sich die beiden Käfigbewohner unter einer gehörigen Bewachung befanden.
   02] Allda angelangt, wurden sie sogleich von der Agla angegangen, und zwar mit folgenden Worten: »O ihr ersten Machthaber des Reiches, und du auch, mein Vater Mahal! Ich bin ja eine größte Sünderin vor Gott und vor euch allen; denn ich habe mich vergriffen an den Rechten Gottes und an allen euren Rechten und habe darum nichts als den Tod verdient! Ich erkenne nun, daß diese Käfigstrafe für mich viel zu gering ist; ein glühender Käfig wäre meiner Sünde angemessen!
   03] Wo aber lebt ein gefangener Sünder, der sich nicht sehnete nach der Freiheit, ob sie ihm schon frommte oder nicht?! Also ist es auch mit mir der Fall! Ich erkenne nun gewiß die ganze Größe meines Verbrechens vor euch und vor Gott, wie es vielleicht kein zweiter Sünder erkennt; aber dennoch erkenne und fühle ich auch den mächtigen Drang nach der Freiheit, der mir diesen Kerker zu einer unerträglichen Qual macht!
   04] O nehmt einen Dolch und stoßet ihn mir ins Herz, und ihr werdet mich glücklich machen! Nur in dieser allerspottvollsten Gefangenschaft lasset mich nicht länger; denn das kann mich zur Verzweiflung und zum Wahnsinn treiben! Tut mit mir, was ihr wollt; aber nur darinnen lasset mich nicht länger, allda ich fortwährend von den Wachen geneckt und geschmäht werde!
   05] O Vater Mahal, und du, mein Bruder Kisarell, und ihr, meine lieben Schwestern, erbarmet euch meiner, die ich vielfach unglücklich bin! Betrachtet mich als ein von der Hölle gefangengenommenes, verblendetes, verlocktes und verführtes Wesen, und ihr werdet ja doch so viel Erbarmung mit mir haben, daß ihr mir wenigstens den ersehnten Tod geben werdet!
   06] Denket ja nicht daran, als möchte ich euch je wieder gefährlich werden; denn die euch mit aufgehobenen Händen um den Tod bittet, die wird ewig nimmer den Thron von euch erbitten!
   07] O großer, allmächtiger Gott, wäre meine Sünde nicht so groß, da möchte ich wohl Dich um meine Erlösung bitten! Allein ich erkenne meine zu große Unwürdigkeit vor Dir; daher getraue ich mich nicht, zu Dir, Du überheiliger, gerechtester Vater, um Erbarmung zu rufen! Erweiche aber doch die Herzen dieser Deiner Machthaber hier, daß sie mich töten möchten, auf daß ich nicht länger mehr dem allerschmählichsten Gespötte der Wachen ausgesetzt bleibe!«
   08] Nach diesen Worten sank die Agla in ihrem Käfige ohnmächtig zusammen und ächzte darinnen.
   09] Fungar-Hellan ließ hier sogleich den Käfig öffnen und herausheben die Agla und ließ sie laben mit guten Spezereien, worauf sie sich wieder erholte.
   10] Als sie wieder zu ihren Lebenskräften kam, da sprach der Fungar-Hellan zu ihr: »Agla ist das dein lebendiger Ernst, daß du lieber sterben möchtest, als nun wieder in den Käfig zurückkehren? Siehe, hier ist ein scharfer Dolch, und dort der Käfig! Wähle nun ernstlich zwischen beiden!«
   11] Bei diesen Worten enthüllte Agla sogleich ihre Brust und sprach mit etwas bebender Stimme: »Siehe, hier schlägt das Herz, das vielfach betrogene und gefangene; erlöse es mit dem Stahle in deiner kräftigen Hand!«
   12] Hier warf Fungar-Hellan den Stahl von sich und sprach zum Mahal: »Damit habe ich deiner Tochter alles vergeben; Gott und du aber möget weiter mit ihr verfügen!«
   13] Und der Mahal sprach: »Wenn du ihr alles vergeben hast, so sei ihr auch von mir aus alles vergeben! Aber hier bleiben kann sie nicht, sondern sie muß mit uns ins Feld ziehen!«
   14] Damit war Fungar-Hellan zufrieden; die Agla aber fiel vor ihrem Vater nieder und weinte ob solcher Gnade an ihr, daß sie darob ganz schwach ward.
   15] Alle aber waren erfreut ob solcher Besserung der Agla.


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