Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 262. Kapitel: Wut der Königin Agla. Ihre Besänftigung durch den schlauen Hauptmann. (23.04.1844)

   01] Als die getreuesten Knechte der Königin mit ihrer starken Truppe zu ihrem nicht geringen Erstaunen die Wohnung der Göttinnen der Schönheit ganz leer erschauten, da kehrten sie alsbald wieder um und berichteten das der Königin.
   02] Die Königin aber, solches erfahrend, raste wie eine Tausendfurie auf und fing an, förmlich zu schäumen vor Wut, und schwor, die bitterste Rache an dem Generaloberpriester auszuüben.
   03] Der Hauptmann der Knechte der Königin aber, da er ein sehr schöner Mann und von der Königin heimlich sehr wohl gelitten war, erbat sich die Gnade, einige Worte mit ihr allein reden zu dürfen.
   04] Die Königin gewährte ihrem Lieblinge gern, was er sich von ihr erbat, und behieß ihn, ihr nachzufolgen in ein kleines Seitenkabinett.
   05] Der Hauptmann folgte der Königin ungemein gerne; und als er sich mit ihr allein befand, da wollte sie sogleich erfahren, was da seine Absicht wäre, darum er mit ihr allein zu reden wünsche.
   06] Der Hauptmann aber, anstatt sogleich Rede und Antwort zu geben, zog sich in aller Schnelle ganz nackt aus und sagte dann zur Königin:
   07] »Allerhöchste Gebieterin über mein Leben und über meinen Tod! Nur in diesem Zustande kann ich allerwahrhaftigst mit dir reden; denn so nackt, als ich jetzt vor dir stehe, also nackt wahr ist auch das, was ich dir nun sagen werde! Und so wolle mich denn bei meiner unendlichen Liebe zu dir, reizendste Königin, anhören:
   08] O Königin, du Tausendsiegerin über mein Herz! Du, von deren Hand zu sterben schon die größte Wollust sein müßte, Königin, die du mir alles bist, um alles, was dir angenehmst und teuerst ist in der Welt, bitte ich dich, gehe ja um deiner und meiner Seligkeit willen nicht länger mit Racheplänen gegen den General der Priesterschaften um; denn da kannst du tun, was du nur immer willst, so wirst du überall zu spät kommen!
   09] Meinst du, mein Leben, Königin, dein Gemahl hat etwa die Gewalt in seinen Händen? Oh, da bist du in großer Irre noch! Ich sage dir: Gurat ist nur der Namensträger und steht als König in großem Ansehen nur als ein innigster Busenfreund des Generals. Wehe aber uns allen, so wir es durch eine Wendung dahin bringen, daß darob der General zu unserm Feinde wird!
   10] So nackt ich jetzt vor dir stehe so wahr und gewiß sind wir dann auch samt dem Könige in wenigen Minuten verloren! Schon jetzt stehen bei fünfmal hunderttausend Krieger um den großen Palast des Generals in Schlachtordnung aufgestellt; ein Wink von ihm und wir sind in einer Stunde nicht mehr!
   11] Er hat nun schon mehrere Tage den König nicht besucht und läßt ihn auch nicht zu sich kommen, obschon dieser soeben wieder einen neuen Versuch macht, den General wieder für sich zu gewinnen. Ja, er will dich selbst dem General zum Geschenk machen, so ihm dieser nur seine Freundschaft zusagen möchte!
   12] Daraus, Königin, aber kannst du die Macht und Größe des Generals abnehmen und erkennen, wie gefährlich dein Plan gegen den General ist!
   13] O Königin, töte mich, wenn ich dich durch diese meine nackte Wahrheit beleidigt habe; aber ich konnte der Macht meiner Liebe zu dir nimmer widerstehen, dich zu warnen vor dem, was dir den völligen Untergang bereiten könnte!«
   14] Die Königin erschrak hier zum ersten Male und sprach: »Mein lieber Hauptmann, ich danke dir für diese Warnung! Aber nun verlange ich auch einen Rat von dir, was da zu machen sein wird, daß ich nicht in des Generals Gewalt falle!«
   15] Und der Hauptmann sprach: »O Königin, laß mir heute Zeit, zu sorgen für dich, und morgen werde ich dir einen Ausweg zeigen!«
   16] Darauf umarmte er die Königin, zog sich wieder an und begab sich dann wieder in den großen Saal; aber die Königin blieb im Gemache zurück und begehrte ihre Zofen.


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