Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 52. Kapitel: Volksgedränge auf dem Berge. Lamechs Verlegenheit wegen des nahenden Sonnenunterganges. Rat und Rede des weisen Mannes über die wahre Tempelweihe. (02.06.1843)

   01] Als so alles frei und ohne den allergeringsten Zwang auf dem Berge, dessen Plateau groß genug war, um einige tausend Menschen zu fassen, angelangt war - und natürlich eine große Menschenzahl noch um vieles eher, ihrer Schaulust und Neugierde zufolge, als der Lamech mit seinem Gefolge -, da war bei seiner Ankunft der große, herrliche Tempel auch also sehr umlagert, daß es da keine Möglichkeit war, zum Tempel zu gelangen.
   02] Den Lamech aber brachte das in eine große Verlegenheit darum, weil die Sonne ihrem Untergange schon sehr nahe war, und es ward doch zur Bedingung gesetzt, den Tempel einzuweihen beim Lichte der Sonne.
   03] Er wandte sich daher auch alsbald an den Henoch und fragte ihn: »Bruder Henoch, du weisester, alleiniger Hoherpriester des Herrn, was wird hier zu machen sein? Siehe, die Sonne neigt sich schon ganz gewaltig ihrem völligen Untergange zu, und es ist also keine Möglichkeit, zum Tempel zu gelangen! Wie wird es da mit der bedingten Einweihung aussehen, so wir dieselbe noch vor dem völligen Untergange vornehmen sollten?'
   04] Der Henoch aber sagte zum Lamech: »Bruder, ich meine, das Hindernis für und vor uns, das uns den Weg zum Tempel abschneidet, ist mehr wert als der Tempel; denn hier sind tausend lebendige Tempel der Liebe und Erbarmung aus Gott, dort aber nur ein toter aus Stein!
   05] Wie wäre es denn, so wir diese Tempel fürs Leben aus Gott einweihten, da sie wahrhaftige Tempel sind, und dächten uns dabei: Der tote Tempel wird also am wirksamsten - nämlich durch diese unsere vielen Brüder und Schwestern - und auch auf das doch sicher allergültigste vor Gott eingeweiht werden! Was meinst du in dieser Hinsicht.
   06] Der Lamech stutzte ein wenig und sagte dann zum Henoch: »Ja, geliebtester Bruder, du hast freilich wohl recht, und ich begreife deine große Weisheit in diesem Punkte! Aber siehe nur den Stand der Sonne an! Wenn ihre Gegenwart eine Bedingung dieser wie immer gearteten Tempelweihe ist, so werden wir sie heute doch wohl nicht vornehmen können und werden diese erhabene Handlung auf den morgigen Tag verschieben müssen! Wird es nicht also ausfallen müssen?«
   07] Und der Henoch entgegnete dem Lamech: »Bruder, siehe, gerade hinter deinem Rücken steht der weise Mann! Frage auch Ihn einmal wieder um Rat, was da zu tun sein wird, und ich selbst werde mich fügen in Seinen Ausspruch!
   08] Und der Lamech tat sogleich, was ihm der Henoch geraten hatte.
   09] Der weise Mann aber erwiderte darauf dem Lamech: »Lieber Freund und Bruder! Die Weihe, wie sie dir der Henoch angeraten hat, ist die allein rechte Weihe des Tempels vor Gott was aber da betrifft die nun bereits untergehende Sonne, die ihr Licht nur über die tote Materie hin ergießt, so ist an ihrer Gegenwart eben nicht so viel gelegen, als du glaubest hinsichtlich der Tempelweihe.
   10] Denn es gibt noch eine andere, viel wirksamere Sonne - welche da gemeint ward von Mir und vom Henoch - als diese natürliche, und diese steht dir jetzt gerade am Zenit und ist für jetzt gar ferne noch dem völligen Untergange.
   11] So aber diese Sonne am Mittagshimmel deines Geistes leuchtet lebendig, wie sie schon von Ewigkeiten her geleuchtet hat, da magst du ja allzeit vollgültig vor Gott und vor allem dem Volke - durch eben das Volk nach dem Rate Henochs den Tempel weihen, und wäre es der äußeren Zeit nach auch um die Mitte der Nacht.
   12] Denn siehe, Gott zählt nicht die Tage und die Jahre der Welt - denn tausend Jahre sind vor Ihm wie ein einziger Tag -; aber die Gedanken deines Herzens zählt Er, und da hat ein liebeguter mehr Wert vor Ihm als tausendmal tausend Jahre und Tage der Welt!
   13] Also achte du nicht der äußeren Zeit, die da unabänderlich gerichtet ist für den gerechten Bedarf der Lebendigen auf der Erde, sondern achte das lebendige Herz des Menschen, welches da ist ein wahrer Tempel des Lebens aus Gott.
   14] Laß deine Sonne auch vor dem Herzen deiner Brüder und Schwestern leuchten, und du wirst dadurch auch allzeit Gott wohlgefällig sogar in der dichtesten Nacht der Erde am hellsten Tage in dir wandeln und handeln!
   15] Siehe, die Sonne, die nun schon untergegangen ist, ist auch eine gar große Welt, und die auf ihr wandeln, haben einen ewigen Tag; wenn du aber im Lichte deiner Geistessonne wandelst, so wirst du gleicherweise nie eine Nacht in dir gewahren, sondern wirst wandeln im ewigen Tage deines Lebens aus Gott!
   16] Also aber auch weihe diesen Tempel in den Herzen dieses Volkes, und deine Weihe wird gerecht sein vor Gott!
   17] Segne sie als Brüder und Schwestern, und Gott wird in deinem Angesichte Selbst segnen den Tempel, der da erbaut wurde durch die Hände der Menschen! - Siehe, also stehen die Dinge, und also handle denn nun auch! Amen.«


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