Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 44. Kapitel: Natürliche, seelische und geistige Sättigung. Langeweile als Hunger der Seele, und Wißbegierde als Hunger des Geistes. (22.05.1843)

   01] Und der Redner am andern Tische sprach weiter: »Das Wort, lebendig kommend aus unserm Herzen, ist es aber, das Ich als die Vorbereitung der Liebe zu Gott, welche da ist die wahre Kost für den Geist, bezeichnet haben will.
   02] Ich sage euch: Das Wort, ja das lebendig wahre, rechte Wort aus dem Grunde unseres Herzens, ist alles in allem; es durchdringt die Materie, löst sie auf in Geistiges und nährt dann mit der Auflösung der Materie den Geist.
   03] Das ist's aber dann - wie Ich ehedem schon bemerkt habe -, daß nämlich der Geist nur den Geist, wie die Seele die Seele und die Materie die Materie nährt.
   04] Denn das Wort in uns, als der sich hell aussprechende Gedanke im Herzen, ergreift die Materie, teilt sie und beschaut sie in ihrem Wunderbaue. In dieser Beschauung sättigt sich schon die Seele; denn das entzückende Gefühl der Seele an der Beschauung wunderbar schöner Formen ist ihre Sättigung!
   05] Es ist aber vom Schöpfer der Mensch durchaus also eingerichtet, daß da die Sättigung des einen Teiles allzeit die sichere Erhungerung des andern mit sich bringt.
   06] Um solches aber so recht in der Tiefe zu fassen, soll uns ein Beispiel recht wohl behilflich sein, und so habt denn guten Herzens acht!
   07] Wenn ihr dem Leibe nach hungrig seid, da lechzt ihr alle nach einer guten Mahlzeit, und befindet ihr euch dann bei einer gut besetzten Tafel, da seid ihr dann auch voll Lust; denn ihr könnet euch nun den quälenden Hunger stillen.
   08] Wenn es aber hieße: Ihr müsset volle acht Tage an der Tafel sitzen bleiben, oder einen Monat, oder gar ein Jahr, - saget, würde euch dabei nicht die entsetzlichste Langweile verzehren?!
   09] Ja, Ich sage euch, Meine geliebten Freunde, Brüder und Schwestern, ihr würdet in solch einem Falle sicher zu verzweifeln anfangen!
   10] Weil denn aber solches doch sicher der Fall sein würde, so kann Ich ja fragen: Warum da die Langweile, die Verzweiflung, da der Leib gesättigt wird?
   11] Weil die Sättigung des Leibes die sichere Erhungerung der Seele bewirkt, welche sich allzeit in der bitter empfundenen verzweifelten Langweile ausspricht!
   12] Was wird man denn aber anstellen müssen, um nach der Sättigung des Leibes auch zu sättigen die Seele?
   13] Man steht von der Tafel auf und begibt sich ins Freie, zum Beispiel auf einen kleinen Berg, oder in einen schönen Garten, allda sich dann die Seele sättigt an den schönen Formen, an dem Gesange der Vöglein und an den ätherischen, also seelischen Wohlgerüchen der Blumen, und an mehr derlei Annehmlichkeiten für die Seele.
   14] Wenn jemand aber dergleichen lange genug betrachtet hat und hat dadurch hinreichend gesättigt seine ehedem hungrige Seele, da werden ihn alsbald auch diese herrlichen Speisen wieder anfangen für die Seele zu langweilen, und er wird sich bald entweder nach Hause zu sehnen anfangen, um seinem durch die Sättigung der Seele hungrig gewordenen Leibe wieder eine neue Stärkung durch einen guten Bissen zu verschaffen, oder es wird sich im bessern Falle der Geist zu rühren anfangen und wird durch die Seele dem Leibe sagen: ,Mich hungert es gewaltig!'
   15] Wie aber wird sich dieser Hunger aussprechen? - Durch eine stets mehr und mehr brennende Wißbegierde.
   16] Er wird die Materie und ihre schönen Formen begreifen wollen; denn sie sind also für ihn nicht genießbar, - sie müssen aufgelöst werden durchs Feuer, Licht und genügende Wahrheit.
   17] Was aber ist das Feuer? Es ist die begierliche Liebe. Was ist das Licht? Es ist der sich im Herzen klar aussprechende Gedanke. Was ist die Wahrheit? Sie ist das aus dem Feuer und dem Lichte hervorgehende und ausgesprochene Wort!
   18] Durch dieses Wort ergreifen wir denn dann diese feste Materie und ihre liebliche Form, lösen die Materie auf, und finden in der aufgelösten Materie die Bedeutung und den geistigen Sinn der Form.
   19] Dadurch wird unser Geist dann entzückt, und diese zufriedene, selige Entzückung ist dann aber schon auch die stärkende Sättigung für den Geist; denn er findet darinnen seine Heimat, seine Ruhe, seinen Stoff; seinen Ursprung und in diesem seine wahre Liebe zu Gott und die allmächtige Liebe Gottes zu ihm!
   20] Da fällt der Geist dann in aller Liebe und Demut nieder vor der unendlichen Liebe Gottes, dankt Gott und betet wahrhaftig zu Gott, und Gott ist dann seine Hauptsättigung zum ewigen Leben.
   21] Also wollen wir denn auch die Werke Gottes betrachten und suchen Seine große Liebe und Erbarmung darinnen. Und hat jemand etwas gefunden, so lasse er es in guten, wahren Worten vernehmen dann allen seinen Brüdern, und er und sie werden dann erbaut werden im Geiste und in der Wahrheit, und diese Erbauung ist denn dann die wahre, lebendige Kost für den Geist, durch welche er kräftig wird zu wirken in der Liebe zu Gott, welches Wirken aber dann auch ist das wahre, ewige Leben!«
   22] Hier hielt der Redner inne. Es erstaunte aber alles Volk über seine Weisheit, und der Lamech ward beinahe außer sich.
   23] Aber der Henoch beruhigte ihn und sagte: »Gedulde dich nur, denn der Redner ist noch nicht zu Ende; wenn Er aber wird ausgeredet haben, dann erst wollen wir - wie ich schon bemerkt habe - darüber ein paar Worte sprechen!«


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