Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 43. Kapitel: König Lamechs Staunen wegen der Worte des unbekannten Gastes. Die Rede des Unbekannten über die zweifache Nahrung des zweifachen Menschen. (20.05.1843)

   01] Der Lamech aber wußte nicht, was er in der Schnelligkeit tun sollte. Er wandte sich darum alsobald an den Henoch und sagte zu ihm: »Höre, du mein geliebtester, erhabener Freund und Bruder in aller Liebe des Herrn, dieser Mensch spricht ja, als wenn er auch zu einem Führer vom Herrn aus erwählt wäre!
   02] Fürwahr, solche Worte hätten auch deinem Munde durchaus keine Schande gemacht, und ich selbst würde mich für endlos glücklich preisen, wenn mein Mund ähnlichermaßen einer solchen Rede fähig wäre; aber da hat's eben bei mir noch einen überaus starken Haken!
   03] Sage mir doch, du mein geliebtester Henoch, so es dir gut deucht: Sollen wir diesen überaus weisen Redner nicht alsobald an unsern Tisch ziehen?!
   04] Und der Henoch erwiderte dem Lamech: »Wenn aber du, mein geliebter Bruder, solches tust, wirst du dadurch nicht diesem Tische mehr Ehre einräumen, als sie da hat der andere Tisch?!
   05] Darum meine ich, es ist genug, so wir Seine Worte wohl behorchen und ihren guten Sinn in uns behalten!
   06] So du dieses ein wenig überdenkst, da sage mir dann, ob du damit nicht auch einverstanden bist; derin hier bist du zu Hause und sollst doch auch einen freien Willensrat haben in dir und danach handeln!«
   07] Hier sann der Lamech ein wenig nach und kam bald mit folgenden Worten heraus, welche also lauteten: »O liebster, herrlicher Bruder Henoch, was soll ich da noch nach meinem Willensrat handeln, wo ich auf den ersten Augenblick ersehe, wie aus deinen Worten eine nur zu sehr leuchtende Weisheit strahlt?!
   08] Daher will ich mir den Redner bloß nur recht gut merken und will ihn erst nach der aufgehobenen Mahlzeit an mich ziehen und mich mit ihm in eine nähere Bekanntschaft setzen! Ich meine, das wird doch wohl nicht gefehlt sein?«
   09] Und der Henoch sprach zum Lamech: »Geliebtester Bruder, tue das, was du dir vorgenommen hast, und es wird recht und billig sein vor Gott und aller Welt!«
   10] Nach dieser Rede Henochs erhob sich wieder der Gast am andern Tische und fing an, also zu sprechen, und seine Worte lauteten:
   11] »Freunde, Brüder und Schwestern! Wir haben uns alle bestens gestärkt an dieser guten Mahlzeit. Unsere Glieder zucken darob vor freudigem Wohlgefühle, und unsere Seele hat nun eine leichte Mühe, dem Leibe eine wohlgeschmeidige Regsamkeit zu geben. Dafür sei dem erhabensten, heiligen Geber aller guten Gaben aller Dank auch und alle unsere Liebe allzeit und ewig!
   12] Aber es ist der Leib nicht die Hauptsache des Menschen, sondern nur ein werkzeugliches Mittel zur Erreichung des ewigen, heiligen Zweckes, welcher da steht im Grunde der ewigen, göttlichen Ordnung.
   13] Wenn es sich aber mit unserem Leibe notwendig doch also nur und unmöglich anders verhält, so ist es ja doch sonnenklar, daß dann im Menschen ganz etwas anderes, also noch ein ganz anderer, höherer Mensch stecken muß, um dessentwillen so ganz eigentlich der Leib, den wir alle jetzt so recht tüchtig abgefüttert haben, da ist, und um dessen vorteilhafteste Ernährung wir demnach denn auch allzeit am allermächtigsten besorgt sein sollten.
   14] Ihr saget nun sicher unter euch so in euren Herzen: ,Das wäre freilich wohl sehr gut und nützlich; wenn man aber nur auch sogleich wüßte, womit man so ganz eigentlich den innern Menschen ernähren sollte!
   15] Wir sehen wohl auf der Erde allerlei Früchte für den Leib erwachsen und reifen; aber einen Baum, auf dem da Früchte zur dienlichen Ernährung des innern Menschen wachsen und reifen möchten, vermögen wir nicht ausfindig zu machen!'
   16] Das ist richtig, Meine geliebten Freunde, Brüder und Schwestern; aber Ich will euch hier etwas anderes sagen, und so höret denn:
   17] Sehet, der Herr hat alles also geordnet, daß da die Materie sich ernährt aus der Materie, die Seele aus der Seele, die Liebe aus der Liebe und der Geist aus dem Geiste!
   18] Die Liebe aber ist des Geistes Grund und des inneren Menschen allereigentlichstes Wesen, und wir können demnach unserem inneren Menschen keine bessere Nahrung verschaffen, als wenn wir ihn sättigen mit der Liebe zu Gott. Durch diese Liebe wird er kräftig und mächtig und wird ein Herr in diesem seinem Hause werden, welches da ist die unsterbliche Seele und der sterbliche Leib.
   19] Es müssen aber die Speisen für den Leib entweder schon von der Natur oder durch die Kochkunst der Menschen vorbereitet werden, auf daß sie genießbar sind; so denn muß auch um so mehr die Kost für den Geist bestens vorbereitet sein!
   20] Das Wort in uns aber ist diese Vorbereitung der Kost des Geistes; darum wollen wir denn auch mit dem Worte die Kost vorbereiten und dann erst stärken mit ihr unsern Geist!"
   21] Hier zupfte der Lamech den Henoch und sagte zu ihm: »Bruder, was sagst denn du dazu? Der redet ja wie ein Prophet!«
   22] Der Henoch aber sagte zum Lamech: »Er ist noch nicht zu Ende; daher wollen wir Ihn weiter hören und dann erst unsere Betrachtungen darüber anstellen! - Er beginnt zu reden; also horchen wir!«

Hierzu eine Anmerkung Anselm Hüttenbrenners (Graz), dessen Abschrift des Lorberschen Originals dieser Auflage zugrunde liegt: Nach dritthalb Jahren (2 1/2 Jahren) beruft sich Jakob Lorber auf den 25. und 26. Vers (in obigem Kapitel: Vers 18 und 19) in einem Schreiben aus Greifenburg in Oberkärnten, datiert vom 25. Nov. 1845, und führt dieselben wortgetreu an, mit Ausnahme der zwei Worte, denn' und ,bestens' im 25. Verse. Das Sonderbare bei dieser Zitation (Sitation) ist, daß Jakob Lorber von diesem großen Werke, das er aus Eingebung niederschrieb, weder das Original noch irgendeine Kopie besitzt. Diese zwei Verse wurden ihm demnach neu eingegeben, und zwar mit Angabe der Original-Bogenzahl 450; oder er trägt all das ihm Geoffenbarte fortwährend geistig anschaulich in sich.«

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