Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 273. Kapitel: Henoch und sieben Boten auf dem Wege zur Höhe. Das Abenteuer mit dem Drachen. Lügenrede des Drachens über Gott und Seine Schöpfung.

   01] Der Henoch, Kisehel, Sethlahem, Joram und die andern vier Brüder, die da hießen Hil, Bael, Julel und Darel, aber wurden nur siebentausend Schritte von der Kraft des Herrn außerhalb der Stadt, wo der Höhe Fuß begann, entrückt.
   02] Allda wurden sie alle dann wieder ihrer eigenen Kraft anheimgegeben und gingen von da Schritt für Schritt die Berge hinan.
   03] Unterwegs aber, als sie ungefähr den halben Weg mochten zurückgelegt haben und gerade an einer großen Gebirgshöhle vorüberzogen, siehe, da kroch alsbald ein mächtiger Drache aus der Höhle und verlegte den Reisenden den Weg.
   04] Seine Gestalt war ein schrecklicher Anblick, und seine Kraft dräute die Berge zu verschlingen; seine Augen waren wie kochendes Erz, sein Rachen gleich einer gähnenden Erdkluft, aus der da hervorbräche ein dichter Qualm, mit dumpfen Flammen untermengt; sein Kopf glich dem eines Wolfes der Form nach, war aber an und für sich größer denn ein Riesenochse; sein Hals aber war gleich dem eines Leviathans, welcher ist des Meeres größtes und mächtigstes Ungeheuer; sein Leib, mit mächtigen Schuppen und flügelartigen, scharfgespitzten Doppelflossen bedeckt und versehen, hatte einen Umfang von sechshundertsechsundsechzig Ellen; seine Füße glichen mächtigen entwurzelten Eichen, und sein Schweif, eben auch sechshundertsechsundsechzig Ellen vom Leibe an lang und mit Schuppen bedeckt, war in sieben Ringe gewunden.
   05] Also sah der Drache schrecklich aus und gebärdete sich, als wollte er unsere Wanderer verderben oder sie wenigstens zu einem Kampfe auffordern.
   06] Da der Henoch aber gar wohl erkannte die arge Natur des Ungeheuers, so sprach er den Drachen folgendermaßen an: »Höre, du Auswurf der Schöpfung, du eigenmächtiger Bildner dieser deiner scheußlichsten Truggestalt, ich kenne deine Wesenheit und kenne deinen Sinn! Mich wirst du ewig nimmer täuschen, also wie du mich bis jetzt nie hast zu täuschen vermocht! Denn meine Liebe zu Gott ist mächtiger als alle deine Kraft, und aus ihr geht ein großes, heiliges Licht hervor, in welchem Lichte du nackt vor mir stehst in aller deiner grundlosen Tücke; aber diese deine arge Tücke ist eine ebenso große Schwäche, die meine Liebe mit einem Hauche verwehen kann.
   07] Solches sei dir offen gesagt, auf daß du erfahrest, vor wem du stehest! Ich, Henoch, der alleinige Hohepriester Gottes auf Erden, aber sage und gebiete es nun dir im Namen meines und deines Gottes und Herrn, daß du weichest von dieser Stelle und zueilest dem Meere deiner grundlosen Bosheit und nie mehr dann betretest diese Gegend, sondern verweilest in deinem Grunde und nährest dich dort vom Schlamme deiner Tücke!
   08] Also weiche und fliehe, und laß es nicht darauf ankommen, daß ich dich anrühren möchte mit meinem Finger; denn da weißt du schon seit gar lange her, welch ein Los dir solch eine Anrührung bereiten dürfte! - Also weiche und fliehe im Namen des Herrn! Amen.«
   09] Hier wandte sich der Drache gen Henoch und sprach mit einer Stimme, wie die da ist einer Hure: »Ja, Henoch, ich kenne dich, und keiner von euch ist mir unbekannt, da ich euch allen bin ein fester Grund vom Anfange!
   10] Denn ehe noch eine Sonne leuchtete am Firmamente, und ehe noch an die Gestaltung der Dinge und Wesen aller Art gedacht wurde, war ich als ein erster Ausgang aus Gott allein da. In mir hat Sich die Gottheit geteilt, und ich war das Licht in Gott; und Gott sah, daß das Licht mächtiger war denn Er und geriet darob in große Furcht vor der Macht des Lichtes.
   11] Dennoch aber ließ Er das Licht Ewigkeiten hindurch heller und heller leuchten, da Er also bedachte, als müsse sich dadurch das Licht verzehren und somit schwächen vor Ihm, auf daß Er in Seiner Wesenheit daraus vollends wieder erstarke.
   12] Ich aber, als das freie Licht in Gott, sah doch gar leicht ein, welchen Plan der ewige Urgott gefaßt hatte und sah auch ein, daß ich bei aller meiner ewig weit gedehnten Macht Seiner Urgrundmacht ewig nie werde trotzen können; daher sprach ich in gar sanften Tönen zu Ihm:
   13] ,Höre, du mein ewiger, unbesiegbarer Urgrund! Da Du Dich vor meiner Macht fürchtest, als wäre sie größer denn die Deine, die mich doch werden hieß, so nimm all dies Dein Licht von mir, und gib mir bloß nur ein Dasein, das Dir gegenüberstehe und Dich betrachte und sich mit Dir bespreche!'
   14] Gott aber, statt mich zu erhören, ergrimmte nur, schuf aus Sich andere Wesen und stellte sie mir als Herren gegenüber und befahl ihnen, mich zu fangen in meinem Zentrum und dann auf allen Punkten der Unendlichkeit.
   15] Also ward ich gefangen ohne Grund. Es wurde mir alles genommen bis auf den Grund meiner Wesenheit, und was du hier siehst, ist alles, was mir allerunschuldigstermaßen belassen ward, - also nichts als diese elendeste Gestalt, das Bewußtsein dessen, was ich war, und die alleinige Fähigkeit, Böses zu tun, damit ja nie ein erbarmender Grund für mich ewig mehr entstehen solle, und dann auch noch dazu die volle Erkenntnis des göttlichen Willens, dazu aber der stets verkehrte Tätigkeitssinn!
   16] Ich bin ein ewig verfluchtes Wesen ohne Grund, bloß weil es Gottes Grimm so haben will; ich muß ein Teufel sein aus dem Zorne Gottes; ich muß darum ewig leiden und von aller Wesenheit verflucht sein, weil es die göttliche Grimm- und Zornlaune so haben will.
   17] O Henoch, ich bin ein gar armseligstes Wesen! Ich muß solches ewig allerbitterst empfinden, und doch ist es mir ewig unmöglich, mich zu bessern! Mir ist alle Möglichkeit zur Umkehr für ewig abgeschnitten, und ich kann diese meine Gestalt nicht ändern! Ich muß lügen und betrügen, um mich einer desto größeren Rache Gottes fähig zu machen! Ich muß das Gute und Wahre begierlichst schauen, muß aber durch den mir eingeschaffenen Grimm nur Böses tun, um dadurch verdammlicher und strafbarer zu werden!
   18] O Henoch, das ist ein arger Zustand für mich! Wird denn meiner sich ewig niemand mehr erbarmen?
   19] O Henoch, schaffe mich daher nicht von hier; mache mich nicht noch unseliger, als ich es ohnehin bin! Kannst du mich aber auf ewig vernichten und verwehen, so tue es, und das Bewußtsein an solche Tat soll dir mein ewiger Dank sein!«


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