Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 245. Kapitel: Henochs Rede über das Wesen der Ernährung. Mahnung zur Mäßigkeit.

   01] Als alle die Vorbenannten nun vollends im Hause Lamechs anlangten, da fragte alsbald der Lamech den Henoch, ob es nicht an der Zeit wäre, ein Mahl zu sich zu nehmen.
   02] Und der Henoch erwiderte dem Lamech: »Bruder, du wünschest es in deiner Natur nach deiner alten Gewohnheit; also laß es auch geschehen nach deinem Wunsche! Doch sei dabei unsertwegen nicht besorgt; denn wir empfinden das Bedürfnis eines Mahles noch nicht, indem wir noch übersättigt sind von der großen Liebe und Gnade des Herrn, die uns an diesem Tage so überschwenglich reichlich zuteil geworden ist!
   03] Denn siehe, nicht allein vom irdischen Brote lebt der Mensch, sondern vielmehr vom Worte Gottes!
   04] So du aber issest das natürliche Brot und wirst dadurch gesättigt und genährt, da frage dich und sage: ,Warum und wie hat mich denn das naturmäßige Brot oder überhaupt die naturmäßige Speise gesättigt und genährt?',
   05] Und du wirst in dir die allzeit überaus vollgültige Antwort bekommen: ,Weil auch all die naturmäßige Leibeskost dem ewigen, allmächtigen Worte Gottes entstammt!'
   06] Nun siehe, wenn dich aber schon das gefestete und hart gebannte Wort Gottes sättigt und nährt, um wieviel mehr wird solches das freie, ungebannte, lebendigste Wort, frisch aus dem Munde Gottes gehend, zu bewirken imstande sein!
   07] Wir selbst entstammen ja dem Worte Gottes, also kann es ja auch für uns ewig nichts Ernährenderes und Sättigenderes geben als eben nur das lebendige Wort Gottes!
   08] Also lebt der Mensch nicht allein vom Brote und aller anderen weltlichen Kost, sondern er lebt vielmehr von jeglichem Worte, das dem Munde Gottes entstammt!
   09] Es soll aber damit gar nicht gesagt sein, als solle der Mensch darum die natürliche Kost nicht genießen, da sie doch Gott darum erschaffen und sogar sichtbar vor uns allen dieselbe mit uns gegessen hat; aber nur zum Hauptbedürfnisse soll sie uns nicht werden!
   10] Siehe, Lamech, auch - solches gehört in die Ordnung der göttlichen Dinge!
   11] Ich sage dir aber: Sei allzeit mäßig im Genusse der naturmäßigen Kost; denn in ihr liegt eine große Versuchung.
   12] Du kannst es mir völlig glauben: Wenn wir das natürliche Brot essen und die Früchte des Erdbodens, so müssen wir dabei sehr behutsam sein, daß wir durch ihre grobe sinnliche Last nicht den unsterblichen Geist erdrücken!
   13] Denn solches magst du schon an den gefräßigen Kindern gar klar erschauen, wie sie eben durch ihre starke Gefräßigkeit sich verdummen und also dann zu nichts geistig Tüchtigem fähig sind, dagegen die stets mehr nüchternen Kinder gar bald feine Denker werden.
   14] Wie aber solches gar leicht ersichtlich bei den Kindern der Fall ist, also ist es auch um so mehr der Fall bei dem erwachsenen Menschen, indem dieser ausgebildeter Leidenschaften fähig ist, die dem Kinde noch fremd sind.
   15] Ich sage dir, lieber Bruder Lamech, in der natürlichen Kost nimmst du Naturmäßiges auf, und dieses wird in dir nicht vergeistigt, sondern es vernaturmäßigt nur deinen Geist; aber im Worte nimmst du Geistiges auf, und dieses sättigt, nährt und stärkt den Geist zum ewigen Leben.
   16] In der naturmäßigen Kost wird der Leib genährt und der Geist gedrückt und zum Fasten genötigt; aber durch die geistige Kost gewinnen beide: der Geist wird kräftig und mächtig und seine Sinne endlos scharf, und der Leib wird dann durch den Geist geschmeidig, genügsam, dauerhaft und wird kräftig erhalten wie ein gut gewebtes Kleid aus feinen, aber in sich desto zäheren und stärkeren Fäden.
   17] In der naturmäßigen Kost ruhen verdorbene Geister, und hat der Mensch deren zuviel in sich aufgenommen, so werden sie dann des eigenen Geistes Meister und untergraben seine Wesenheit gleich also, wie die argen Nagekäfer und Nagewürmer einen Baum untergraben, seine Wesenheit zerstören und ihn endlich wohl ganz zugrunde richten.
   18] Die geistige Kost aber ist dem Geiste ein belebender Regen vom Himmel, unter welchem er gar bald zu einer herrlich kräftigen und wohlduftenden Blume des ewigen Lebens erblühen wird.
   19] Solches also, Bruder Lamech, sollst du auch allezeit beachten und dich und dein Volk danach ziehen!
   20] Da du nun aber solches erfreulich und wohlwillig vernommen hast, also magst du denn auch für uns alle ein gerechtes Mahl richten lassen, - aber mit Maß und Ziel! Amen.«


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