Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 236. Kapitel: Undurchdringliche Volksmenge vor dem Ausgangstor des Palastes. Lamechs Verlegenheit. Liebe und Geduld als Hauptschlüssel bei Hindernissen.

   01] Nach dieser Rede und Lehre verneigte sich der Lamech allertiefst vor der Tafel, nahm sie in seine Hand und trug sie langsamen und wohl abgemessenen Schrittes; denn er dachte nun bei jedem Schritte nach, wer Der ist, der ihm mit dem Henoch folgt, und welch einen Namen er trägt.
   02] Als sie nun aber das große Ausgangstor des Palastes erreichten, da war dieses, wie der ganze große Platz vor dem Palaste, aber mit Menschen also angefüllt, daß es dem Lamech rein unmöglich war, irgend aus dem Tore zu gelangen; denn die im Tore stehenden Menschen konnten nicht zurückweichen, da sie von den außen Stehenden zu sehr gedrängt wurden. Was war da wohl zu machen?
   03] Der Lamech, dadurch in eine große Verlegenheit gebracht, wandte sich an den Herrn und sagte, voll der tiefsten Ehrfurcht zu Ihm:
   04] »O Herr, siehe meine große Verlegenheit und Angst! Was ist da zu machen?
   05] Gewalt brauchen wäre hier am allerunrechtesten Platze und würde auch gar wenig fruchten.
   06] Durch die Macht einer Wunderkraft aus Dir sie zurückdrängen, wäre doch auch unbillig; denn es sind ja doch lauter geladene Gäste und ebenfalls, o heiliger Vater, ja lauter Deine Kindlein!
   07] Und endlich gar bei einem andern Tore hinausgehen, dürfte sich doch wohl gerade für diese heutige ewig allererhabenste Gelegenheit nicht schicken!
   08] Dir aber, o heiliger Vater, werden noch tausend Auswege offen stehen; möchtest Du mir denn nun nicht den besten allergnädigst anzeigen?!
   09] 0, ich bitte Dich vom Grunde meines Herzens darum! Dein heiliger Wille geschehe allzeit wie ewig! Amen.«
   10] Der Herr aber sagte zum Lamech: »Mein Lamech, kennst du noch nicht den Hauptschlüssel, mittels welchem jeder das große Tor des ewigen Lebens sogar für sich eröffnen kann?
   11] Siehe, der Schlüssel heißt die Liebe! Versuchen wir daher mit diesem Schlüssel die Kindlein aus dem Tore zurückzudrängen! Und geht es mit diesem Schlüssel nicht, so gibt es dann noch einen zweiten, und dieser heißt die Geduld; mit der Geduld überwindet man alles!
   12] Also versuchen wir einmal den ersten Hauptschlüssel und halten aber daneben gleichzeitig den zweiten schon auch in der vollsten Bereitschaft, - und sei dadurch versichert, wir werden mit diesen zwei Lebensschlüsseln bestimmt nicht steckenbleiben!«
   13] Hier rief sogar der Henoch laut aus: »O Du heilige Lehre und Du heiliger Lehrer, ja Du, o Vater, bist allein ganz die heiligste, ewig reinste Liebe!«
   14] Der Herr aber sagte zum Henoch: »Ja, ja, Mein geliebter, teurer Henoch, siehe, also müssen wir ja die armen Kindlein, sie auf unseren Händen tragend, unterrichten, damit sie dadurch stark werden und dadurch reich an Liebe, Gnade und ewigem Leben vor uns!
   15] Vermeidet daher auch auf der Höhe alles Gewaltige und erhaben und geheimnisvoll Pomphafte, sondern geht Mir gleich liebevoll klein und schlicht einher, so werden alle Herzen in euch Ruhe finden, wie in Mir durch euch das ewige Leben!«
   16] Hier ging der Lamech hin zu den Menschen, die im Tore standen, und sagte zu ihnen: »Brüder, wenn es euch übrigens möglich ist, so macht uns nur so viel Platz, daß wir einzeln durchkommen können; doch soll niemand von euch an seinem Nachbar eine Gewalt brauchen!
   17] Denn wir wollen ja recht gerne Geduld haben, bis ihr euch gut einverständlich geordnet haben werdet!«
   18] Und alsogleich berichteten die ersten solches ihren Nachbarn, und diese wieder weiter, und das so fort bis zum letzten Mann.
   19] Und es dauerte keine Viertelstunde, daß das Tor gänzlich geräumt ward und nun alle hinreichend Platz hatten, den vorbestimmten Weg ungehindert fortzusetzen.
   20] Nun rief der Herr den Lamech ein wenig zurück und fragte ihn: »Nun, Mein Lamech, was sagst du zu diesen Meinen zwei Hauptschlüsseln?«
   21] Und der Lamech, ganz vernichtet von der großen Güte des Herrn, sagte weinend: »O heiliger Vater! Daß Du nur ganz allein gut und ganz allein die Liebe bist, das kann ich nun sagen! Ich liebe Dich aber nun auch über alles!«
   22] Und der Herr sagte zu ihm darauf: »Also wandle fürbaß! Amen.«


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