Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 232. Kapitel: Rechte Liebe zu Gott. Gleichnis vom Fürsten und seinen Kindern.

   01] Da der Lamech aber solches vom Herrn vernommen hatte, ward er überfroh und heiter in seinem Gemüte und faßte sonach wieder den gehörigen Mut, sich mit einer Frage an den Herrn zu wenden.
   02] Da er sich also gefaßt hatte, so begab er sich alsbald wieder zum Herrn hin und richtete folgende Worte an Ihn, sagend nämlich:
   03] »0 Herr, Du allerliebevollster, allerheiligster Vater! Es ist ewig gut und wahr, daß man nur dann Dir wohlgefällig und angenehm sein kann, wenn man Dich über alles liebt und seine Brüder und Schwestern wie sich selbst;
   04] Wie aber soll die Liebe zu Dir wohl beschaffen sein? Wie kann der schwache Mensch Dich über alles lieben?
   05] Wie soll er das anstellen? Kann und darf er Dich auch also lieben, wie er da liebt seinesgleichen, mit demselben Herzen, mit demselben Gemüte?
   06] Siehe, o heiliger, liebevollster Vater, solches ist wenigstens für mich etwas außerordentlich Wichtiges! Denn Du bist nicht gleich wie ein Mensch; also kann die Liebe zu Dir ja auch keine menschliche sein! Und da Du heilig, überheilig bist, so wird ja auch die Liebe zu Dir eine reinste, geheiligte sein müssen; denn etwas Unlauteres und Ungeheiligtes kann sich Dir ja doch weder auf die eine noch auf die andere Art nahen!
   07] O Herr und über alles heiliger und liebevollster Vater, so es Dein heiligster Wille wäre, da möchtest Du uns denn doch nun ja wohl kundgeben, wie geartet und gestaltet die Liebe von uns aus zu Dir sein soll, auf daß wir Dich dann gerecht zu lieben vermöchten!«
   08]Und der Herr sah den Lamech liebfreundlichst an und sprach zu ihm: »Höre du, nun auch ein wahrer Lamech (der Mann für Mich, oder: der Mann nach Meinem Herzen), wahrlich, solch eine Frage hat noch niemand an Mich gestellt!
   09] Und Ich sage dir, Lamech, daß deine Frage von größter Wichtigkeit ist; denn wahrlich, es liegt alles an dem, wie ihr Mich liebt!
   10] Mit einer ungerechten und somit Meiner unwürdigen Liebe kann und soll sich Mir niemand nahen!
   11] Wie aber mag Ich dir, Mein Lamech, das kundgeben, wie du einen Gott lieben sollst?!
   12] Siehe, es wird sich solches etwas schwer tun lassen; ja Ich meine, es dürfte dir leichter sein, mit deinen viel zu kurzen Armen die ganze Erde und den ganzen Himmel zu umspannen, als zu fassen und zu begreifen das, was da in der vollen Antwort auf deine großwichtige Frage gelegen sein dürfte!
   13] Darum wird es wohl notwendig sein, daß Ich Mich in solch einer Antwort etwas leichter fasse, - und so höre denn:
   14] Ich setze den Fall, ein Vater sehr vornehmen Standes, etwa wie ein Fürst einer der zehn Städte, hätte mehrere Kinder. Diese Kinder wissen die Ordnung, wie sie sich zu ihrem Vater begeben dürfen, nämlich ganz geziemend geschmückt, gemessenen Schrittes, die Hände kreuzweise über ihre Brust gelegt und das Haupt demütigst zum Boden gesenkt.
   15] Wenn diese Kinder also vor den fürstlichen Vater kommen, da belobt er sie und entläßt sie dann.
   16] Eines unter den Kindern, ein rüstiger Knabe, aber ist ganz keck, erscheint nicht mit den abgerichteten Kindern - denn solches bringt er nicht über sein Herz, welches den hohen Vater zu sehr liebt -, sondern kommt ganz allein zum Vater gerannt, ist sonst auch mehr nachlässig in seiner Kleidung.
   17] Wenn aber dieser Knabe den Vater ersieht, da breitet er seine Arme aus, umfaßt ihn mit aller kindlichen Liebeglut und schreit dabei: ,O Vater, Vater! Du mein lieber Vater, wie sehr doch liebe ich dich!
   18] Siehe du, mein herrlicher, lieber, guter Vater, ich liebe dich zu sehr, als daß es mir möglich wäre, mich vor dir in den gesetzlichen höflichen Schranken zu bewegen!
   19] Ja, ich will eher sterben, als vor dir, o mein Vater, meinem Herzen einen unterdrückenden Liebezwang antun!
   20] Ich setze aber nun den Fall, du wärest der Vater solch eines Kindes, was würdest du, rein nach deinem Vatergefühle geurteilt, da einem solchen Kinde wohl tun?
   21] Du sprichst: ,Oh, das würde ich auch über die Maßen lieben!'
   22] Gut geantwortet! Ich sage dir aber, gerade ein solcher Vater bin Ich auch! Wer demnach auch zu Mir kommt wie dieser kecke Knabe, alle die zahllosen törichten Höflichkeitsschranken übersteigend, der wird auch Mir der allerliebste Sohn sein!
   23] Gott kannst du für Sich nicht lieben; aber den Vater kannst du lieben gleich dem kecken Knaben, und Gott als der Vater wird dann dich auch mit aller Macht Seiner Liebe ergreifen und wird dich setzen in Seinen Schoß als ein wahres Ihm über alles teures Kind, und wird all den andern dann deinetwegen gnädig sein und ihnen erlassen die leere Höflichkeit!
   24] Siehe, das ist die rechte Liebe; solche also beachte! Amen.«


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