Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 216. Kapitel: Lamechs Selbsterkenntnis. Die Liebe als der rechte Weg zu Gott. Lamechs Bitte um ein weiteres Gleichnis und Kisehels weiser abschlägiger Bescheid.

   01] Als der Lamech solches vom Kisehel vernommen hatte, da ward er wie von einer hellen Flamme durchleuchtet und erwärmt und rief nach einer kurzen Weile also aus, sagend nämlich:
   02] »O du mein lieber Bruder und Freund! Was überaus Großwichtiges und unaussprechlich Herrliches hast du mir jetzt aus deiner dir von Gott verliehenen Weisheit kundgetan!
   03] Ja, jetzt sehe ich es erst vollends ein, wo es bei mir und uns allen am allermeisten gesteckt hat! Wir suchten Gott zwar in allen Ecken und Winkeln in der sogenannten Gerechtigkeit, sollten daraus in eine beschauliche Weisheit gelangen und uns dadurch Gott erschaulich machen, haben aber dabei anfangs schon als eine schweigende Bedingung im Hintergrunde folgendes aufgestellt:
   04] »Wenn Gott irgend Einer ist, so muß Er Sich auf diese Art finden lassen, und zwar beschaulich; läßt Er Sich aber auf diese Art nicht finden, so ist Er entweder gar nicht, oder Er ist irgendein Schwächling!
   05] Und eines wie das andere berechtigt uns dann, uns selbst zu einem Gotte aufzuwerfen!'
   06] Ich habe einst bald darauf, als mich mein schon mehr denn halbgöttlich sich dünkender Hochmut an meinen Brüdern den Greuel begehen ließ, zwar wohl in aller Wahrheit vernommen ein göttliches Wort, welches mich, den sich ob der verübten Greueltat sehr Beängstigten, in den Schutz nahm; aber da solches Wort auf mich eben also sanft und überaus gutartig erging, so brachte am Ende meine Weisheit den überaus ärgerlichen Schluß zuwege: also sei Gott zwar wohl vorhanden, aber Er müsse ein Schwächling sein, habe Furcht vor mir und getraue Sich mir nicht zu nahen!
   07] Dieser Schluß war dann der Grund zu aller meiner Scheußlichkeit die dir wohlbekannt ist.
   08] Du hast mir zwar schon so manches gesagt, aber so hell war mir noch keines deiner Worte, daraus ich hätte also klärlichst erschauen mögen, welch ein Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen obwaltet, als gerade aus diesem!
   09] Nun erst erschaue ich die ganze Fülle meines Irrtums!
   10] Wer sonach von Gott nur etwas Weniges gehört hat, der kann Ihn auch schon lieben, kann sich stets mehr stärkend üben in dieser Liebe, damit sie gar bald der allermächtigste Grund seines Lebens wird.
   11] Und wenn sie solches ist geworden, dann hat auch der Mensch sich dem allmächtigen Gott auf die alleinig gerechte Weise genähert, und Gott wird Sich ihm zu erkennen geben nach der Gerechtigkeit der alleinigen Liebe, die des Menschen Herz, Seele und - Geist alleinig nur für Gott zu beleben vermag!
   12] Da ich aber solches nun klar fasse aus deinen Worten, so möchte ich dich denn noch um ein ähnliches Beispiel gar bruderfreundlichst bitten, auf daß mir dadurch diese heilige Lehre desto fester würde und ich auch noch mehr ähnlich herrlichsten Stoff hätte zur Belehrung gar vieler armen Sünder, die da teils durch mich, teils aber auch durch ihren eigenen Willen auf Abwege geraten sind!«
   13] Und der Kisehel erwiderte dem Lamech darauf und sagte zu ihm: »Lieber Bruder Lamech, du hast mir durch diese deine wahre Herzensbitte eine der allergrößten Freuden bereitet, wie überhaupt durch dein ganzes gegenwärtiges Benehmen!
   14] Ich möchte dir darum ja auch noch tausend solcher Beispiele kundgeben; aber siehe, es ist solches nun bei dir nicht vonnöten!
   15] Du hast die Wahrheit dadurch in der Tiefe erschaut; alles andere aber wird dir die Liebe zum Herrn schon ohnehin in der reichlichsten Fülle bieten! Des sei völlig versichert!
   16] Siehe aber: So es in dir noch Nacht wäre, so hättest du den Grund der Wahrheit schwerlich erschaut!
   17] Denn so in der Nacht noch einige Sterne mehr oder weniger am Firmamente schimmern, so macht solches den Boden der Erde nicht heller und du wirst bei solchem Lichte schwer unterscheiden, was da auf dem Boden liegt.
   18] Wenn aber die eine Sonne aufgegangen ist, da bedarf es der Sterne nimmer, wie zweier Sonnen nicht; denn der einen Licht ist stark genug, um alles zur Übergenüge zu erleuchten!
   19] Daher auch begnüge du dich einstweilen mit der einen Sonne, bis die wahre, lebendige in dir selbst aufgehen wird!
   20] In dieser Sonne Strahlen aber wirst du dann schon ohnehin alles in höchster Überfülle treffen, was dir nötig sein wird!
   21] Und so laß uns denn ziehen zur Stadt, da schon gar viele unser harren! Amen.«


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