Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 199. Kapitel: Trugerscheinung der falschen Naeme. Lamech und Thubalkain in Versuchung und Zweifel.

   01] Es braucht hier kaum näher erwähnt zu werden, in welche Seligkeit die beiden durch die letzten Worte Kisehels versetzt worden sind; denn solches läßt sich leicht aus dem Vorhergehenden erkennen. Darum wollen wir auch sogleich zu einer anderen Erscheinung uns wenden. Diese Erscheinung wird sich hier zwar nicht viel anders ausnehmen, als der Pontius Pilatus im sogenannten Glaubensbekenntnisse; allein das tut nichts zur Sache, - denn auch sie gehört zur Ordnung der Dinge. Was war denn hernach das für eine Erscheinung? - Nur Geduld, sie wird noch früh genug kommen!
   02] Ihr wisset es, was früher der Kisehel dem Thubalkain angekündigt hatte, nämlich so manche Versuchungen und Prüfungen und ein läuterndes und festigendes Feuer. Sehet, das ist, so hier zuerst in die Erscheinlichkeit tritt!
   03] Es ist euch nur zu bekannt, wessen Geistes Kind ehedem der Lamech war und wessen getreuester Diener und Knecht. Solange der Feind des Lebens noch merkt, daß seiner übersicher gemeinten Beute keine wirkliche Gefahr droht, so lange auch macht er sich aus allen den Bekehrungen nicht viel.
   04] Wenn er aber sieht und gar wohl zu gewahren anfängt, daß seiner Beute die größte Gefahr droht, da fängt er auch alsbald an, sich gar gewaltigst zu rühren und zu kämpfen um sein vermeintes Eigentum.
   05] Und eben das war auch hier der Fall also, wie es heutzutage bei gar sehr vielen Menschen der Fall ist, die sich schon einmal von ihm, dem großen Lebensfeinde, in irgend etwas haben verstricken lassen.
   06] Solche Menschen sind oft schon wie die Tugend selbst; nur gewöhnlich eine schwache Seite haben sie noch und wissen aber nicht, daß diese schwache Seite eigentlich eine so starke Seite ist, daß sie, wenn sie nur im geringsten berührt wird, alsbald aller guten Seiten Meister wird und dieselben mit der leichtesten Mühe von der Welt besiegt und mit sich reißt.
   07] Wer solches etwa übertrieben finden möchte, der fasse nur einmal einen solchen Tugendhelden bei einer solchen schwachen Seite, und er wird es bald finden und nur zu bald unwiderlegbar erfahren, wie stark eine solche schwache Seite ist!
   08] Ich will, um diese wichtige Sache heller zu machen, sogar ein Beispiel anführen: Nehmen wir einen Menschen, der sich schon in allem Möglichen besiegt hat; aber eine schwache Seite hat er dennoch, und diese achtet er ihrer Geringfügigkeit halber gar nicht, denn sie besteht ja nur darin, daß er manchmal gerne Besuche abstattet und auch eine rechte Freude hat, so ihn jemand besuche. Die Sache scheint so unschuldig als nur immer möglich zu sein.
   09] Wenn wir aber diese schwache Seite näher beleuchten wollen, so ist sie nichts anderes als noch ein tüchtiger Strick des Satans.
   10] Dieser lauert, wenn er einmal mit jemandem in Verbindung ist, genau ab, wann sich dem Geiste des Menschen etwas besonders radikal Heilbringendes naht.
   11] Ist solches der Fall, so zieht er an dem Stricke, die schwache Seite wird zur starken, und unser Tugendheld geht mit aller seiner sonstigen Tugendfülle, dahin ihn die schwache Seite zieht, und entgeht auf diese Weise allzeit der guten Gelegenheit, in der er von Mir einen näheren Besuch zu seiner Heiligung hätte empfangen können. Und so eine schwache Seite bleibt dem Menschen oft bis zum Grabe, was freilich wohl recht traurig ist!
   12] Also hatte auch unser Lamech eine Menge solcher schwacher Seiten noch, die er bei seiner Umkehr nicht zu achten der Mühe wert fand.
   13] Da aber seine Liebe zu Mir auf einmal gewaltig wurde, so litten im Feuer dieser Liebe auch die argen Stricke, indem (so daß) sie entzweigebrannt wurden und der Feind des Lebens dann nichts mehr hatte, woran er seine sicher geglaubte Beute hätte halten und ziehen können. Was war nun da zu tun?
   14] Nichts, als List und - bei Mißglückung derselben - Gewalt zu gebrauchen!
   15] Und so geschah es denn auch. Als der Kisehel mit den beiden sich den anderen sechsen nahte, da stürzte auf einmal die Naeme wie verzweifelnd zur Türe herein, rang lange Zeit mit den Händen und rief, nachdem sie sich etwas erholt hatte, mit der Stimme einer Verzweifelten:
   16] »Vater Lamech, - du bist verraten und verloren! - Ich habe auf der Höhe alles vernommen, welche Falle man dir gelegt hat!
   17] Ich eilte darauf, mein Leben nicht achtend, von Löwen, Tigern und den Bewohnern der Berge verfolgt, um dir noch frühzeitig den verruchten Plan mitzuteilen.
   18] Allein, - ich kam zu spät! Denn, wie ich sehe, bist du schon eine Beute der schrecklichen Zauberer der Berge!
   19] Aber hattest du in deiner Weisheit das nicht eingesehen, daß von den Bergen noch allzeit alles Unheil zu uns und über uns gekommen ist, - und doch hast du dich diesmal so grausamlichst berücken lassen und ziehen in die schrecklichste Falle deines Verderbens!
   20] Hier wandte sie sich, erblickte den Thubalkain und tat einen heftigsten Schrei: »Thubalkain, mein Bruder, mein Gemahl! - Auch du ein Opfer des schändlichsten Verrates?! - Ja, - auch du! - Jetzt ist alles verloren!
   21] Tötet mich, tötet mich, - damit ich nicht mit euch Zeugin sein muß von eurem schrecklichsten Untergange!«
   22] Hier verwandelte sich Lamechs Blick, und der Thubalkain ballte vor erwachtem Grimme seine Fäuste und schrie endlich mit donnerähnlicher Stimme: »Solche Jehovasboten seid ihr?! O ihr Auswürfe der Hölle! - Ja, ja, - auf die Berge wolltet ihr uns bringen, da ihr nach eurer Teufelswissenschaft unser hier nicht völlig Meister zu werden wähnet! - Nein, nimmermehr!
   23] Dank dir, mein teures Weib, für diese Nachricht! Der Thubalkain wird sich solcher Büberei entgegenzusetzen wissen!«
   24] Der Lamech aber sagte zum Thubalkain: »Mein Sohn, bevor wir handeln wollen, werden wir auch den anderen Teil anhören! Daher beruhige dich; denn wer weiß, ob das nicht etwa eine Versuchung ist!
   25] Und so denn frage ich euch, ihr Boten, sagt mir: Wie verhält sich diese Sache? Enthüllt mir dies Rätsel, oder ich trete zurück und werde, was ich war, auch im Feuer ein unbeugsamster König, auf daß euch kein schändlichster Sieg werde über mich und all mein starkes Volk!
   26] Also redet, oder mein Fluch treffe jede Fiber eures Wesens! Amen.«


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