Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 155. Kapitel: Adams scharfe Worte und Verbannungsspruch an den Fremden. Der Fremde enthüllt sich als der Herr Selbst.

   01] Es trat aber nach dieser Unterredung alsbald der Fremde, den Abedam verlassend, zwischen Henoch und Adam und sagte, gewisserart beide fragend:
   02] »Ihr verhandelt allda ja etwas im geheimen! Ist denn solches auch eine Regel am Streittage?
   03] Ehedem hat sich der Richter so lange ganz wie stumm verhalten müssen und durfte sich sogar niemandem nahen und niemanden ansehen, damit da sein solle sein Urteil ohne Makel;
   04] Nun aber ist der Henoch, der von Gott Selbst erwählte Lieberichter, schon im ersten Richttage ein Plauderer geworden! Wie sollen wir demnach solches nehmen?
   05] Henoch, du bist doch beständig allhier zugegen gewesen und mußt daher ja doch die Ordnung des Richters am Streittage dir wohl schon gemerkt haben!
   06] So du aber solches nicht in Abrede zu stellen vermagst, was hast du denn für einen Grund, dieselbe nicht zu beachten?
   07] Oder hat dich etwa gar der hohe Abedam davon losgemacht und hat da - eine andere Ordnung eingeführt?! Solches aber müßte Ich ja doch auch wissen!
   08] Soviel es Mir aber bekannt ist, da weiß Ich nichts davon - außer bloß nur, daß Er aus dem früheren trockenen Rechtsamte ein Lehr- und Liebeamt gemacht hat.
   09] Aber von den sonstigen Regeln dieses Tages, ob sie bestehen oder nicht bestehen sollen, kann Ich Mich durchaus nicht entsinnen, ob Er darüber etwas angeordnet hat!
   10] Daher möchte Ich wohl auch wissen, aus welchem Grunde du das alte Gesetz Adams nicht hältst?«
   11] Hier wurde der Henoch sehr verlegen und wußte durchaus nichts, was er dem Fremden auf solch eine schroffe Bemerkung hätte erwidern sollen.
   12] Aber desto prompter war bei dieser Gelegenheit der Adam. Dieser erhob sich alsogleich, nahm seine alte Amtsmiene an, wandte sich zum Fremden und sagte zu ihm:
   13] »Höre du, mein Kind Deine Weisheit scheint vergessen zu haben auf welchem Punkte du dich jetzt befindest
   14] So du die alten Regeln des Streittages also wohl innehast, daß du darob jede Wendung des neuen Richters vom Grunde zu bemängeln vermagst, sage mir daher, ob du denn von dem alten Gesetze Adams nichts gehört hast, zufolge dessen derjenige, der sich am Streittage durch was immer am Richter vergreifen möchte - sei's mit der Zunge oder mit dem Finger oder einem scheelen Blicke -, alsogleich auf dreißig Jahre verbannt werden soll!
   15] Was sagst du nun zu diesem Gesetze? Solches Gesetz hat noch allzeit gegolten, und der hohe Abedam hat es meines Wissens ebensowenig aufgehoben als irgendein anderes, dessen du erwähnt hast! - Verstehst du solches?
   16] Der alte Gesetzgeber dieser Erde aber bin ich und kann ein Gesetz aufheben, wie und wann ich es will! Verstehst du solches?
   17] Und also hebe ich denn auch somit alle Gesetze auf, durch welche der Richter in was immer für einer Sphäre gebunden war bisher; aber die Gesetze für Streitende bleiben! - Verstehst du, weiser Abendländer, solches?
   18] Daher bringe nun eine gültige Entschuldigung vor, und vermagst du das nicht, so harrt deiner die unwiderruflichste dreißigjährige Alleinverbannung! - Verstehst Du solches?
   19] Also rede, und entschuldige dich, - sonst sollst du gar bald mein Urteil vernehmen! Verstehe solches, du weise Nase von einem Streiter!«
   20] Der Fremde sah den ganz grimmzornigen Adam wie überaus verwundert an, schwieg eine kurze Zeit, öffnete endlich Seinen Mund und sagte:
   21] »Adam! Was würdest denn du dann dazu sagen, so Ich es dir dartun möchte, daß Ich hinreichend Macht und Recht habe, auch den zweiten Teil deiner Gesetze ganz rein aufzuheben?«
   22] Der Adam aber erwiderte dem Fremden heftigst: »Noch eine solche Frage, und du hast sogar das Entschuldigungsrecht verwirkt! - Verstehe es, bedenke und rede
   23] Der Fremde aber erwiderte wieder dem Adam:
   24] »Adam! Drei Tage hat der hohe Abedam, Jehova, Gott, der Ewige Selbst, nichts als die Liebe gepredigt! Sind das die Früchte Seiner Herablassung?!
   25] Habe Ich Mich denn irgend an dem Henoch vergriffen, so Ich ihn bloß fragte, aus welchem Grunde er nicht in allen Punkten dein altes Gesetz beachte?
   26] Adam, du hast des Abedam Lehre schlecht aufgefaßt!
   27] Hatte der Abedam denn nicht alles Gericht verbannt und hat an seine Stelle die alleinige Liebe eingesetzt?! Hat Er dir darum nicht den allgemeinen Adam abgenommen und hat dich dadurch jeder Rechenschaft für deine Nachkommen enthoben?!
   28] Warum willst du dir denn nun wieder die alte Last auf deinen Nacken bürden?!
   29] O du undankbarer Mensch! Was hätte denn der Abedam noch tun sollen, das er nicht getan hatte?! - Voll Grimm ist dein Wesen, und du möchtest Mich vernichten, wenn es dir möglich wäre! O wie schlecht hast du die tausend und tausend Worte Abedams aufgefaßt!
   30] Es wird Mich zwar dieses dein gegenwärtiges Urteil treffen - Ich werde die dreißig Jahre Verbannung wohl ertragen -, aber für jetzt ist es noch nicht an der Zeit!
   31] Darum aber hebe Ich jetzt auch dieses Gesetz auf, darum (damit) da niemand mehr solle verbannt werden; auf dieser Höhe niemand mehr!
   32] Denn Brüder sollen einander nicht richten - außer mit der Liebe Geduld, Sanftmut und Erbarmung!
   33] Wenn aber die Brüder werden einander zu verurteilen anfangen, alsdann werde auch Ich als Richter aufstehen und werde sie richten zum ewigen Tode!
   34] Adam, verstehst du nun solches?« - Hier fiel es allen wie eine Decke von den Augen, und sie erkannten den Fremden.


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