Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 139. Kapitel: Zweifel der Grübler über die unendliche und endliche Wesenheit Gottes. Abedams erhellender Bescheid.

   01] Nach solcher Erklärung waren viele samt dem Jared sehr froh geworden; aber einige wußten sich dessenungeachtet noch nicht so recht zu helfen und kauten daher noch ganz gewaltig an den zwei Wesenheiten Gottes, nämlich zum Teile an der unendlichen und zum Teile an der gestaltlich vor ihnen stehenden.
   02] Der eine bewies es dem andern sagend: »Ja, ja, das Unendliche kann ebensowenig irgendwo in die Schranken der Endlichkeit treten, als wie wenig das Endliche je die Unendlichkeit ausfüllen wird!«
   03] »Also", sagte ein anderer, »müßten wir auf diese Art etwa gar zwei Götter annehmen, einen endlichen, das heißt soviel als einen wesenhaft gestaltlichen, und dann einen unendlichen, oder wesenhaft ungestaltlichen?!«
   04] Ein dritter bemerkte wieder und sagte: »ich denke aber also: Da wir Gott doch notwendig uns in jeder Hinsicht als unendlich vollkommen vorstellen müssen, so kann Er nur Einer sein, nämlich ein in jeder Hinsicht unendlicher; denn eine beschränkte gestaltliche Wesenheit muß ja doch auch notwendig andere Beschränktheiten nach sich ziehen! Wie aber lassen sich diese mit den unendlichen Vollkommenheiten vereinbaren?«
   05] Ein vierter aber bemerkte wieder: »Ich kann meine Gedanken wenden und dehnen, wie ich nur immer mag und will, so ist es mir aber doch platterdings unmöglich, daß ich mir das Unendliche des Raumes hinwegdenken könnte -, und also auch das Ewige!
   06] Denn lasse ich auch irgendwo in endloser Ferne den Raum durch eine endlos weit ausgedehnte Rundwand begrenzen, so dringt aber mein Geist dennoch alsbald wieder durch diese Scheide- oder Grenzwand und erblickt vor sich nichts anderes als die Fortsetzung des weiter fortgehenden Raumes nach allen Seiten hin in unendliche Tiefen.
   07] Ich verfolge dann diese wieder endlos weit hinaus und ziehe mir wieder in endloser Fernen Tiefe eine noch endlosere Rundwand; hat dann etwa hier der Raum dann sein Ende? - O mitnichten!
   08] Mein Geist dringt auch durch diese Wand - und wenn er sie auch früher nahezu endlos dick gestaltet hatte -, und was erschaut er dann hinter dieser Wand?
   09] Nichts als die abermalige weitere Fortsetzung des unendlichen Raumes in noch unendlichere Tiefen!
   10] Bei diesen Betrachtungen aber wirft sich einem ja doch notwendig die Frage auf, und man sagt: Ist dieser unendliche und ewige Raum die Wesenheit Gottes, oder ist er erfüllt von ihr?
   11] Ist aber solches doch notwendig der Fall, da frage sich dann jeder nach Jareds gutem Winke, was Er ist in Seiner bildlichen Form? - ein reinstes Nichts!
   12] Denn zwischen dem Endlichen und Unendlichen kann durchgehends ewig nie ein anderes Verhältnis stattfinden als das des vollkommenen Untergangs des Endlichen im Unendlichen.
   13] Und so haben wir in dem Falle wirklich keinen Gott, indem wir wahrhaft pur nichts gegen Ihn sind!
   14] Ist aber Gott ein gestaltlicher in der Art wie wir und dabei aber doch von ewiger Dauer und wirkt sonach in den endlosen Raum durch Seine überstarke Willensmacht hinein, so läßt sich denn doch auch wieder fragen: Hat Er mit diesem Seinem Willen, wenn auch von Ewigkeiten her von Ihm ausgehend, bis jetzt wohl schon die volle Unendlichkeit des ewigen Raumes erfüllt?
   15] Mir kommt solches undenkbar vor, weil das Unendliche doch notwendig ewig unausfüllbar ist!
   16] Ist aber Gott dessenungeachtet gestaltlich wesenhaft, da läßt sich ja auch sogar wieder die neue Frage aufstellen, ob in irgendeiner unendlichsten Ferntiefe der Tiefen des ewig unendlichen Raumes sich nicht eine zweite, ähnlich mächtige Gottheit gestaltlich wesenhaft vorfindet, und ebenso auch eine weitere dritte und so fort ins Unendliche, welche Gottheiten uns aber dann freilich wohl nichts mehr angehen?«
   17] Nach diesen Grübeleien fingen einige wieder an, sich auf die Brust zu schlagen und dann jammernd zu schreien: »Tribihal, Tribihal, was hast du geredet?!
   18] Wenn so, - welch ein Kampf steht dereinst solchen Göttern bevor, wenn sie sich mit ihren großen Willensmächtigkeiten begegnen werden, wenn auch in den endlosen Tiefen des unendlichen Raumes!«
   19] Hier erhob Sich der Abedam wieder, berief alle die Grübler zu Sich und sagte dann zu ihnen: »O ihr großen Narren, was habt ihr denn für Unsinn ausgeheckt?! Wahrlich, Ich möchte ihn nicht wiederholen - und möchte ihn auch von niemandem mehr wiederholen hören!
   20] Damit ihr aber dennoch aus euren endlos dummen Träumereien kommt, so habe Ich Mich eurer Torheit erbarmt und will euch ein wahres Licht geben für euer finsteres Herz, und so höret denn: Was ihr des Raumes Unendlichkeit benennt, ist der Geist Meines Willens, der von Ewigkeiten her eben diese endlose Räumlichkeit gestellt hatte und hat sie erfüllt allenthalben mit Wesen aller Art. Dieser Geist aber hat einen Mittelpunkt wesenhaft gestaltlich, in dem alle Macht dieses unendlichen Geistes vereinigt ist zu einem Wirken, und dieses Machtzentrum des unendlichen Gottgeisteswesens ist die Liebe als das Leben eben dieses Geistes; und diese Liebe bin Ich von Ewigkeit.
   21] Obschon Sich aber der Geist Gottes überall wirkend äußern kann, so kann Er Sich aber dennoch nicht wesenhaft gestaltlich äußern ohne die Liebe; wo aber Gott Sich dann gestaltlich äußert, da auch äußert Er Sich möglicherweise für endliche Wesen, wie ihr es seid, durch Seine Liebe, welche da ist das eigentliche Grundwesen Gottes und der Sammelpunkt aller Macht, Kraft und Heiligkeit des unendlichen Geistes.
   22] Sehet, das ist das Wesen Gottes in aller Wahrheit und kann nur mit dem Herzen, aber nie mit dem Verstande begriffen werden!
   23] Solches aber fasset in euer Herz, so wird euch der unendliche Raum nimmerdar beirren, und die bevorstehenden Götterkriege werden aus eurem Gehirne verschwinden! Amen.«


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