Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 104. Kapitel: Wunderbare Speisung des Volkes. Horadals Dank- und Liebesrede. Lieben heißt leben im Geiste.

   01] Darauf erhob sich alsbald der Horadal, dankte dem Herrn noch einmal für solche große Gnade und Erbarmung und wandte sich endlich zu seinem Volke und sagte:
   02] »Brüder, nehmet hier mit dem dank- und freudeerfülltesten Herzen die Speise und den Trank, und esset und trinket, nachdem ihr alles gehörig und gerecht werdet untereinander verteilt haben!
   03] Ich selbst aber will erst dann um irgendeinen Rest in den Korb greifen, wenn ihr euch alle hinreichend werdet gesättigt haben.
   04] Und sonach erfüllt mit größter Dankbarkeit eurer Herzen den allerheiligsten Willen des großen, alleinig wahren Gottes, der da nun sichtbar vor unser aller Augen für uns diese Speise gesegnet hat! Amen.«
   05] Nach dieser Beheißung nahmen die zehn oberen Anführer die Körbe und, nachdem sich das Volk zeilenförmig auf die Erde gelagert hatte, und zwar in gerade zehn Zeilen, teilten da die Speise aus, und zwar also, daß da jeder mit seinem Korbe versah eine Zeile, übergebend zugleich auch dem Ersten der Zeile das Gefäß mit dem Getränke und ein Gefäß mit dem allerreinsten Honig, damit, wenn der Erste davon nach Bedarf genossen hatte, er es gebe seinem Nachbarn, und das also fort bis ans Ende der Zeile.
   06] Nachdem aber alles gehörig mit Speise und Trank versehen war, da erst besahen die zehn Verteiler ihre Körbe; wie sehr aber erstaunten sie, als sie die Körbe nicht einmal bis zur Hälfte geleert erschauten!
   07] Sie wollten daher noch einmal die Zeile, nach rückwärts verteilend, durchgehen; allein da sie bemerkten, daß da noch ein jeder vollauf mit allem versehen war, so dankten sie mit dem gerührtesten Herzen dem Herrn und trugen die noch inhaltreichen Körbe wieder zurück zum Horadal, der unterdessen jeden Verteiler mit seinen Augen verfolgte, um zu sehen, ob da wohl jeder redlich sein Amt verwalte.
   08] Als nun die Körbe wieder hier standen und der Horadal ersah, daß dieselben noch über die Hälfte voll waren, da fragte er alsbald ziemlich ernst die Austeiler:
   09] »Wie habt ihr denn da ausgeteilt?! Die Körbe sind zwar wohl von größerer Art, aber es ist des Volkes über zehntausend Köpfe an der Zahl.
   10] Wieviel habt ihr da einem zukommen lassen? Kann er nach dem Willen des allerhöchsten Herrn wohl gesättigt werden?'
   11] Einer von den zehn aber erwiderte ehrfurchtsvoll: »So du das Wunder aller Wunder erschauen willst, da siehe nach, wie da jede Zeile vollauf versorgt ist mit allem, und du wirst sicher mit uns ausrufen: , Solche Dinge sind nur Gott möglich; Ihm sei darum allein alle Ehre, alles Lob, aller Preis, alle Anbetung, aller Dank und alle Liebe ewig! Amen.
   12] Darauf durchflog der Horadal alle die Zeilen mit seinen Augen, und da er ersah, daß da auch nicht eines darunter war, dem etwas abginge, so wandte er sich zum Herrn und sagte: »O Du, dessen Name meine Zunge nimmerdar wert ist auszusprechen, wie soll ich Dir denn danken, wie Dich preisen, wie Dich loben, daß es Dir wohlgefiele.
   13] O Herr, Du endlos Heiliger, siehe, mein Teuerstes, was ich habe, ist dies mein wennschon auch vor Dir gänzlich wertloses Leben! Ich habe aber dennoch nichts anderes, durch das ich mir selbst bewußt etwas wäre und tun könnte; wenn es Dir aber wohlgefiele, so möchte ich es Dir zum Opfer bringen, zum Danke für dies arme Volk!«
   14] Nach diesen Worten aber fiel er alsbald wieder vor übergroßem Dankgefühle weinend vor dem Abedam nieder.
   15] Bei diesen Worten Horadals aber hielt sich der Abedam eine Hand vor die Augen und barg Tränen großer Erbarmung; erst nach einer kleinen Weile bog Er Sich zur Erde nieder, berührte den noch weinenden Horadal und sagte zu ihm: »Horadal, erstehe; denn jetzt habe Ich dir alle Schuld nachgelassen!«
   16] Und der Horadal stand auf und war lange unfähig vor lauter Rührung, auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen.
   17] Nach einer Weile aber faßte er sich doch wieder, und nach einem tiefen Atemzuge fragte er endlich den Herrn, sagend nämlich:
   18] »Herr, siehe mich armen Sünder gnädig an, und zürne mir nicht, wenn ich nun meinem gedrängten Herzen ein wenig Luft mache durch eine Frage deren ich freilich wohl nicht im allergeringsten wert bin!«
   19] Und der Abedam sagte zu ihm: Also eröffne Mir dein Herz!« »
   20] Hier legte der Horadal seine Hände über seine Brust und sagte: »O Herr, Du Allerheiligster! Dürfte auch ich armer Sünder und mein armes Volk Dich lieben aus allen Kräften unseres Lebens?!
   21] Vergib mir diese für mich zu heilige Frage! Mein Verstand sagt mir zwar: Gott können und dürfen nur reine Herzen lieben; mein Herz aber sträubt sich nun gar gewaltig gegen diese Verstandeseinrede.
   22] O so sage mir, ob ich tun kann und darf, wonach sich nun mein Herz also mächtig sehnt!«
   23] Und der Abedam aber erwiderte ihm darauf: »Horadal, darum du fragst, das tust du ja schon, und sei Mir darum gesegnet!
   24] Ich sage dir aber dafür die drei verheißenen Worte, und diese heißen:
   25] Liebe, liebe, liebe, so wirst du leben ewig im Geiste, aber sterben der Welt! Nun aber bist du der Welt schon gestorben; daher liebe, liebe, liebe Mich, deinen heiligen Vater ewig! Amen.«


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